Die Bedeutung der preußischen Landräte in Brandenburg - Wirtschaftspolitik quo vadis?
von Dr.Thomas Nern
Geht es Ihnen manchmal auch auf die Nerven, jeden Tag einen neuen Experten präsentiert zu bekommen, der einen vermeintlich umwerfenden Vorschlag zur Lösung aktueller Wirtschaftsprobleme im Gepäck hat? Die Gesichter und Vorschläge scheinen meistens so austauschbar wie bedeutungslos zu sein. Kann es sein, dass es in unserem Land keine Modelle mehr gibt, deren Halbwertszeiten über den Tag hinausgehen? Woran liegt es, dass sich Entscheidungsträger praktisch nicht für wirtschaftspolitische Ansätze aus der Geschichte interessieren?
Vielleicht weil bisher weder Politik noch Wissenschaft eine solche Herangehensweise wirklich beachtet haben? Vielleicht weil sich bisher kaum jemand dafür interessierte, ob bestimmte wirtschaftspolitische Faktorkombinationen eine erfolgreiche wirtschaftliche Entwicklung begleiteten? Diese Überlegungen lieferten die Idee für ein – übrigens privat finanziertes – Forschungsvorhaben, zwei Kreise in Brandenburg, Ruppin und Westhavelland, die heute in den Landkreisen Ostprignitz-Ruppin und Oberhavel sowie Havelland und Potsdam-Mittelmark aufgegangen sind, vergleichend im Hinblick auf ihre Wirtschaftsentwicklung und die damalige Wirtschaftspolitik in Preußen im Deutschen Kaiserreich zu untersuchen. Im Mittelpunkt der Untersuchung steht der preußische Landrat als kleinste Verwaltungseinheit und Repräsentanz des Staates vor Ort, dessen ureigenste Aufgabe es war, zwischen den lokal herrschenden Eliten und Unternehmern sowie der Staatsregierung zu moderieren. An der herausragenden Stellung der preußischen Landräte änderte sich zwischen dem 18. Jahrhundert und 1945 nur wenig. Die Quellen- und Archivrecherchen für das Forschungsprojekt gestalteten sich dennoch aufwendig und zeitraubend, denn Verluste durch Krieg und Brand in den Archivbeständen in Potsdam und Berlin sowie die sprichwörtliche Effizienz der preußischen Verwaltung, die oft Korrespondenz nur in wichtigen Teilen aufhob, bedingten, dass sich verwertbare Quellen rar machten. Die hartnäckige Suche wurde letztlich belohnt und die Auswertung des Materials läuft derzeit. Die ersten Ergebnisse der Untersuchung aus den Jahren 1893-1907 zeigen ein differenziertes Bild:
Die wirtschaftliche Situation in Brandenburg im Kaiserreich 1871-1914 war zunächst von der Gründerkrise nach der Reichsgründung geprägt. Nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und der anschließenden Boomphase war die Enttäuschung groß, daß die stürmische Aufwärtsentwicklung durch einen großen Wirtschaftsabschwung beendet wurde, der mit kurzen Unterbrechungen in einigen Branchen von etwa 1873 bis 1896 andauerte. Erschwerend trat noch eine landwirtschaftliche Strukturkrise hinzu, welche die ländlich geprägten brandenburgischen Kreise hart traf. Wie reagierten damals Staat und Unternehmen auf diese Herausforderungen? In der Geschichtsschreibung dominiert bisher das Bild, daß die Schutzzollpolitik seit 1879 die Freihandelspolitik ablöste. Die gut organisierten Interessenverbände der Agrarwirtschaft und Schwerindustrie setzten sich mit ihren Forderung nach einer starken Erhöhung der Einfuhrzölle etwa auf Weizen oder Eisen und Stahl durch. In den folgenden Jahrzehnten bestimmten immer wieder Auseinandersetzungen über die Frage, wie weit die „Zollschraube“ im Handelsverkehr mit anderen Staaten (oft auch in Abhängigkeit von politischen Bündnisfragen) zu drehen oder zu lockern war. Zumeist dominierte hier die Perspektive einer engen Klientelpolitik vielleicht noch durch nationale Interessen modifiziert; so vereinbarte man etwa mit dem verbündeten Italien deutlich günstigere Im- und Export-Bedingungen. Studiert man diese Debatten und Entscheidungen heute, mutet vieles außerordentlich „modern“ an – bis hin zum Vorwurf der „Vetternwirtschaft“. Die Wirtschaftskrise wurde – und man möchte hinzusetzen: wird auch jetzt – durch diese interessengeleitete Politik freilich nicht beseitigt.
