Selbst die Heere der Antike verfügten für ihre Truppenführung, neben dem Oberbefehlshaber, über gesonderte Berater. Vergleichbare Beraterfunktionen findet man in der Militärgeschichtsschreibung auch bei der schrittweisen Entwicklung des deutschen Generalstabssystems.
Dort sind die historischen Vorläufer in den Quartiermeisterstäben alter Söldnerheere des 16. Jahrhunderts zu finden. Der altehrwürdige Quartiermeister hatte die vergleichbare Stellung eines Obersten. Zu seinen Aufgaben gehörte es, Lagerplätze für eigene Truppen zu erkunden, über die Marketender Aufsicht zu führen, das gesamte Troßlager zu organisieren, alle Marschangelegenheiten zu regeln und den Personalbestand des eigenen Heeres zu mehren. Demnach war der frühe Quartiermeister auch der erste Logistiker seiner Streitkräfte. Den nächst höheren Dienstgrad stellte der Oberquartiermeister, darauf folgte der Generalquartiermeister, letzterer stand gleich hinter dem Feldmarschall. Der Generalquartiermeister war also der Chef des „Generalstabs“, sein Stabsoffizier hatte den Rang eines Oberquartiermeisters.
Der bedeutende Heeresreformer und Gründer der Kriegsakademie, Gerhard von Scharnhorst, führte zuerst den Rang eines „Quartiermeisterleutnants“, er war u. a in einem kleinen Generalstab eingebunden, den man anfangs freilich noch nicht so nannte. Im Laufe der Geschichte stellte z. B. Erich Ludendorff, während des Ersten Weltkrieges den noch immer so benannten „Ersten Generalquartiermeister“. Diese alte Rangbezeichnung findet sich auch noch im Dritten Reich, wo sein vielleicht begabtester Vertreter, Erich v. Manstein, die Stellung eines „Oberquartiermeisters I.“ innehatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde ein Deutscher Generalstab nie wieder ins Leben gerufen.
Eine Ähnlichkeit mit dem Generalstab des 19. Jahrhunderts, bei dem man bereits auf Ansätze wissenschaftlicher Arbeitsweisen stößt, könnte zuerst der Zeit unter Friedrich dem Großen beigemessen werden. Die natürliche Erklärung, warum der Personalbestand des „Generalstabs“ eines Friedrichs so gering war, der König blieb bis an sein Lebensende stets sein eigener Generalstabschef!
Zuvor gab es im Brandenburgischen Heer des Jahres 1672 nachweislich zwei Generalquartiermeister, v. Bellicum und den von der Osten. Nachgewiesen ist, daß Gerhard v. Bellicum am 10. Juli 1655, als vormaliger Oberstleutnant und Ingenieur der Festung Pillau, eine Bestallungsurkunde zum Generalquartiermeister bekam. Über den Offizier v. d. Osten liegen keine weiteren Nachrichten vor. Unter dem Großen Kurfürsten traten beide Generalstäbler nur im Kriegsfall der kurbrandenburgischen Truppen zusammen. Die älteste überlieferte Bestallungsurkunde ist demnach die von Bellicum „für das anzio auffrichtende Corps“. Einen fest organisierten Teil der Armee, geschweige denn ein geschlossenes Korps, bildete der Generalstab damals allerdings noch nicht. Im Jahr 1672 wurden zusätzlich ein Quartiermeister-Leutnant und ein Oberquartiermeister bei den Brandenburgern eingestellt. Im Frieden beaufsichtigten die Quartiermeister größere Baumaßnahmen wie für Festungen, Schlösser, den Kanalbau (Ingenieurwesen); dadurch blieben sie Angehörige des Stehenden Heeres. Der Begriff General-Quartiermeister-Stab wurde hier erstmals gebräuchlich. Der Große Kurfürst mußte bei der Errichtung seines Stehenden Heeres (1653) noch auf fremde, ja sogar vormals feindliche Offiziere und Kriegsherren zurückgreifen. Er holte so bekannte Generäle wie von Derfflinger, von Kannenberg, von Pfuhl und von Quast, die vorher bei den Schweden Dienst taten, nach Brandenburg. Die Kriegsherren v. Waldersee, v. Eller, v. Jakob, kamen aus dem Machtbereich der „Kaiserlichen“. Von Spaen und v. Limburg stammten aus Holland, v. der Goltz und La Cave aus Frankreich. Hingegen stammte Otto Christoph von Sparr, erster Feldmarschall der Brandenburger, aus der Gegend von Eberswalde. Die Integrationspolitik des Großen Kurfürsten war demnach aus Personalnot geboren, die sich zuerst im brandenburgischen Militärwesen zeigte. Das brandenburgische Toleranzverhalten wurde jedoch beibehalten und führte zum berühmten „Edikt von Potsdam“, wo 1685 aus christlicher Überzeugung, französischen Glaubensflüchtlingen Asyl gewährt wurde.
