Dr. Martin Meier
Französische Subsidienzahlungen bewogen Schweden 1674 zum Angriff auf die Mark Brandenburg. Nach der verheerenden Niederlage bei Fehrbellin zogen sich die schwedischen Regimenter nach Vorpommern zurück, gefolgt von den Verbänden des Großen Kurfürsten, der nun einmal mehr den Traum vom vollständigen Erwerb Pommerns(2) in greifbare Nähe gerückt sah. Das seit 1672 mit Brandenburg alliierte Dänemark trat ebenfalls in den Krieg ein, mit dem Ziel, Rügen in seinen Besitz zu bringen.(3) Bereits am 13. Oktober 1675 vereinigten sich brandenburgische und dänische Regimenter vor den Toren Stralsunds. Sowohl Friedrich Wilhelm als auch Christian V., beide persönlich vor Ort, hofften, die Feste im Handstreich zu nehmen. Schlug dieser Versuch auch fehl(4), so kam die Kriegführung im übrigen Vorpommern doch zügig voran.(5) 1676 koordinierte ein neuer Bündnisvertrag die Aufgaben, Pflichten und Ansprüche der militärischen Partner. Die dänische Seemacht erschien dem Kurfürsten unverzichtbar für die Eroberung Vorpommerns und so sah er sich genötigt, ein Fünftel des zu erobernden Gebietes den Dänen zuzusprechen, sofern es diesen nicht gelänge, das Herzogtum Bremen-Verden an sich zu bringen.(6) Während der Kampfhandlungen präzisierten beide Herrscher ihre territorialen Ansprüche. Christian V. sollte nun Rügen erhalten.(7)
Im Frühjahr und Sommer 1676 schlugen erste dänische Landungsversuche fehl.(8) Am 7. September des darauf folgenden Jahres traten dänische Truppen erneut zur Eroberung der Insel an.(9) Das Eintreffen weiterer dänischer und brandenburgischer Verbände verhinderte die Wiedergewinnung Rügens durch 5000 Schweden unter dem Oberbefehl des Generalgouverneurs Feldmarschall Otto Wilhelm Königsmarck.(10) Lediglich die neue Fährschanze verblieb in schwedischer Hand und bildete einen wichtigen strategischen Brückenkopf für weitere Operationen. Erst im Jahr 1678 setzte Königsmarck mit Stralsunder Unterstützung zur Rückeroberung an. Die dort stehenden dänischen, kaiserlichen(11), brandenburgischen, hessischen und münsterschen Verbände oblagen dem Oberbefehl des dänischen Generalmajors Detlev von Rumor, der sich mit der Koordination jener internationalen Truppe als gänzlich überfordert erwies. Königsmarck setzte seine Verbände bei der neuen Fährschanze an Land. Diese ausgezeichnete Stellung befand sich an der äußersten südlichen Spitze einer breiten, in den Strelasund vorspringenden Landzunge östlich der Halbinsel Drigge. Jenes kleine Gebiet wird im Norden durch einen kleinen Höhenzug begrenzt, der von der See über die Ortschaften Sissow und Benz zur Landstraße zwischen Gustow und Prosnitz führt. Jener Verkehrsverbindung gegenüber lag das Rittergut Warksow, das auf beiden Seiten von einem Plateau umgrenzt wird. Westlich Sissow, unmittelbar an den Höhenzug angelehnt befindet sich eine sumpfige Niederung, die von einem Wasserlauf durchschnitten ist. Jener Graben verlief damals nördlich des Höhenzuges bis an die Landstraße und stellte ein erhebliches Hindernis für Truppenbewegungen dar.
Königsmarck besetzte im Januar 1678 die Neue Fährschanze mit 300 Stralsunder Bürgern und konnte hierdurch seine eigenen Kräfte vollständig für offensive Handlungen gewinnen.(12)
Am 6. Januar ließ er erste Erkundungen gegen den nördlich des Höhenzuges vermuteten Gegner durchführen. Ein kleineres Scharmützel zwang hierbei die vorgeschobenen alliierten Posten auszuweichen. Königsmarck führte seine Verbände an den Höhenzug heran und verbrachte den gesamten folgenden Tag mit dem Nachziehen weiterer Truppen vom pommerschen Festland. Am 8. Januar morgens um 7 Uhr, unmittelbar nach dem Frühgebet, überschritten die schwedischen Truppen den Höhenzug und gewahrten hierbei ihren Gegner auf dem der Landstraße gegenüberliegenden Plateau in voller Gefechtsformation.(13)
Der dänische Generalmajor von Rumor besaß mehr Herz als Verstand, mehr Tapferkeit als Geschick in der Truppenführung und so entschloß er sich, trotz des eindeutigen königlichen Befehls(14) auf Verstärkungen zu warten, den zahlenmäßig zwar etwas schwächeren(15), jedoch straffer geführten und vor allem artilleristisch überlegenen Gegner auf dem Warksower Feld anzugreifen.
