von Gottlob Herbert Bidermann
Unsere Zeitschrift steht diesmal inhaltlich im Zeichen des Zweiten Weltkrieges. Nicht nur wegen der vorgestellten Museumsexponate, sondern auch wegen ihres Titelblattes. Dort sehen wir eine Fahnenabordnung vom Potsdamer Infanterie-Regiment 9, aus dessen Reihen ja eine große Anzahl Hitlergegner hervorgegangen ist, weil sie dort zeitweilig gedient hatten. Zu den durch Freitod umgekommenen Militärs gehört auch die bekannte Persönlichkeit Henning von Tresckow (1901-1944). Für Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der hingerichtet wurde (1907-1944), hatte Fritz Lindemann den Sprengstoff besorgt. General Fritz Lindemann (1898-1944) absolvierte aber eine andere militärische Laufbahn, die ihn nicht zur Infanterie, sondern bereits 1912 nach Potsdam zur 4. Garde-Feld-Artillerie geführt hatte. Die spätere Ablehnung der deutschen Angriffskriege machten aus dem Artillerie-General Lindemann einen entschiedenen NS- Gegner. Spätestens ab 1944 nahm Lindemann aktiv an den Vorbereitungen zum Attentat auf Hitler teil. Er sollte nach dem Putsch Sprecher einer neuen Staatsregierung werden. Über die letzten Tage und Stunden seines Lebens, hatte Gottlob Herbert Bidermann in seinem Buch: „…und litt an meiner Seite“ berichtet. Die Redaktion unserer Zeitschrift erhielt vom Verlag die Genehmigung, daß der Autor die relativ unbekannt gebliebenen Vorgänge in unserem Heft erneut zitiert.
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Fritz Lindemann versuchte nach dem Scheitern des Hitler-Attentats noch unterzutauchen und fand als Zivilist getarnt, bei dem Berliner Architekten-Ehepaar Gloeden, Unterschlupf (beide wurden später enthauptet). Inzwischen hatte die Reichsregierung auf den Kopf des Generals eine Belohnung von 500.000 RM ausgesetzt. Bald darauf wurde er verraten und am 3. September 1944 verhaftet. Als er noch versucht hatte aus dem Fenster zu springen, erlitt er durch Pistoleschuß eines Kriminalkommissars schwere Schußverletzungen in Bauch und Unterschenkel.
Die Gestapo (Geheime Staatspolizei) verbrachte den schwer verwundeten Fritz Lindemann in das Berliner Staatskrankenhaus der Polizei, man wollte ihn unbedingt gesund pflegen, um ihn hängen zu sehen! Frau Dr. Charlotte Pommer, aus der Chirurgischen Abteilung, schickte Ende 1945 einen Bericht über die letzten Lebenstage des Generals an dessen Witwe (gekürzter Auszug):
Als er auf den Operationstisch gelegt wurde sprach Lindemann erstmals: „Ich bin General Lindemann! Ich bin unschuldig! Ich sterbe für Deutschland! Grüßen Sie mir meine Frau!“.
Bei der Operation, die annähernd 100 Minuten dauerte zeigte sich, daß das Quercolon (Darm) zweimal getroffen, Kot ausgetreten und das Netz an einer Stelle verletzt war. Außerdem wurde ein glatter Oberschenkel-Weichteildurchschuß versorgt. Nach der OP wurde Fritz Lindemann ans Bett gefesselt und zwei Beamte blieben ständig in seiner Nähe. Es war vereinbart worden, daß ein Verhör erst dann stattfinden soll, wenn die Darmtätigkeit nach der OP wieder in Gang gekommen ist. Am Tage nach der Operation fühlte sich der Patient relativ wohl. Die Nachtschwester Gertrud Lux erklärte den SD- Beamten, daß eine ordentliche Versorgung des Patienten in Fesseln nicht möglich sei, und erreichte, daß die Fesseln während des morgendlichen Waschens und Bettens, das sie bis zu eineinhalb Stunden ausdehnte, abgenommen wurden. Am 4.9.1944 wurde versucht, über Frau Alexandra Roloff und Frau Dr. Maria Daalen Angehörige des Patienten zu benachrichtigen. Am 5.9. wurden die Fesseln abgenommen. Es stellte sich eine postoperative und durch eine beginnende Peritonitis (Entzündung) bedingte Darmlähmung ein, so daß es noch immer nicht zu einem Verhör kam. Der Kreislauf des Patienten war im Verhältnis zur Schwere der Krankheit gut. Eindrucksvoll waren seine außerordentliche Spannkraft und sein Wille, gesund zu werden. An allen Maßnahmen, die zur Besserung seines Zustandes vorgenommen wurden, war er sehr interessiert. Er