von Wolfram Sternbeck
Mit dem Aufkommen der Stehenden Heere zu Beginn des 17. Jahrhunderts mußte auch über die Versorgung der im Dienst erkrankten und nicht mehr dienstfähigen Soldaten eine Reglung gefunden werden. In den Anfängen der Invalidenversorgung wendeten die europäischen Herrscher die schon aus der Antike bekannten Versorgungsarten, wie Versorgung mit Zivilstellen, Gewerbeerleichterungen, Landversorgung, Abgabebefreiung und Privilegien, Geldversorgung usw., an.
Im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts kam eine neue Art der Invalidenversorgung hinzu. In Frankreich ließ der französische König das Pariser Invalidenhaus errichten. Weitere Invalidenhäuser entstanden im englischen Chelsea und Portsmouth (für die Marine), im niedersächsischen Celle sowie im hessischen Carlshafen. Ein schon um 1703 durch den ersten preußischen König Friedrich I. geplantes Invalidenhaus in Berlin kam aus finanziellen Gründen nicht zustande. Erst Friedrich Wilhelm I. errichtete in Preußen, zuerst in Pritzerbe, später in Werder bei Potsdam ein Invalidenhaus.
Sein Sohn Friedrich II. griff die Idee eines Invalidenhauses für Berlin nach dem Zweiten Schlesischen Krieg auf und erließ, nach der Besichtigung des Gebietes am 19. Dezember 1746, die Anordnung ein Invalidenhaus am Ufer des 1704 entstandenen Schönhauser Grabens (heute Berlin-Spandauer-Schifffahrtskanal) zu errichten. Weitere Anordnungen betrafen die Bereitstellung der Gelder und der Baumaterialien.
Mit dem Entwurf des Invalidenhauses und den vorbereitenden Maßnahmen wurde der Ingenieurkapitän Isaak Jacob Petri (geb. 1701 Wesel – gest. 1776 Freienwalde) beauftragt und aus Magdeburg herbeigeordert. Die vorbereiteten Maßnahmen begannen sofort.
Der mit dem Bau und dem Entwurf des Invalidenhauses beauftragte Ingenieurkapitän Isaak Jacob Petri, lieferte eine noch ganz im Geiste des Barocks dreiflüglige schloßähnliche Gebäudeanlage, deren Hauptfront zum Wasser zeigte, mit den dazu gehörenden Wirtschaftsgebäuden ab, die mit der schriftlichen Anmerkung „Gut Friedrich“ vom König abgesegnet wurde.
In knapp anderthalb Jahren (1747/1748) wurde das Invalidenhaus nach dem Entwurf von Petri unter der Bauleitung von Christian Friedrich Feldmann (geb. 1706 Berlin – gest. 23.10.1765 Berlin) am Schönhauser Graben fertig gebaut
Das Invalidenhaus bestand aus einem 175 m langen dreistöckigen Mittelbau, dessen Hauptfront nach Westen dem Schönhauser Graben zugewandt war, und mit den beiden ebenfalls dreistöckigen Seitenflügels ein offenes Viereck bildete, das sich zur heutigen Scharnhorststraße öffnete. Am Mittelbau waren im Süden die evangelische und im Norden die katholische Kirche angebaut, die aber beide aus der Achse des Hauptgebäudes heraustraten. Im Norden und Süden schlossen sich an den Seitenflügel die einstöckigen Wirtschaftsgebäude an, die mit ihren 3 Fronten jeweils zu den Seitenflügeln ebenfalls offene Vierecke bildeten. Alle Gebäude waren mit einem Walmdach versehen.
Der Risalit des Mittelbaus war mit barockem Bauschmuck ausgestattet. An der Kanalseite, lange Zeit die Haupteingangsseite des Hauses, schmückte eine Skulpturengruppe, bestehend aus einem gesunden, einen verwundeten und einem sterbenden Krieger in römischer Tracht, dem damaligen Zeitgeschmack entsprechend, das Dach des Risalit. Darunter, über das Mittelportal, war mit Buchstaben aus goldfarbenen Metall, die lateinische Inschrift angebracht:
„Laeso et invicto militi“
MDCCXLVII
(Dem verwundeten doch unbesiegten Krieger 1748)
Diese Inschrift war auch am Risalit des Innenhofes vom Hauptgebäude angebracht. Zusätzlich wurde dort im Jahre 1880 ein Reliefporträt des Königs Friedrich des Großen über die Inschrift und auf der Kanalseite das Monogramm des Königs angebracht.
Zu erwähnen wäre noch, daß der König für den gesamten Bau des Invalidenhauses eine Summe von 121.000 Talern veranschlagt und auch überwiesen hatte. Diese riesige Summe wurde nicht verbraucht, sondern es blieb eine Summe von 1.338 Talern 7 Groschen 6 Pfennig übrig (Wann bleibt heute bei öffentlichen Bauten etwas übrig? Heute wird alles eher teurer!)
Am 15. November 1748, der Stiftungstag der noch heute existierenden Stiftung, zogen die Invaliden in das Haus ein.