Im Jahr 1706 finden sich unter König Friedrich I. gleich zwei Generalquartiermeister im Heer. Vermutlich einer für das Kurfürsten- und Königtum in Preußen, der andere für die „verborgten“ Truppen in Italien. Seit dieser Zeit kommen Generalstabs-Quartiermeister und Quartiermeister auch in der Preußischen Armee vor. Der Generalquartiermeister bekleidete also im 18. Jahrhundert die Funktion eines „Generalstabschefs“, den es jedoch im wortwörtlichen Sinne so noch immer nicht gab.
Friedrich der Große verpflichtete für seine Generalstabsgeschäfte vor allem persönliche Adjutanten, im Range von Generaladjutanten. Die Generaladjutanten hoben sich durch eine goldbestickte Uniform ab. Dabei auch ca. 10 Generäle und Flügeladjutanten (letztere mit Silberstickereien) der verschiedensten Waffengattungen und annähernd 10 Hauptleute (Leutnants), die weiterhin bei ihren Regimentern kommandiert blieben. Einige von den Generaladjutanten versahen den Dienst des Generalquartiermeisters. Für eine so große Armee wie die Friedrichs des Großen, erwies sich der Generalstab aber als viel zu klein, was besonders im Bayerischen Erbfolgekrieg (1778/79) deutlich wurde. Als Oberst Graf v. Schmettau am 4. Mai 1741 aus österreichischen Diensten in preußische trat, kam er sogleich zur Suite (Gefolge) des Königs. Friedrich ernannte Schmettau aber erst am 31. Juli 1744 zum Ersten Generalquartiermeister der Preußischen Armee. 1750 wurde dem v. Schmettau der Gehilfe Kapitän v. Oelsnitz zugeteilt. Im Sommer 1757 erließ der Preußenkönig eine extra Instruktion, speziell für seine Quartiermeister-Leutnants. 1758 kommt der später durch sein Schrifttum bekannt gewordene Kapitän Friedrich Wilhelm Ernst v. Gaudi hinzu (Gaudische Tagebücher). Ein Jahr später übernimmt Gaudi, als Flügeladjutant des Königs, die „Jäger zu Fuß“. In den General-Quartiermeisterstab versetzt, bekam er den Rang eines „Capitains des Guides“ (militärischer Kundschafter) zuerkannt.
Während des Siebenjährigen Krieges schwankte die Anzahl der Quartiermeister-Leutnants (eigener Stab) zwischen 10 und 15 Offizieren. Erstmal erhielt dieser als selbstständiges Korps geltende Quartiermeisterstab auch eine eigene Uniform. hellblauer, b. z. w. weißer Rock, rote Kragen und Aufschläge mit Silberstickerei und weiße Knöpfe. Nach Beendigung des Siebenjährigen Krieges ernannte Friedrich seinen vormaligen General-Adjutanten, Oberst v. Anhalt zum Generalquartiermeister (maréchal général des logis de l´ armée). Nach dem Siebenjährigen Krieg richtete Friedrich II. 1764 in Potsdam, unter Führung des Ingenieurleutnants Ludwig Christian Müller (1734-1804) einen Quartiermeisterstab ein. Hier ließ er durch den talentierten Ingenieur mit dem Allerweltsnamen Müller (schrieb 1807 „Die Lagerkunst“ und „Die Terrainlehre“) befähigte Offiziere für den Generalstabsdienst ausbilden. Müller wurde im gleichen Jahr beauftragt, zusammen mit einer kleinen Abteilung von Ingenieuren, im Potsdamer Stadtschloß eine Plankammer (heute Planarchiv) einzurichten. 1766 gibt der König dem jeweiligen Quartiermeister erstmals einen eigenen Dienstgrad, zuerst dem Major v. Pinto, 1770 folgte Major v. Pfau und 1774 Major v. Geusau. Nach einer Instruktion von 1757 für Quartiermeister wird deutlich, daß die „Generalstabsarbeit“ sich lediglich auf die Tätigkeiten im Bereich von Angriff und Verteidigung verschanzter Lager bezog, was mit den umfangreichen Generalstabsgeschäften des 19. Jahrhunderts wenig zu tun hatte. Umso interessanter ist die Tatsache, daß Friedrich gedachte, befähigte Offiziere für genannte höhere Aufgabe persönlich zu schulen. Diesen Privatunterricht hat der König tatsächlich über Jahre hinweg einzelnen Offizieren angedeihen lassen. Vermutlich ersetzte diese neue Tätigkeit des Monarchen seine vormals täglichen Übungen mit dem 1. Bataillon-Garde (Leibgarde No.15), die