Jetzt muß man wissen, daß es damals auch andere wirtschaftspolitische Ansätze gab. Das preußische Ministerium für Handel und Gewerbe, das auch im Deutschen Kaiserreich lange federführend blieb, verfolgte umfangreiche Aktivitäten, deren Umsetzung die Landräte sicher stellten bzw. begleiteten – grundsätzlich waren die Landräte ja auch für den Aufbau und die Erhaltung der militärischen Infrastruktur verantwortlich. Dabei stand zunächst das Ziel im Mittelpunkt, Handel, Gewerbe, Industrie und Landwirtschaft so zu fördern, daß die Versorgung der Bevölkerung und die militärische Leistungsfähigkeit Preußens verbessert wurde. Das Ministerium finanzierte etwa Maschinen oder Reisen von Beamten und Unternehmern in andere Länder mit technologischem oder landwirtschaftlichem Vorsprung, um neue Unternehmen bzw. die Herstellung und Erforschung von neuen Produkten in Berlin-Brandenburg voran zu treiben. Dieses Vorgehen war sowohl für den Aufbau von neuen Produktions- oder Wirtschaftszweigen etwa in der Chemie, dem Maschinenbau oder der Elektrotechnik als auch bei der Modernisierung vorhandener Infrastruktur wie Wasserversorgung, Straßen oder Eisenbahnen sehr produktiv – Kredite wurden übrigens wenig zur Verfügung gestellt, da man den administrativen Aufwand eng begrenzen wollte.
Etwas skurrile Beispiele für die Förderung (vermeintlich) kriegswichtiger Güter in Brandenburg waren die Seidenproduktion, welche auf erste Versuche von Hugenotten 1685 in Moabit, Köpenik und Potsdam vor allem aber auf die Initiative Friedrich II. (1712-1786) seit dem Jahre 1744 zurück ging, die Zucht von tibetanischen, angorischen, kirgisischen Ziegen sowie des tatarischen Yaks, die alle mit Nachdruck gefördert wurden – und wenig erfolgreich waren. Allerdings ging es bei diesen wirtschaftspolitischen Maßnahmen auch um volkswirtschaftliche und sozialpolitische Aspekte vor allem in Krisenzeiten, wie aus einem Rundschreiben des Deutschen Landkreistags an die Landkreise zum Thema „Seidenbau“ hervorgeht: „Zeiten der Erwerbslosigkeit und gesteigerter sozialer Fürsorgepflichten nötigen die Wirtschaft und veranlassen die Träger der Fürsorgelasten, Ausschau nach geeigneten Arbeitsmöglichkeiten zu halten. Solche sind besonders willkommen, wenn sie geeignet sind, auch Beschränkt-Erwerbsfähige zu beschäftigen. In dieser Beziehung verdient die Seidenraupenzucht und der für sie erforderliche Anbau der Maulbeere besondere Beachtung.“ Militärische Relevanz erlangte die preußische Seidenproduktion insbesondere bei Stickereien auf Offiziersjacken. Deutlich effektiver als solche exotisch anmutende Nischenförderung, die übrigens sogar noch in den 1920er Jahren propagiert wurde, war der starke Ausbau von berufsbildenden Maßnahmen, etwa die Gründung von Berufs- und Fachschulen sowie die wissenschaftlichen Forschung und Lehre an Hochschulen. Außerdem bemühte man sich um die Finanzierung und Institutionalisierung von Arbeitsschutz und anderen sozialen Errungenschaften im Wirtschaftsbereich, so wurden Arbeitervertretungen (Betriebsräte), Genossenschaften, Handwerker-Vereine, Arbeiter- und gewerbliche Kassen, Handelskammern und -innungen gegründet. Letztlich waren diese Maßnahmen ganz im Sinne der Staatsraison dazu gedacht, indirekt etwa über einen verbesserten Arbeiterschutz oder eine Reduzierung von Streiks die Produktivität und damit das wirtschaftliche Wachstum zu erhöhen. Genossenschaften und Vereine sollten vor allem in strukturschwachen ländlichen Gebieten helfen, den Kapitalmangel abzumildern und das Kleingewerbe konkurrenzfähiger zu Großbetrieben zu machen.