Im 1. Treffen formierte er ein aus vier Bataillonen Infanterie bestehendes Zentrum. Je sechs Schwadronen Kavallerie bezogen an den Flanken Aufstellung. Im 2. Treffen nahm die Reserve mit drei Bataillonen und neun Schwadronen Aufstellung. Rumors Artillerie standen mindestens 21 Geschütze zur Verfügung. Den rechten Flügel kommandierte der dänische Oberstleutnant Mayer, den linken der brandenburgische Oberst Hülsen. Das Zentrum oblag dem Befehl des kaiserlichen Obristen Wallis.(16)
Königsmarcks Truppen bezogen in ähnlicher Manier Aufstellung, jedoch mit einem etwas stärkeren 1. Treffen und einer schwächeren Reserve. Diese bestand aus 5 Schwadronen schwedischer Dragoner. Die Hauptkräfte wiesen ein vier Bataillone umfassendes Zentrum und je Flügel 7 Schwadronen auf.(17)
Um 9 Uhr eröffnete ein Artillerieduell das Gefecht. Hierbei erwiesen sich die Schweden nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ überlegen. Ihre Geschütze schossen derart genau, dass Rumor sich gezwungen sah, Teile der Kavallerie zurückzunehmen. Im Zentrum begannen seine Infanteristen, sich Deckung suchend flach auf die Erde zu werfen.
Unterdes begann Königsmarck einige Abteilungen vom linken auf den rechten Flügel umzugruppieren. Um einem offensichtlich bevorstehenden Angriff auf seinen linken Flügel zu begegnen, begab sich Rumor zu diesem Gefechtsabschnitt und wurde von einem schwedischen Geschoß tödlich verletzt. Hierdurch geriet die alliierte Führung gänzlich durcheinander. Für den Fall des Todes Rumors waren keine Anweisungen getroffen. Dessen Generaladjutant Haye wandte sich nun selbständig an den kaiserlichen Oberst Wallis mit der Bitte, die Führung zu übernehmen. Dieser lehnte jedoch dankend mit der Begründung ab, dem Brandenburger Hülsen stehe das Kommando zu. Ergo begab sich Haye zu Hülsen. Dieser, schon gewillt die Gesamtleitung anzutreten, wurde von einem seiner Offiziere mit dem Argument konfrontiert, er könne doch seine Brandenburger in dieser Situation nicht im Stich lassen. Hülsen und Haye ritten nun gemeinsam zu Wallis. Beide Obristen einigten sich auf eine separate Führung der Flügel.(18)
Königsmark wußte zu diesem Zeitpunkt nicht von dem Tode seines Gegners, sah jedoch das Stocken im gegnerischen Angriff und setzte nun selbst zur Offensive an. Zügig ließ er einige Stellen des Wasserlaufes mit Sand ausfüllen und sandte zunächst die Kavallerie des rechten Flügels. Erst in diesem Moment kehrte Hülsen zu seinem Gefechtsabschnitt zurück und befahl sofort die brandenburgischen Schwadronen zum Gegenangriff. Dieser verlief zwar zunächst erfolgreich, als Königsmarck sich jedoch zum Einsatz der eigenen Kavalleriereserve entschloß, brach die brandenburgische Attacke zusammen. Einem erneuten Angriff folgte nicht nur dessen unmittelbares Scheitern, sondern provozierte die Schweden zu noch energischerem Vorgehen. Die schwedische ritt die brandenburgische Kavallerie nieder und bedrohte nun unmittelbar die linke alliierten Flanke. Sowohl die Reserve als auch zwei dänische Schwadronen, die zur Unterstützung herbeieilten, wurden von der Flucht der brandenburgischen Reiter erfaßt. Oberst Wallis gab hierauf Befehl zum Rückzug, der jedoch unausgeführt blieb, da Zentrum und rechter Flügel bereits in Kämpfe verwickelt waren. Weil die alliierte Kavallerie komplett das Schlachtfeld verlassen hatte, war auch die Kavallerie unrettbar verloren. Die Artilleristen starben bei ihren Geschütze. Die Infanterie sah sich ohne die anderen Waffengattungen nun gänzlich verloren und streckte nach zahlreichen(19) Salven um Pardon(20) bittend die Waffen. Zwischen 13 und 14 Uhr endete das vierstündige Gefecht. Von den 4100 Verbündeten blieben etwa 400 tot auf der Walstatt zurück. Die 3500 Schweden beklagten cirka 200 Gefallene.(21)
(1) In der jüngeren Literatur zur pommerschen Geschichte spielen, dem allgemeinen Trend entgegen, militärhistorische Aspekte eine relativ geringe Rolle. Weder in den sehr kritikwürdigen Beiträgen des Lehrstuhlinhabers für pommersche Geschichte Werner Buchholz noch in dem dänischen Werk von Jespersen und Feldbaek zur Historie der dänischen Außenpolitik findet das Gefecht Erwähnung. Vgl. Buchholz, Werner: Das schwedische Pommern vom Westfälischen Frieden bis zum Wiener Kongreß, in: Ders. (Hrsg.): Deutsche Geschichte im Osten Europas: Pommern, Berlin 1999, S. 237-304; Buchholz, Werner: Das schwedische Pommern, in: Piskorski, Jan M. (Hrsg.): Pommern im Wandel der Zeiten, Stettin 1999, S. 173-195; Jespersen Knud J.V.: 1648-1720, in: Due-Nielsen, Carsten/ Feldbaek, Ole/ Petersen, Nikolaj (Hrsg.): Dansk Udenrigspolitiks Historie 2: Revanche og Neutralilet 1648-1814, Kobenhaven 2002, S. 13-199.