nach dem Hubertusburger Frieden (1763) nicht mehr im Vordergrund standen. Für den königlichen Unterricht genannter Art gibt es interessante Überlieferungen des Generals v. Rüchel und des von Massenbachs. So bekam Rüchel von Friedrich die Aufgabe gestellt, nach nur dürftigen Angaben zur anstehenden Topographie, mit eigenen Berechnungen ein bestimmtes Lager in der Nähe von Neiße aufzuspüren, während Massenbach die Trigometrie eines Defilees (geographisch gelegener Engpaß) bei Saarmund (Dorf bei Potsdam), aufzunehmen hatte. Die heute eher amüsant anmutende „Privatschule“ Ihrer Majestät lehrten auch die Kriegswissenschaften des Altertums und vermittelten den Offizieren eigene Erfahrungen aus den Schlesischen Kriegen. Auch General v. Rüchel wurde 1782 in den Potsdamer Quartiermeisterstab versetzt, zeigte sich als Reformer der Lehreinrichtungen Friedrichs des Großen, konnte sich aber unter Scharnhorst nicht vom alten adligen Kastendenken befreien und galt den Militärreformern als zu konservativ.
Die Generaladjutanten des großen Königs blieben freilich nur Befehlsempfänger, denn seine Kriegspläne erörterte Friedrich mit Vertrauenspersonen wie Kurth Christoph v. Schwerin, Hans Carl v. Winterfeldt oder Wolff Friedrich v. Retzow. Zu seinen engsten Vertrauten zählte aber auch der bürgerliche Kabinettssekretär und Geheime Kriegsrat August Friedrich Eichel, die eigentliche Schaltzentrale der Regierung, ohne dessen Rat und Urteil lief nichts!
Unter Friedrich Wilhelm II. vermehrte sich nicht nur die Anzahl der Quartiermeister-Leutnants, sie erhielten nochmals neue Uniformen. Für Infanterieoffiziere blaue, für Kavallerieoffiziere weiße Röcke mit roten Abzeichen und Silber-, der Generalquartiermeister mit Goldstickerei. Von 1799 ab wird die Abzeichenfarbe erstmals als „karmesinrot“ bezeichnet.
Nach 1806 vermindern sich die Anzahl der Generäle und gleichzeitig auch ihre alten Befugnisse, jetzt kam auf ca. 4.000 Mann nur noch ein General. Die Generäle hatten dafür einen anderen Wirkungskreis bekommen, da sie entweder General-Gouverneur einer preußischen Provinz wurden oder als General eine größere Brigade kommandierten. Die alten Verhältnisse und Privilegien eines Generals als Regimentsinhabers hörten damit endgültig auf. Den Generälen wurden jetzt vom Generalquartiermeisterstab Stabsoffiziere zugeteilt, die Vorstufe eines neuen Generalstabssystems. Ab dem Jahre 1817 wurde für den kleinen Quartiermeisterstab in Preußen erstmals die offizielle Bezeichnung Generalstab eingeführt.
Seine Schlagkraft und Berühmtheit verdankt der Große Generalstab aber erst dem Genie eines Helmuth Graf v. Moltke. Er sorgte zuerst dafür, daß die Praxis seiner Führungsgehilfen zum alltäglichen Truppendienst nicht verloren ging. Seine Generalstabsoffiziere hatten ständig zwischen Stabs- und Truppendienst zu wechseln. Das theoretische Arbeitsfeld seiner Offiziere wurde ständig erweitert, dazu zählte das Studium der Militär- und Kriegsgeschichte, das Zusammentragen und Auswerten statistischer Informationen sowie die Verfestigung im Wissen um das Vermessungswesen. Letzteres erforderte eine eingehende Schulung der Offiziere. Die Beherrschung der technischen Neuerungen, wie die Arbeiten mit einem Meßtisch für Topographie, die wiederum mit dem System des Honer´schen Reflektors mit seinem komplizierten Spiegelsystem verbunden war, was wiederum mit Okularen eines Fernrohrs zusammen arbeitete, stellten große Anforderungen an die Auszubildenden. Der Meßdienst erlaubte mit dieser Methode genaueste Geländevermessungen, die wenig von Ergebnissen einer moderner GPS Messung abweichen würden. Diese damals technisch hochmodernen, aber komplizierten Arbeiten, waren ein Quantensprung im Militärwesen. Aus heutiger Sicht läßt sich die damalige Innovation vielleicht mit dem Fortschritt der Rechnertechnik vergleichen.
