Der ,,Krimstecher" -ein Fernglas für das Militär in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts
Von Dr. Joachim Göbel

Im Jahre 1853 brach der Krimkrieg zwischen Russland und der Türkei aus, in dem auf türkischer Seite 1854 Großbritannien und Frankreich sowie im folgenden Jahr noch das Königreich Sardinien eintraten. Am 8. September 1855 wurde die Festung Sewastopol nach elfmonatiger Belagerung durch die britisch-französische Expeditionsarmee eingenommen.
In diesem Krieg kamen neue Erfindungen zum Einsatz, in der Optik waren das Fotografie und Doppelfernrohre, deren serienmäßige Produktion sich zunehmend durchsetzte. Da die Beobachtung des Gegners und ein weitflächiger Geländeüberblick von großer Bedeutung waren, gehörten diese Ferngläser, auf die im folgenden näher eingegangen werden soll. zur Ausrüstung der am Krieg beteiligten Armeen. Es wurden binokulare Ferngläser verwendet, also Doppelfernrohre für beide Augen, die bald die Bezeichnung „Krimstecher" erhalten sollten. Aus dem Namen „Feldstecher" wurde die Bezeichnung Krimstecher, die sich für diese Art von Ferngläsern bis heute erhalten hat.
Sie ersetzten zunehmend die monokularen, zusammenschiebbaren Auszugsfernrohre und waren aufgrund ihrer Vorzüge sowohl für den militärischen Einsatz als auch für den privaten Gebrauch interessant.
Der Krimstecher ist ein sogenanntes holländisches oder Galileisches Fernrohr, der aus einem sammelnden Objektiv und einem zerstreuenden Okular besteht. Dadurch, dass die parallel in das Rohr eintretenden Strahlen auch wieder parallel austreten, kann sie das Auge auf der Netzhaut vereinigen. Dem Beobachter liefert das Galileische Fernrohr ein im Unendlichen liegendes, virtuelles, vergrößertes und aufrechtes Bild. Krimstecher/Galileische Feldstecher mit etwa vier-bis achtfacher Vergrößerung zeichnen sich durch einen einfachen Aufbau, geringe Lichtverluste und relativ große Lichtstärke aus. Deshalb wurden sie noch bis zum ersten Weltkrieg als Nacht· oder Marinegläser benutzt. Während der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts haben sich Galileische Ferngläser behaupten können. doch seit der Jahrhundertwende setzten sich dann die Prismenfeldstecher als Dienstgläser durch. Der Nachteil der Krimstecher beruht in dem kleinen Gesichtsfeld und der unscharfen Bildbegrenzung. Die ersten Doppelfernrohre wurden ursprünglich als Theatergläser produziert. Im Jahre 1823 hatte Johann Friedrich Voigtländer in Wien ein Privilegium zur Herstellung seiner „Doppel-Theaterperspective“ erhalten. Mit diesen Gläsern begann die Serienfabrikation von zweiäugigen (binokularen) Ferngläsern. Der Krimkrieg machte deutlich, dass für den Fronteinsatz binokulare Feldstecher notwendig  waren, die in ihrer Leistungsfähigkeit Theatergläser übertrafen. Nun wurden Galileische Hochleistungs-Ferngläser gebaut, die optische Spitzenprodukte ihrer Zeit waren.
Frankreich und England  führten zwar noch im Fernglasbau, deutsche Firmen begannen aber  den technologischen Rückstand aufzuholen.
In Preußen hatte im Jahre 1800 der Rathenower Pfarrer Johann Heinrich August Duncker eine optische Industrie-Anstalt gegründet, die 1801 königlich privilegiert wurde. Er erfand die Vielschleifmaschine, mit der gleichzeitig elf Linsen geschliffen werden konnten. Sein Enkel Emil Busch wandelte die Firma 1872 in eine Aktiengesellschaft um. Seit 1844 wurden Theatergläser und zunehmend auch Feldstecher (Krimstecher) hergestellt und wohl auch aufgrund guter Handelsbeziehungen an alle am Krimkrieg beteiligten Armeen geliefert. Die Firma Zeiss kam dafür  nicht in Betracht, 1846 gegründet, beschäftigte Carl Zeiß im Jahre 1875 erst 13 Mitarbeiter. Dagegen fertigte der Rathenower optische Betrieb nach 1870 jährlich etwa 40000 Galileische Ferngläser. Rathenow gilt heute als Wiege der optischen Industrie in Deutschland.

Literatur
Beleke, N. (Hrsg.):Rathenow an der Havel. Die Wiege der deutschen optischen Industrie. Brandenburg u.a. 2000
Naumann, H., Schröder, G.: Bauelemente der Optik. Taschenbuch der technischen Optik.

6. Aufl., München, Wien 1992
Pforte, H.: Der Optiker. Bd. 2. Theoretische Optik für Augen-und Feinoptiker. Bad Homburg 1993
Seeger, H. T.: Feldstecher. Ferngläser im Wandel der Zeit.