Doch man begnügte sich nicht damit, die Wirtschaft allein durch Verordnungen von oben lenken zu wollen. Die Erfahrungen aus der Gründerkrise führten – ganz im Sinne der preußischen Tradition aus Niederlagen zu lernen und die Administration zu verbessern – offensichtlich zu der Erkenntnis, daß ein genaueres Bild notwendig war, denn die Landräte mußten seit 1893 nach einer ministeriellen Verfügung jährlich an das Regierungspräsidium über die Wirtschaftslage in den Kreisen Bericht erstatten. Die Berichte zeigen, daß die Landräte sich mit großem Aufwand um exakte Daten bemühten. Die wirtschaftliche Entwicklung von einzelnen Unternehmen wurde genau geschildert, Einflüsse wie Lohnerhöhungen, Ernte- oder Rohstoffpreisschwankungen in ihren Auswirkungen diskutiert, wie das Beispiel des Berichts von Landrat von dem Knesebeck über die Bilderbogenfabrik Gustav Kühn in Neuruppin, die international populäre Einblattdrucke als Bild- und Lesestoff z.B. zu politischen, moralischen oder pädagogischen Themen herstellte, aus dem Jahre 1900 zeigt: „Die Bilderfabrikation des Jahres 1900 stand unter dem Zeichen der Kriege in Süd-Afrika und China und erfuhr dadurch einen gewissen Aufschwung, der indessen durch das rapide Steigen der Preise für Kohle, Papier und andere Materialien den erwünschten Nutzen wieder ermangeln ließ: Betriebsbeschränkungen fanden zum Theil statt, indessen nicht wegen Mangel an Arbeit, sondern wegen Mangel an Arbeitern (...) und war selbst durch Lohnerhöhungen bis 10 und 15 % bei Männern und bis 25 % bei Frauen nicht zu beseitigen.“ Fachkräftemangel wurde übrigens um 1900 in vielen Bereichen der Industrie in Preußen konstatiert, weshalb man die bereits erwähnten Anstrengungen zur beruflichen Bildung intensivierte. Auch staatliche Maßnahmen wie Steuererhöhungen oder Zollfestsetzungen waren von den Landräten im Hinblick auf die mikroökonomischen Auswirkungen zu bewerten. Die Daten aus den Landkreisen Ruppin und Westhavelland lieferten so eine Grundlage für die Kontrolle und Neufestlegung der wirtschaftspolitischen Eckdaten auf nationaler und lokaler Ebene.
Im Vergleich zu heute war also der Informationsfluß zwischen der lokalen Behörde und der preußischen Regierung mit der Zwischenstation Regierungspräsidium viel direkter. Der Landrat war in der Regel auch länger im Amt und war vor Ort gut vernetzt bzw. angesehen, da zumeist nur etablierte, adelige oder bürgerliche Persönlichkeiten in das Amt berufen wurden. Im Landkreis Ruppin war das von 1887 bis 1907 Erich von dem Knesebeck-Milendonck zu Karwe (1844-1907) und von 1907 bis 1914 Dr. Moritz Andreas Alexander Bernus (1873-?) Im Westhavelland amtierten von 1889 bis 1900 Friedrich Wilhelm von Loebell (1855-1931), von 1900 bis 1909 Walther Philipp Franz von Miquel (1869-1945) sowie von 1909 bis 1934 Klaus von Bredow (1875-1961). Sie orientierten sich vielleicht nicht weniger an ihren Klientel als Heute, hatten jedoch klare Prioritäten und zeigten sich oft unabhängig von tagespolitischen Befindlichkeiten. Dies war und ist für ein ländlich geprägtes Gebiet ohne nennenswerte Rohstoffe von großer Bedeutung, denn damals gelang es aus der Krise zu einer der führenden Wirtschaftsmächte aufzusteigen. Man fühlt sich veranlaßt, den Politikern zu zurufen: Klarheit und Einfachheit ist in der Wirtschaftspolitik immer besser als das Wirrwarr aus Konzepten, Kompetenzen und Zuständigkeiten zwischen Kommunen, Kreisen und Bezirken, Ländern, Bund und Europäischer Union, das wir heute erleben müssen. Insofern könnte die erfolgreiche preußische Wirtschaftspolitik dem Land sicherlich heute mehr denn je als zukunftsweisendes Modell dienen.