(2)Die Frage, ob Friedrich Wilhelm den Entschluß, Vorpommern zu erobern, kurzfristig infolge der schwedischen Aggression gefaßt hat oder ihn dieser bereits seit geraumer Zeit beschäftigte, ist in der Literatur umstritten. Fakt ist, daß der Hohenzollernfürst die brandenburgischen Ansprüche auf ganz Pommern, die erbvertraglich seit 1493 bestanden, nie aus den Augen verlor, geschweige Verzicht zu leisteten bereit war. Vgl. Hüttl, Ludwig: Friedrich Wilhelm von Brandenburg der Große Kurfürst 1620-1688. Eine politische Biographie, München 1981, S. 402; Kiehm, Peter: Zu den Feldzügen des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm in Vorpommern 1675-1679. Hintergründe und Ziele, in: Jahrbuch für Regionalgeschichte 15 (1988) II. Teil, S. 108-115.
(3) Fock, Otto: Rügensch-Pommersche Geschichten aus sieben Jahrhunderten, Bd. VI: Aus den Zeiten pommerscher Selbständigkeit. Wallenstein und der große Kurfürst vor Stralsund, Leipzig 1872, S. 377.
(4) Fock: Rügensch-Pommersche Geschichten, VI, S. 378 f.
(5) Die für die Verteidigung des Landes strategisch bedeutsame Stadt Wolgast fiel bereits 1675 in brandenburgische Hände. Wehrmann, Martin: Geschichte von Pommern, Gotha 1904, Nachdruck Frankfurt a.M. 1981), S. 183. Im folgenden Jahr gelang den Truppen des Großen Kurfürsten die Eroberung der Festungen Anklam und Demmin. Wehrmann, Martin: Geschichte von Pommern, S. 184.
(6) Die Allianz mit Dänemarck (Vertragstext), in: Anonym: Friedrich Wilhelms des Grossen/ Chur-Fürsten zu Brandenburg Leben und Taten, Berlin und Franckfurt 1710, S. 585-591.
(7)In diesem Punkte irrt Biesner in der Datierung. Vgl. Biesner, Julius Heinrich: Geschichte von Pommern und Rügen, Greifswald 1839, S. 245. Fock: Rügensch-Pommersche Geschichten, VI, S. 382.
(8) Wehrmann: Geschichte der Insel, Greifswald o.J., S. 131.
(9) Abweichend von diesem in den Quellen genannten Datum gibt Holberg den 6. September als Tag der Landung an. Vgl. Wehrmann: Geschichte der Insel, S. 131; Holberg, Ludwig: Dänische Reichshistorie, III. Bd., Flensburg, Altona 1744, S. 777; Kurtze und Gründliche Relation von der Insul und Fürstenthum Rügen/ Wie dieselbe Anno 1677 durch den Königl. Dänischen Einfall verunruhiget/ und Anno 1678 im angehenden Jenner von Sr. Hoch Gräfl. Excell.dem Herrn FeldMarschall Königsmarck/ wiederum befreyet worden/ samt einer ausführlichen Lista aller gefangenen Officirer, Stralsund 1678, (ein Exemplar befindet sich im Stadtarchiv Stralsund unter E 4 0 472 5 ), BgnSign. A. 3; Zu den Operationen bis 1677: Pommerscher Kriegs-Postillion/ oder Kurze Beschreibung So wol der Pommerschen jüngsten Unruhe als auch desselben Landes und darinnen belegenen vornehmsten Städte/ Festung und Plätze/ Voraus Der Namhafften Belägerung der Haupt-Festung Stetin/ Auch Der Insul Rügen und drauff durch den König zu Dennemarck-Norwegen gefaßten Fuß/ und erfolgten Actionen/ sammt darzu benötigten Abrissen und Kupfer- Stücken, Leipzig 1677.
