Die Gründung der preußischen Kriegsakademie unter Scharnhorst
Volker Schobeß
Nach der vollständigen militärischen Niederlage Preußens gegen Napoleon Bonaparte, im Jahre 1806, mehrten sich in militärischen Kreisen die Stimmen, daß man im Land eine Professionalisierung der militärischen Planung und Führung ins Auge fassen müsse, um mittels einer neuen Praxis des „großen Krieges“ das starke Frankreich besiegen zu können. Das Schicksal des Staates sollte nicht mehr allein vom militärischen Geschick (oder Ungeschick) eines einzelnen Herrschers abhängen. Das Ziel reformerischer Kräfte ging dahin, dauerhafte Strukturen zu errichten, wo ein bestimmtes Organ alle Befehlsfunktionen bündeln sollte, um entsprechende Entscheidungen zu treffen. So bildeten sich, zuerst, angestoßen durch die Militärtheoretiker Oberst Christian von Massenbach (1758-1827), Karl Friedrich von dem Knesebeck (1768-1848) und Gerhard Johann David von Scharnhorst (1755-1813), erste Überlegungen für ein neues und modernes Generalstabssystem heraus. Für solch ein System benötigte man aber auch ein spezielles Schulungszentrum. Mit geistigen Mitteln sollte jetzt das ersetzt werden, was dem Staat durch Napoleon an physischer Stärke, verloren gegangen war (Ausspruch Friedrich Wilhelms III.). Sofort nach dem Tilsiter Frieden setzte Friedrich Wilhelm III. 1807 eine Armee-Reorganisationskommission ein, deren Chef Generalmajor Gerhard David von Scharnhorst wurde (1802 nobilitiert). Im Zuge der eingeleiteten Heeresreformen wurde, auf Vorschlag von Scharnhorst, der seit 1801 als Oberstleutnant der Artillerie in preußischen Diensten stand, auch das Militär- Erziehungs- und Bildungswesen vollständig reorganisiert.
Außer den Inspektionsschulen aus des „Alten Fritzen“ Zeiten, waren die Ingenieurakademie bereits 1807, die drei Artillerieakademien und die Académie des nobles (Sitz der neuen Kriegsakademie) im Frühjahr 1810 aufgelöst worden. An ihre Stelle traten nunmehr, nach der AKO vom 3. Mai 1810, die drei Kriegsschulen für Portepée-Fähnriche in Berlin, Königsberg und Breslau und als höchste militärische Bildungsanstalt die Offizier-Kriegsschule (spätere Kriegsakademie) in Berlin, auf den Plan. Wie unten in der Ordre des Königs vom 8. März zu sehen, Scharnhorst bekam den Auftrag, entsprechendes Personal für die neue Berliner Anstalt aufzustellen. Seit 1808 waren die neuen Kriegsartikel, die Scharnhorst mit seinem Stab erarbeitet hatte, in Kraft getreten. Danach konnten neuerdings Unteroffiziere oder Soldaten, entgegen bisherigem Standesdenken, aufgrund von Fähigkeiten Offiziere werden. Ein bedeutender gesellschaftspolitischer Wandel, wodurch die Preußische Armee zeitweilig den Charakter eines Volksheeres annahm.
Damit die Ausbildung entsprechender Generalstabsoffiziere überhaupt gelingen könne, betraute König Friedrich Wilhelm III. (1770-1840) im Jahre 1810 Scharnhorst mit der Gründung dieser Berliner Anstalt. Die bereits 1804 durch Scharnhorst gegründete Akademie für junge Offiziere und das Institut für die Berlinische Inspektion bildeten bei ihrer Auflösung den Stamm bzw. den personellen Grundstock für die neue „Académie militaire“, wie der Vorläuferder Berliner Allgemeinen Kriegsschule auch noch genannt wurde. Von besonderem Interesse ist die Überlegung des Monarchen, eine planmäßige Koordinierung ziviler und militärischer Bildungsanstrengungen vorzunehmen. Der König befahl, daß der Bildungsreformer Wilhelm von Humboldt (1767-1835), der gleichzeitig mit der Gründung einer Universität betraut war (1810 Friedrich-Wilhelm[s]-Universität, seit 1949 Humboldt-Universität), mit Scharnhorst zusammenarbeiten solle, damit eine weitgehende Übereinstimmung der pädagogischen Ziele auf der „Alma Mater Berlinensis“, mit dem Lehrstoff der Allgemeinen Kriegsakademie, gewährleistet sei. Durch diese kluge Maßnahme wurde von Anfang an ein hoher Qualitätsmaßstab an die zivile Lehrerschaft der Kriegsschule (Professoren), ebenso an die militärischen Ausbilder gelegt. Dieser hohe geistige Anspruch konnte, dank weiter entwickelter Reformen, auch dauerhaft gewährleistet werden, sogar bis 1945.