Das Haus wies gegenüber den anderen europäischen Invalidenhäusern als Besonderheit auf, daß dieses Haus auch für verheirateten Invaliden offen war und nicht nur ledigen.
Das Invalidenhaus wurde militärisch geführt und war Teil des preußischen Heeres. Bis 1835 wurde es unterschiedlich bezeichnet und zwar Invalidenbataillon oder Invalidencorps. Endgültig setzte sich 1835 dann die Bezeichnung Invalidenbataillon durch. Dieses Bataillon war in drei Kompanien unter- teilt. Die erste Kompanie bestand aus den „lahmen“ Leuten und sollte auf Weisung Friedrich des Großen im Erdgeschoß untergebracht werden.
Ein Kommandant stand dem Hause vor. Der Dienstgrad war bis zur Auflösung der militärischen Struktur mindestens Oberst. Er wurde in der Verwaltung von einem Auditeur und einem Verwalter unterstützt. Ein Auditeur wurde deshalb gebraucht, da das Invalidenhaus bis 1824 eine eigene Gerichtsbarkeit hatte.
Die 3 Kompanien bestanden aus 570 Gemeinen einschließlich 6 Tamboure, ohne die Chargierten, nämlich 3 Capitäns (Hauptleute), 6 Leutnants, 3 Fähnriche und 30 Unteroffiziere, darunter sollten Feldwebel sein. Von den Gemeinen durften 126 „Beweibte“ sein. Die Offiziere konnten alle verheiratet sein.
Mit der Anordnung verheiratete Soldaten im Invalidenhaus aufzunehmen, konnte der König seine Anordnung durchsetzen und sicherstellen, daß jeder Soldat eine warme Mahlzeit am Tag bekommen würde. Die Gemeinen bildeten in den Kompanien sog. Kameradschaften und diese bestanden aus einem verheirateten Soldaten und vier Ledige. Die Frau mußte für die Ledigen gegen Entgelt mitkochen. Fünf Kameradschaften teilten sich jeweils eine Kochstelle. Die Anordnung führte in der Geschichte des Invalidenhauses immer wieder zu Streitigkeiten zwischen den Frauen. Es führte soweit, daß sich 1838 sogar das Kriegsministerium damit beschäftigen mußte. Die gemeinsamen Kochstellen wurden dann im 19. Jahrhundert abgeschafft und die Stuben des Hauses wurden zu Wohnungen umgebaut.
Neben dem eigentlichen Haus schenkte der König dem Invalidenhaus noch ein Grundstück von „528 Morgen 17 Quadratruthen“. Das Gebiet lag, wenn man einen heutigen Berliner Stadtplan zur Hand nimmt, ungefähr zwischen der Heidestraße im Westen und der Gartenstraße im Osten sowie im Norden von der Boyenstraße bis zur Torstraße im Süden. Dieses Gebiet, das im Volksmund auch Sahara genannt wurde, da es sehr sandig war, sollte von den Invaliden kultiviert werden, damit sich das Haus selbst unterhalten konnte und nicht von staatlichen Zuschüssen abhängig war. Der Invaliden machten sich auch gleich an die Arbeit, aber ihre Kräfte hatte der sparsame König überschätzt. Der König hatte seine eigene Klassifizierung der Invaliden vergessen, denn zur Klasse 1 zählte er „Leute, die sich nicht mehr helfen können“. Die Bewohner des Invalidenhauses waren alles Invaliden, die dieser Klasse angehörten. Was sollten diese kranken Leute bei diesen schlechten Bodenverhältnissen ausrichten? Sie mühten sich redlich, aber ohne Erfolg. Erst 1769 hatte der König ein Einsehen und Teile des Gebietes wurde verpachtet und an der heutigen Gartenstraße wurden Gärtner, daher auch der Name der Straße, angesiedelt. Aber auch diese hatten keinen Erfolg und gaben auf. Andere „ehrliche Gewerke“, keine Schankwirtschaften, kamen nun hinzu und weitere Grundstücke wurden verpachtet. Besonders ab 1829 begannen die Verpachtung und später auch der Verkauf der Grundstücke. Neben dem Invalidenhausviertel entstand: An der Chaussestraße das Machinenbauviertel, da dort immer die Schornsteine rauchten, auch Feuerland genannt. Die Firma Borsig, Wöhlert, Pflug, Schwartzkopff usw. begannen hier zu produzieren. In diesem Zusammenhang darf natürlich nicht die Königliche Eisengießerei vergessen werden, deren Einrichtung der Anfang war, dass das Maschinenbauviertel entstand. Das erste Lazarett der Berliner Garnison entstand in der Scharnhorststraße. Auch die Militärische Turnanstalt wurde hier gegründet. An der Chausseestraße entstand die Kaserne für das 2. Garde-Füsilier-Regiment (im Berliner Volksmund „Maikäfer“ genannt. In der Kielerstraße war die alte Artillerieschule untergebracht. Nach deren Verlegung war hier das 3. Garde-Feldartillerie-Regiment zu Fuß beheimatet. Auf alle Einrichtungen hier einzugehen würde allerdings den Rahmen des Artikels sprengen. Nicht unerwähnt sollte der Invalidenfriedhof bleiben. Dieser Friedhof, der noch heute im Gedächtnis der Berliner mehr verankert ist als das Invalidenhaus, war als Begräbnisstätte für die Bewohner des Hauses vorgesehen, aber durch die Besiedlung des Viertel um das Invalidenhauses wurde auch andere Personen auf dem Friedhof beigesetzt. Im 19. Jahrhundert wurden immer mehr prominente Personen auf dem Friedhof bestattet, aber nicht, wie fälschlich immer wieder behauptet, nur Militärpersonen, sondern auch Wissenschaftler, Fabrikanten usw. Das bekannteste Grabmal ist das Grab von Scharnhorst. Diese Bestattungen waren eine ständige Einnahmequelle, genauso wie die Verpachtungen, für das Invalidenhaus bis zur Teilung Berlins.