Die durchgreifenden Veränderungen in der gesamten Generalstabsarbeit, die Moltke in den Jahren vor den Einigungskriegen vornahm, waren durch Überlegungen von Anpassungen an den technisch wirtschaftlichen Fortschritt, u. a. an das Eisenbahnwesen und an die Telegraphie gekennzeichnet. Zur Arbeit des Generalstabs gehörten jetzt, die Ausarbeitung von Mobilmachungsplänen oder das Erstellen von Operationsplänen. Der Begriff Auftragstaktik wurde erstmals gebräuchlich. Mit anderen Worten, bestimmte vorher der Heerführer oder der König allein die Vorgehensweisen, übernahm jetzt der Große Generalstab Weisungsbefugnisse von Oben und regelte in Absprache mit dem Monarchen selbstständig das Kriegsgeschehen. Die übergeordnete Behörde des Großen Generalstabs blieb weiterhin das Kriegsministerium unter seinem höchsten Repräsentanten, dem König, der ließ Moltke jedoch weitgehend freie Hand.
Um 1866 verfügte Moltke über ca. 100 Stabsoffiziere, die bei der Armee für den Generalstab tätig waren. Der neue Stil unter Moltke beförderte auch die Selbstständigkeit im Denken seiner Stabsoffiziere. Alle Überlegungen zielten auf die strategische Möglichkeit ab, den beweglich und operativ geführten Krieg zum Maß aller Dinge werden zu lassen. Dazu zählten auch solche Themen wie die Rolle der Organisation und Disziplin, die Entwicklung neuer Formen und Methoden des bewaffneten Kampfes, Zentralisierung der Führung usw. Dafür konnten auch alle Generalstabsoffiziere mit dem Geist eines neuen selbstständigen Führungsdenkens und Führungsstils vertraut gemacht werden. Inzwischen entwickelte sich der Generalstab zur Durchgangsstation aller höheren Dienstgrade der preußischen Militärhirachie. Auf die Moltkesche Militärstrategie wird in den Generalstabswerken von 1870/71 gründlich eingegangen, wobei der Slogan: „getrennt marschieren, vereint schlagen“ (Schlacht bei Königgrätz) sich zum Schlagwort entwickelte. Damit wird aber nur ein Teil seines Erfolges beschrieben, denn das Wesentliche seines Stils war, die unübertroffene Gelassenheit mit der Moltke die Dinge einfach auf sich zukommen ließ, um dann mit der für ihn typischen elastischen und einfallsreichen Art, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen.
Der Weg zum Deutschen Kaiserreich wurde auf den Schlachtfeldern geebnet, an dem der Generalstab eines Moltke ganz wesentlich beteiligt war.
Der Militärtheoretiker Friedrich Engels schrieb bereits am 19. August 1870 u. a. über Moltke: „Wenn General Moltke auch ein alter Mann ist, seine Pläne atmen die ganze Energie der Jugend.“
1871 avancierte Moltke zum Generalfeldmarschall und wird gleichzeitig zum Chef des Generalstabs der Deutschen Armee im Großen Hauptquartier ernannt. Bereits kurz nach dem Deutsch-Französischen Krieg war Moltke mit der Ausarbeitung von Aufmarschplänen beschäftigt, die einen möglichen Zweifrontenkrieg gegen Deutschland behandelten. Sein Nachfolger v. Schlieffen war tief durchdrungen von der Unfehlbarkeit der Moltkeschen Lehren, wollte jedoch bei dem unvermeidbar scheinenden Zweifrontenkrieg die Eröffnugsoffensive zuerst gegen Frankreich führen. Moltke hingegen hatte zuerst an den Gegner im Osten gedacht.
Wie wir heute wissen, genützt haben beide unterschiedlichen Ideen spätestens nach Eintritt der USA in den Ersten Weltkrieg wenig.
(Anmerkung der Redaktion: Der Beitrag ist ein erster Auszug aus dem für 2011 im Trafo/Verlag erwarteten Band. „Heereserziehung in Preußen. Der Geist von Potsdam.“)