Am Anfang sah man den einfachen Zweck der Offizier-Kriegsschule im höheren Unterricht der Kriegskunst und in einem besonderen Unterricht für die Artillerie- und Ingenieur-Offiziere. Dabei maß man dem Prinzip der Charakterbildung, als eines der Auswahlkriterien von Anwärtern, eine gewisse Bedeutung bei. Freilich blieb das altpreußische Leistungsprinzip auch weiterhin stärkste Säule der gesamten Ausbildung. Die besondere Berücksichtigung charakterlicher Eignung, die bei der Auswahl von Aspiranten eine gewisse Rolle spielte, muß hier jedoch betont werden, da auf ähnlichen Schulen des Auslandes, die ja dem preußischen Vorbild bald nacheiferten, diesem Umstand kaum Bedeutung beigemessen wurde. Wie sich in der preußischen Kriegsgeschichte jedoch bald zeigte, es waren gerade starke Charaktere, die zu berühmten Truppenführern aufstiegen. Unwägbare Risiken im Krieg konnten eben in der Regel nur von gefestigten Persönlichkeiten gemeistert werden.
Primär stand bei der Ausbildung die logische Überlegung im Vordergrund, die Lehre der Kriegskunst zu vermitteln. Hieraus geht klar hervor, daß der grundlegende Gedanke Scharnhorsts bei Errichtung dieser Lehranstalt (Kriegsakademie) war, eine militärische Fachschule zu errichten. Diese damals moderne Auffassung Scharnhorsts, heute wohl selbstverständlich, muß hervorgehoben werden, weil schon bald Bestrebungen im Gange waren, diesem Grundgedanken eine andere Richtung zu geben. Die militärischen Vortragsthemen, die Scharnhorst lehrte, lauteten: Taktik, Strategie, Militärgeographie, Pferdebehandlung, Fortifikation und Kriegsgeschichte. Daneben unterrichtete Scharnhorst auch Mathematik, Physik, Chemie, Deutsch und Französisch. Für die Artilleristen und Ingenieure besonders Mathematik, Maschinenlehre, Zeichnen, Festungsbau und Artilleriewesen. Scharnhorst war als Universalgenie im Jahre 1804 auch Chef eines kleinen General-Quartiermeisterstabes geworden (General-Quartiermeister-Leutnant) und lehrte zusätzlich den „Unterricht in der Verrichtung des Generalstabs“. Über seine Lehrtätigkeit meinte Scharnhorst in der für ihn typischen Bescheidenheit einmal: „Daß, wenn nur Einige aus dieser Anstalt als tüchtige Generalstabs-Offiziere und Oberbefehlshaber hervorgingen, der Zweck der Anstalt erreicht sei“. Und talentierte Offiziere, mit so klangvollen Namen wie Moltke, Roon, Mannteufel, Voigt-Rhetz, Alvensleben, Kirchbach, Werder, Bose, Gersdorff, Blumenthal, die sich in den Deutschen Einigungskriegen auszeichneten, gingen im Laufe der Geschichte zu Hauf aus der Kriegsakademie hervor. Zudem lehrte Scharnhorst auf der Berliner Schule die niedere und höhere Anwendung der Taktik, die Wirkung des Feldgeschützes, verbunden mit Aufgaben und Beispielen von den Operationen (Beweglichkeiten) einer Armee. Dieses Thema trug Scharnhorst im Zweijahreskursus vor. Für die Leitung der einzelnen Studien wurde aus hohen Offizieren und Professoren eine spezielle Studienkommission gebildet, die den größten Einfluß auf den Lehrstoff nahm. Unter dem Dach der noch als Akademie für junge Offiziere bezeichneten Anstalt gab es, wie bereits erwähnt, die Klasse für Fähnriche und die für Offiziere. Die Fähnrichsklasse beendete ihren Kurs nach neun Monaten, während der Kurs der Offizierssklasse ein dreijähriger zu neun Monaten war. Aus der Not der Zeit heraus, Preußen befand sich aufgrund französischer Kontributionen in einer Finanzkrise, hatte Scharnhorst der Kriegsschule auch die Ausbildung der Artillerie- und Ingenieuroffiziere übertragen. Das war der Verfolgung des eigentlichen Ausbildungsziels jedoch eher abträglich, da durch den vermehrten Lehrstoff eine Spezialisierung der Offiziere erschwert wurde.