Im Siebenjährigen Krieg war der Bestand des Invalidenhauses im Jahre 1760 bedroht. Österreichische und russische Truppen hatten Berlin besetzt. In diesem Zusammenhang wurde das Invalidenhaus innerhalb zweier Tage von russischen Kosaken aufgesucht und die Bewohner ausgeplündert. Es blieb ihnen nur das Hemd auf dem Leib. Ein Invalide starb in diesem Zusammenhang.
Bei der Besetzung Berlins durch napoleonische Truppen wurde dem Invalidenhaus durch Napoleon zwar die Versorgung zu gesichert, aber die Kosten der Stadt Berlin aufgedrückt. Aber die Stadt Berlin war genauso bankrott wie der gesamte preußische Staat und so blieb auch das Invalidenhaus nicht von der Not der Besatzungszeit verschont. Erst 1819 kam Normalität in die Versorgungslage der Invaliden, nicht nur in diesem Hause sondern im gesamten preußischen Staat.
In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde damit begonnen, das Invalidenhaus zu modernisieren. Diese Maßnahme zog sich bis in die 70er Jahre hin.
Da immer weniger Ausländer im preußischen Heer dienten und die Versorgung der Invaliden verbessert wurde, kamen immer weniger Invaliden ins Haus. Der Einheimische ging in der Regel zur Familie zurück. Diese Situation weckte 1833 Begehrlichkeiten bei der militärischen Führung und man wollte das Haus als Ausbildungsstätte für die Artillerie benutzen. Die Führung des Hauses wehrte sich gegen diese Pläne und der damalige König wurde zur Schlichtung angerufen. Friedrich Wilhelm III. entschied für die Invaliden, denn er wollte das Werk seines Ahnen nicht zerstören.
Im März 1848 wollten revolutionäre Arbeiter das Invalidenhaus abbrennen, aber durch das beherzte Eingreifen eines ehemaligen Soldaten ließen sie von Vorhaben ab. Dafür mußten aber die in der Nähe des Invalidenparks liegenden Wagenhäuser der Artillerie und die königliche Eisengießerei daran glauben.
Nach den Kriegen von 1864, 1866 und 1870/71 kamen wieder mehr Invaliden ins Haus.
Mit dem ersten Weltkrieg deutete sich ein Umbruch in der Geschichte des Invalidenhauses an. In diesem Krieg wurden sogar 19 Invaliden wieder reaktiviert. Zwei Invaliden dienten sogar an der Front. Im Rahmen des Versailler Vertrages wurde das Invalidenhaus entmilitarisiert und dem Reicharbeitsministerium unterstellt sowie zu einer Stiftung erklärt. Diese Unterstellung blieb bis zum 30. März 1937, denn an diesem Tag unterstellte Adolf Hitler durch einen Führererlass das Invalidenhaus wieder der Wehrmacht. Diese Unterstellung geschah nicht aus sozialen oder sentimentalen Gründen, sondern er wollte an das große Grundstück des Invalidenhauses für den Ausbau Berlins zur Welthauptstadt „Germania“. Die Invaliden bekamen ein Grundstück in Berlin-Frohnau zu gewiesen und das Heeresbauamt I erbaute dort die bis heute noch existierende Stiftung Invalidenhaus Berlin. Nur durch den Umzug nach Frohnau hat die Einrichtung des Invalidenhauses überleben können.
Das Gebäude des Invalidenhauses wurde nach dem Auszug der Invaliden im Jahre 1939 von der danebenliegenden und 1934 wieder gegründeten Militärärztlichen Akademie bis 1945 genutzt. Durch eine Brandbombe wurde der Mittelteil des Gebäudes beschädigt und von den DDR-Behörden abgetragen. Nur der Nord- und Südflügel hat überlebt und ist heute Teil des Bundesministeriums für Wirtschaft und Technologie.
Dies ist in Kürze die Geschichte des Invalidenhauses auf der Grundlage des Buches „Die Invalidensiedlung in Berlin-Frohnau“, daß im November diesen Jahres erscheinen wird.