von Werner Höhle
Am Aufstieg des Kurfürstentums Brandenburg unter seinem ehrgeizigen Herrscher Friedrich Wilhelm (Großer Kurfürst) waren nach dem 30- jährigen Krieg nicht nur Brandenburger beteiligt. Der Aufbau einer eigenständigen Streitmacht in Gestalt eines Stehenden Heeres zog kriegserfahrene Militärs aus allen Teilen des Reiches an. Hier soll auf den Beitrag der Grafen zu Waldeck und Pyrmont, einem alteingesessenen Fürstentum in Nordhessen, eingegangen werden. Zwischen 1651 und 1673 erscheinen allein fünf Grafen zu Waldeck als Obristen in brandenburgischen Ranglisten. Der bedeutendste war Graf Georg Friedrich zu Waldeck, der nach seinem Eintritt in die Dienste des befreundeten und gleichaltrigen Friedrich Wilhelm 1651 als leitender Minister zu dessen wichtigstem Berater aufstieg und mit der Erledigung aller militärischen Angelegenheiten beauftragt wurde. In den Niederlanden bereits bewährt als Truppenführer und geschickter Politiker, trat er an, um die brandenburgische Verwaltung zu modernisieren. Er erreichte einen Umschwung in der Außenpolitik, eine Annäherung an andere protestantische Fürsten, und führte ein Bündnis mit Schweden herbei. So wurde der Weg zur Erwerbung des Herzogtums Preußen geebnet, dessen neutrale Position zu Beginn des Nordischen Krieges von Waldeck auch militärisch abgesichert wurde. In der Schlacht bei Warschau 1656, die Brandenburg auf der Seite Schwedens erfolgreich durchfocht, befehligte er als Generalleutnant die gesamte kurfürstliche Kavallerie und trug wesentlich zum Sieg der Verbündeten bei. Es war die erste berühmte Waffenntat der mit Hilfe Waldecks neu gebildeten Brandenburgischen Armee. Er quittierte den brandenburgischen Dienst 1658, kämpfte 1664 als kaiserlicher Generalfeldmarschall des Heiligen Römischen Reiches auf dem Balkan gegen die Türken und führte 1683 Reichstruppen zum Ersatz von Wien. Als holländischer Generalkapitän verteidigte Waldeck 1689/90 den Niederrhein gegen Ludwig XIV. mit einer Armee, deren Kern aus brandenburgischen Truppen bestand. Er starb am 9.11.1692.
Der Erinnerung an ihn als „Türkenkrieger“, als Feldherr auf zahlreichen Schlachtfeldern Europas, und als verdienstvollen Herrscher des Fürstentums Waldeck dienen das von Heinrich Pape geschaffene imposante Grabmal und das Reiterstandbild in der Nikolaikirche im (heute) hessischen Korbach. Die Georg-Friedrich-Kaserne der Bundeswehr in Fritzlar ist nach dem waldeckschen Fürsten benannt.
Weitere waldecksche Befehlshaber in der brandenburgischen Armee waren:
Oberst Graf Volrad zu Waldeck, 1656 Generalmajor, trat 1655 mit einem Infanterieregiment in brandenburgische Dienste. Das Regiment brachte zwei 3 pfündige Regimentsstücke mit- eine infantristische Neuerung, die nach und nach auch von anderen brandenburgischen Regimentern übernommen wurde.
1672 wurde Graf Christian Ludwig zu Waldeck mit seinem Regiment zu Pferde als Oberst ebenfalls in brandenburgische Dienste übernommen, dabei auch sein ältester Sohn Friedrich als Oberstleutnant. Damit verstärkte er die brandenburgische Streitmacht, die französische Angriffe auf die Niederlande abzuwehren hatte.
Josias Graf zu Waldeck, Neffe des vorgenannten Georg Friedrich, trat als Cornet in das Reiterregiment seines Onkels ein und führte nach Ausscheiden von Georg Friedrich zu Waldeck aus brandenburgischen Diensten als Generalmajor dessen Regiment 1658/59 gegen die Schweden in Jütland und Pommern. Nach Beginn neuer Kämpfe mit den Türken, schloß sich Josias Graf zu Waldeck im Jahre 1663 der Reichsarmee an, um als kaiserlicher Major in Ungarn einzugreifen. Nachdem ihm von der Republik Venedig die Verteidigung Kretas gegen die Türken übertragen worden war, wurde er im Verlauf der Kämpfe 1669 im Alter von nur 33 Jahren tödlich verwundet.
An ihn erinnert in der Stadtkirche von Bad Wildungen ein mächtiges Grabmal an der Nordseite des Cohrraums- über 10 m hoch und 6 m breit- 1674 geschaffen von Heinrich Pape, dessen in Alabaster und Marmor gehaltenen Figuren und lebhaften Darstellungen von hohem historischen Interesse sind. Über der liegenden Gestalt des toten Grafen befindet sich ein Relief mit der bis ins Detail der Uniformierung und Bewaffnung gehenden Wiedergabe einer Kampfszene zwischen Christen und Muslimen einschließlich der beiderseitigen Befehlshaber. Beachtlich sind vor allem die vier freistehenden, ca. 1.70 m hohen, also lebensgroßen Soldatenfiguren, die den gefallenen Helden wie eine Totenwache umgeben. Neben zwei Türken handelt es sich um zwei deutsche Soldaten in ihrem für die Zeit um 1660/70 typischen Erscheinungsbild, als Musketier und Reiteroffizier. Der Musketier hält bereits ein Steinschloßgewehr in der Hand; trägt aber noch das Bandolier mit den Lademaßen der Muskete und eine Kugeltasche.
Von ihren Balkanfeldzügen brachten die Waldecker eine beachtliche Türkenbeute mit nach Hause, die im militärgeschichtlichen Museum Schloß Friedrichstein in Wildungen ausgestellt ist. Darunter gewaltige juwelenbesetzte Schwerter, raffinierte Handfeuerwaffen und das Zelt eines türkischen Befehlshabers. Weitere Bereiche des Museums behandeln die Militärgeschichte des Fürstentums Waldeck-Pyrmont, der Landgrafschaft Hessen-Kassel, und des Königreichs Westphalen regiert von Napoleons Bruder Jeromé. Unter den Raritäten befinden sich auch zwei seltene Fahnen aus dem Dreißigjährigen Krieg.
Bildunterschrift: Georg Friedrich Fürst zu Waldeck und Pyrmont als Herrenmeister des St. Johanniter-Ordens zu Sonnenburg, Bild auf Schloß Arolsen in Waldeck