Am 8. März 1810 hatte der Preußenkönig Scharnhorst per Ordre beauftragt, entsprechendes Personal für den Aufbau der Berliner Lehranstalt heran zu ziehen:
„Die Militärpersonen der eingehenden Anstalten sollen in dem neuen allgemeinen Institut oder anderweitig im Militär angestellt werden, wenn der Übergang zu der neuen Anstalt nicht zulässig sein sollte. Übrigens versteht sich von selbst, daß diejenigen Lehrer ec. welche in eine andere Dienst-Carriere übertreten, sich auch die in derselben obwaltende Verhältnisse gefallen lassen müssen. Die Auswahl der Lehrer zur Aufstellung bei der neuen Lehranstalt, sowie die Vorschläge dazu, in gleichen die Verhandlungen mit dem Chef des Cadetten-Instituts über die bei dieser Arbeit anzusetzenden Personen, übertrage ich hiermit dem General-Major v. Scharnhorst.
Das Allgemeine-Kriegsdepartement hat nun nach diesen Bestimmungen zu verfahren, und wegen der etwa im Civil zu versorgenden Lehrer ec. mit den Ministern der Finanzen und des Inneren sich zu einigen.“
Berlin, den 8. März 1810 Friedrich Wilhelm
Mit dieser Ordre wird deutlich, Scharnhorst war von Anfang an der eigentliche Organisator und Kopf beim Aufbau der später als Allgemeine Kriegsschule (ab 1859 Kriegsakademie) bezeichneten Anstalt. Seine Lehren zog Scharnhorst aus der neuen Art der Kriegsführung seit der Französischen Revolution von 1789/99 und der erfolgreichen Schule eines Napoleon Bonapartes.
1809 legte Scharnhorst gegenüber Friedrich Wilhelm III. einen Normenkatalog unter dem Titel: „Gesetz für die Lehrlinge der Militair-Akademie“ vor, wo die Grundsätze einer „Hausordnung“ vorgestellt wurden. Hier ein Auszug:
„Da diese Anstalt keineswegs zur Erziehung ganz unreifer Jünglinge bestimmt ist, sondern viel mehr einzig und allein dem Unterricht solcher jungen Männer gewidmet, die theils in der Armee den Offizier-Grad erreicht haben, so kann bei der Abfassung von Gesetzen für diese Lehrlinge von nichts Anderem die Rede sein, als von Erhaltung der guten Ordnung bei dem Unterricht selbst und bei der Benutzung der Hülfsmittel zum Lernen, welche die Akademie ihren Mitgliedern darbietet, einer Ordnung, welche nicht nur dem Lehrenden das Geschäft erleichtert, sondern vorzüglich den Lernenden von allen den Hindernissen befreit, die sonst seinem Zweck entgegen stehen würden. Dem zu Folge unterwirft jeder, der den Unterricht dieser Lehr-Anstalt genießen will, sich wohl bedächtlich und unabänderlich folgenden Gesetzen…“
Was folgt, sind zehn sinnvoll gegliederte Punkte, kurz aber prägnant formuliert. Hierbei geht es um geregelte Abläufe im Hause, allgemeine Verhaltensregeln im Falle von Versäumnissen, Disziplinversagen und Verstößen gegen bestimmte Ordnungsprinzipien innerhalb des Instituts. Scharnhorst drückte unmißverständlich aus, daß der reibungslose militärisch organisierte Lehrbetrieb das oberste Gebot der ersten Stunde sei.