(10) Wehrmann: Geschichte der Insel, S. 131 f.; Holberg: Reichshistorie III, S. 777 f.
(11) Der Kaiser betrachtete den raschen Aufstieg Brandenburgs mit Sorge. Er war deshalb darauf bedacht, Stralsund nicht in die Hände des Kurfürsten gelangen zu lassen, sondern der Stadt im Friedensfalle die Reichsfreiheit zu gewähren. Hierauf ist auch das konkrete militärische Engagement auf Rügen von kaiserlichen und Reichstruppen zurückzuführen, die im Rahmen des gegen Schweden erklärten Reichskrieges handelten.
(12) Dankschreiben Karl XI. an Bürgermeister und Rat von Stralsund vom 15. Januar 1678, Stadtarchiv Stralsund Rep. 4, Nr. 129.
(13) Kurtze und Gründliche Relation, BgnSign. B 2; Im Wortlaut beinahe gleich: Relation von dem Treffen/ welches zwischen des Herrn Feld-Marschall Graff Königsmarcken Hoch-Gräffl. Exell. und den Dänischen Alliirten Trouppen, unter des Herrn General Major Rumoren Commando den 8ten Januarii dieses lauffenden 1678 Jahres auff der Insul Rügen/ ohnfern der Neu-Fehr Schantz/ auff dem grossen Warcksower Felde gehalten worden, Stralsund 1678 (ein Exemplar befindet sich im Stadtarchiv Stralsund unter E 4 0 472 ). Die folgende Schilderung des Gefechtes basiert im wesentlichen auf diesen beiden Quellen.
(14) Dietrich Sigismund von Buch vermerkt hierzu in seinem Tagebuch: „ Ich bekam die zu sichere Nachricht vom Verluste der Insel Rügen, welcher Verlust gewiß sehr groß ist, ein großer Grund zum Zorne gegen den Gen.Major Rumor, welcher hier befehligt war, wohl ihm daß er dabei den Tod gefunden, man hätte ihm sicher den Kopf abgeschlagen, daß er ohne Sinn, Verstand und Nothwendigkeit in ein Gefecht eingelassen, ...“ Kessel, Gustav von (Hrsg.): Tagebuch Dietrich Sigismund´s von Buch aus den Jahren 1674 bis 1683. Beitrag zur Geschichte des Großen Kurfürsten von Brandenburg, II. Bd., Leipzig, Jena 1865, S. 15.
(15) 4100 Verbündeten standen 3500 schwedische Kavalleristen und Infanteristen gegenüber. Hierzu kamen nochmals 300 Mann Geschützbedienung.
(16)Kurtze und Gründliche Relation, BgnSign. B 3.
(17) Kurtze und Gründliche Relation, BgnSign. B 3.
(18) Fock: Rügensch-Pommersche Geschichten, VI, S. 400 f.
(19)Fock irrt sich offensichtlich, wenn er meint, die Infanterie hätte nur wenige Schuß abgegeben. In der Kurtzen Relation heißt es wörtlich: „ Des Feindes Infanterie aber/ weil sie sahe/ daß man sie gantz verlassen hatte/ legte nach etlichen Schüssen das Gewehr nieder...“ Kurtze und Gründliche Relation, BgnSign. B 3; Vgl. Fock: Rügensch-Pommersche Geschichten, VI, S. 403.
(20) Auch in diesem Punkt verharmlost Fock die Situation. In seiner Schilderung versichert er, Pardon sei gegeben worden, läßt jedoch unerwähnt, das finnische Einheiten, trotz der offensichtlichen Aufgabe des Kampfes, weiterhin auf ihren Gegner einschlugen.
(21) Relativ exakte Verlustangaben mit namentlicher Nennung der gefangenen Offiziere. Kurtze und Gründliche Relation, BgnSign. C1-C2.
(22) Kurtze und Gründliche Relation, BgnSign. A 3 –C 2; Relation von dem Treffen / Welches zwischen des Herrn Feldmarschall Graff Königsmarcken Hoch=Gräffl. Excell. Und den Dänischen Allierten Trouppen unter des Herrn Generalmajor Rumoren Kommando den 8ten Januari dieses lauffenden 1678 Jahres auff der Insel Rügen (...) gehalten worden. Stralsund o.J. (1678).