verfolgte mit Aufmerksamkeit die Traubenzucker- und Kochsalzinfusionen und die intravenösen Strophanthin-Injektionen. Die sachliche Auseinandersetzung über die Medikamente, die ihm gegeben wurden, das Befragen über sein Befinden und eine Unterhaltung über sein Krankheitsbild waren neben Begrüßung und Abschied die einzigen Möglichkeiten, Worte zu wechseln. General Lindemann hatte einen so starken Lebenswillen gezeigt, daß für uns die Verpflichtung bestand, alles dranzusetzen, sein Leben zu erhalten. Bei Fliegeralarm wurde er von der Station in den Operationsbunker gefahren, und er wünschte von den Beamten an eine Stelle gefahren zu werden, die ihm besonders sicher erschien. Er fügte hinzu, daß dies doch im Interesse der Beamten sei. Sonst hat er mit der Bewachung gar nicht gesprochen. In einem Augenblick, als die Gestapo-Bewachung für ihr leibliches Wohl sorgte, fragte General Lindemann die Nachtwache, zu der er bald Vertrauen hatte: „Schwester Gertrud, wie steht die Front?“ Sie wußte darüber nichts zu sagen und erwiderte: „Wissen Sie denn nicht, was mit Ihnen geschieht?“ „Doch Schwester, aber darauf kommt es nicht an, es sterben ja so viele!“ Bei einer anderen Gelegenheit dankte er Schwester Gertrud für ihre pflegerische Betreuung und sprach davon, daß er zwei Söhne an der Front habe.
Von der örtlichen Peritonitis ging eine allgemeine Bauchfellentzündung aus, der Allgemeinzustand wurde schlechter. Es wurde am 11.9.1944 eine Bluttransfusion vorgenommen. An diesem Tage erfolgte ein Anruf an die Gestapo-Beamten vom Reichs-Sicherheits-Hauptamt (RSHA). Die Bewachung war vor einem Befreiungsversuch für General Lindemann gewarnt worden. Seitdem lag für mehrere Tage auf dem Nachttisch der SD-Beamten eine entsicherte Pistole. Am 13.9.44 kam Prof. Hoche, der damalige Chef der Chirurgischen Abteilung des Staatskrankenhauses, und untersuchte den Patienten im Verbandszimmer. Er stellte sich vor, General Lindemann nahm keine Notiz von ihm und schloß die Augen. Prof. Hoche eröffnete die Bauchhöhle im Bereich der Operationswunde und drainierte einen Abszeß, ohne daß der Patient eine Betäubung erhielt. Er hatte lediglich wie vor jedem Verbandswechsel eine Phantopon-Injektion erhalten. General Lindemann äußerte während des operativen Eingriffs und auch nachher kein Wort. Alle Anwesenden waren von seiner Haltung stark beeindruckt. Nachdem Prof. Hoche die OP beendet hatte, wurde er telefonisch mit Kriminalrat Sarde verbunden und erklärte diesem, daß der Zustand sehr ernst sei und man sich bald zu einem Verhör entschließen müsse, wenn man noch etwas vom Patienten erfahren wolle. Der Zustand des Patienten war nun seit mehreren Tagen als hoffnungslos anzusehen, obwohl der Kreislauf noch immer relativ gut arbeitete. Ich setzte mich nach dem Telefongespräch sofort mit Dr. Tietze, dem Dirigierenden Arzt der Inneren Abteilung des Staatskrankenhauses, in Verbindung, und wir kamen nach gründlicher Überlegung zu dem Entschluß, daß dem Patienten in der Nacht statt der stündlichen Implikation von Kreislaufmitteln größere Dosen von Phantopon gegeben werden sollten. Diese Entscheidung wurde uns abgenommen, da die Gestapo eine halbe Stunde später erschien und General Lindemann etwa zwei Stunden lang verhörte. Am Abend des 13.9. wurde seine Verhaftung durch Rundfunk, am nächsten Tag durch die Presse bekanntgegeben.
Vorübergehend wurde eine Verschlimmerung des Krankheitszustandes aufgehalten. Am Nachmittag des 21.9. wurde er nochmals kurz verhört, am Abend des 21.9. wurde der Kreislauf schlechter, und gegen 3 Uhr des nächsten Morgens kam es zu einem Kollaps. General Lindemann richtete noch einmal Grüße an seine Frau. Er verlor das Bewußtsein und schlief am 22.9.1944 um 5. Uhr 15 ein.
Hamburg, 31. Dezember 1945, gez. Dr. Charlotte Pommer, Ärztin am Staatskrankenhaus der Polizei, Chirurgische Abteilung 1943/45.
Die Gestapo beschlagnahmte den Leichnam des Generals. Man weiß nichts darüber, wo er seine letzte Ruhestätte gefunden hat.