Laut extra Verfassung für die militärische Bildungsanstalt, mit ihren zehn Paragraphen, geht Scharnhorst im § 1auch auf die von ihm geforderte Vorbildung seiner Schüler ein:
„Die Akademie ist für Offiziere bestimmt welche sich, nachdem sie die Anfangsgründe der mathematischen und militärischen Wissenschaft studiert haben, ferner noch in den höheren und angewandten Theilen derselben ausbilden wollen. Ohne die erforderlichen Elementarkenntnisse wird niemand angenommen. Sie bestehen außer den gewöhnlichen Schulkenntnissen, dem Zeichnen der Situations- und Manöver-Pläne, in der Arithmetik, ebenen Geometrie und Trigometrie, den Anfangsgründen der Artillerie, Verschanzungskunst, Fortification, Angriff und Verteidigung der Festungen. Der Director [General von Boguslawski] prüft die, welche sich melden, und der General-Inspekteur [General Christoph von Diericke] entscheidet.“
Schon hier ist, aufgrund der geforderten Elementarbildung unschwer zu erkennen, warum es später auf preußischer Seite zu einer Überlegenheit deutscher Generalstabsoffiziere gegenüber dem Ausland kam.
Scharnhorst war nicht Direktor der Kriegsakademie geworden. Der König setzte ihn bewußt auf den weniger einflußreichen Posten eines Chefs über die drei preußischen Kriegsschulen von Berlin, Breslau und Königsberg. Damit lag das Sagen in der Kriegsakademie bei einem General und der jeweiligen Studienkommission. Ein Zeichen dafür, der Monarch und seine Umgebung hatten den allzu großen Einfluß und Reformeifer eines Scharnhorsts auf die neue Anstalt, eher gefürchtet.
Am 15. Oktober 1810 war die Kriegsschule feierlich eröffnet worden. Ein Jahr später wies sie bereits 90 Zuhörer auf. Aber künftige kriegerische Ereignisse warfen ihre Schatten schon voraus. Carl von Clausewitz (1780-1831), der an der Schule ebenfalls als Taktiklehrer angestellt war, verließ seinen Lehrstuhl und trat in russische Dienste. Am 24. März 1812 wurden alle Offiziere der Kriegsschule zu ihren Truppenteilen gerufen. Am 18. Januar 1813 schloß auch die Fähnrichsklasse ihre Pforten. Die Jahre 1813/14 rafften viele Kriegsschüler dahin.
Auch Scharnhorst erlag am 28. Juni 1813 einer Knieverwundung aus der Schlacht bei Großgörschen. Für die weitere Entwicklung des preußischen Militärwesens war das eine Tragik ohnegleichen. Sein Name bleibt jedoch mit der Gründungsgeschichte der Kriegsakademie eng verbunden. Mit unübertroffener analytischer Präzision hatte Scharnhorst in seinem Denken all das vorweggenommen, was der preußische Staatskanzler Karl August von Hardenberg (1750-1822) mit weiterführenden Militärreformen erst in die Tat umsetzen konnte. Wenn auch das eigentliche Ziel Scharnhorsts, eine sittlich geistige Durchdringung des Soldatentums, nicht erreicht werden konnte, so lag das eher am Versagen seiner Nachfolger, hauptsächlich aber an einer schleichend einsetzenden Restaurationspolitik der preußischen Krone.
Ab 1858 befand das preußische Militärbildungswesen die Kriegsakademie als ihre oberste Instanz. Die Akademie entwickelte sich allmählich zur reinen Generalstabsakademie, wer sie nicht besucht hatte, konnte unter Kaiser Wilhelm II. (1859-1941) kein General werden.
(Der Beitrag ist ein weiterer Auszug aus dem für 2011/12 im Trafo/Verlag erwarteten Band mit dem Arbeitstitel: „Heereserziehung in Preußen. Der Geist von Potsdam.“)