Als im Herbst 1806 die preußische Armee auf den Schlachtfeldern von Jena und Auerstedt unter den Schlägen französischer Truppen zusammenbrach, fand auch die 62jährige Geschichte des preußischen Jägerkorps ein vorläufiges Ende.
Von Friedrich dem Großen im Jahre 1744 in der Stärke von zwei Kompanien errichtet, wuchs das Korps bis 1785 auf ein Regiment zu 10 Kompanien mit etwa 1 200 Mann an; mithin ein augenfälliger Beweis für ihre gewachsene Bedeutung auf dem Gefechtsfeld.
Das Feldjägerkorps zu Fuß war eine besondere Truppe, die sich aus königlichen Förstern und Wildhütern ergänzte, also Männern, die im Umgang mit der Waffe versiert waren und für Aufklärung und Erkundung aber auch für Sicherungs- und Ordnungsaufgaben verwendet wurden. Die Feldjäger dienten „auf Avancement“ im Forstdienst und waren deshalb gleichermaßen an den Staat wie an ihren Stand gebunden. Aus diesem Grunde ging ihnen der Ruf hoher Zuverlässigkeit voraus. Sie selbst legten Wert auf lässige äußere Formen. Einen Paradeschritt kannten sie nicht, dafür führten sie Hunde mit sich. Ihre Berufskleidung wurde zur Uniform. Auch unterschieden sie sich von den anderen Fußtruppen durch die Büchse, einer zeitraubend zu ladenden Schußwaffe mit gezogenem Lauf, die jedoch den Präzisionsschuß zuließ. Diese Büchse konnte nur bei Spezialisten unter der Prämisse wirksam Anwendung finden, frei zu agieren, in Deckung vorzugehen, überraschend aufzutauchen und wieder zu verschwinden. Doch wo Licht, da auch Schatten. Zu jener Zeit kam es darauf an, daß der Schütze möglichst schnell wieder schußbereit war, namentlich wenn er von Berittenen bedroht wurde. Dann war minutenlanges Laden fehl am Platze. Die Eigenschaft der für das Gefecht ganz ungenügenden Feuergeschwindigkeit spielte für die preußische Jägertruppe einmal eine katastrophale Rolle. Im Jahre 1760 traf das infolge einer taktischen Fehleinschätzung zur Verteidigung von Berlin angesetzte Jägerkorps bei Charlottenburg auf leichte russische Kavallerie. Schlachteninfanterie, die den Angriff wohl hätte abwehren können, stand nicht zur Verfügung. Die braven Jäger werden gewiss ihre Büchsen mit treffsicherem Erfolg abgefeuert haben, aber nach Abgabe ihres Schusses standen sie wehrlos da. Die Kosaken ließen ihnen natürlich nicht die Zeit zum Nachladen, sprengten heran und rieben die Truppe beinahe gänzlich auf.
Im Jahre 1808 wurden die Reste des alten Jägerkorps aufgelöst und an dessen Stelle zwei Jägerbataillone – Garde-Jäger und ostpreußische Jäger – sowie das Schlesische Schützenbataillon errichtet. Da der größte Teil der alten Korpsbüchsen vernichtet bzw. reparaturbedürftig war, mußten die vorhandenen Lücken durch ausländische Modelle und zivile Büchsen ersetzt werden.
Nach eingehenden Versuchen in den Jahren 1809 und 1810 erhielten die Jäger- und Schützenbataillone ab Juli 1811 nach und nach verbesserte neue Büchsen aus den Potsdam-Berliner, Suhler und Neißer Gewehrfabriken. Allerdings war die Zeit von Auftragserteilung bis zum Beginn der Kriegshandlungen zu kurz, um eine gleichmäßige Ausstattung der Jäger und Schützen zu erreichen. Die wenigen, noch unverändert erhaltenen „Neupreußischen Jägerbüchsen“ stammen deshalb zumeist aus den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts. Das vorliegende Exemplar wurde 1824 von den Gebrüdern Schickler hergestellt und im Potsdamer Garde-Jäger-Bataillon von der 3. Kompanie als Waffe Nr. 243 geführt. Die römische Ziffer „II“ steht für „zweite Garnitur“, d.h. die Waffe war im Mobilmachungsfalle der Reserve respektive der ersten Ersatzmannschaft vorbehalten.
Die „Neupreußische Jägerbüchse“ ist eine wesentlich solidere Konstruktion als ihre Vorgänger, sprich die Varianten der sog. Anspach-Bayreuther Jägerbüchse.
Die Länge der neuen Corpsbüchse beträgt 1123 mm, die des Laufes 784 mm mit und 704 mm ohne Schwanzschraube. Grundsätzlich wies der Lauf acht Züge auf, wobei auch Waffen mit sieben ca. 0,8 mm tiefen Zügen aus der Suhler Fertigung bekannt sind. Da sich der mit einem trichterförmigen Zündloch versehene achtkantige Lauf bis zur Mitte hin verjüngt, dann aber wieder an Stärke zunimmt, spricht man von einer gestauchten Mündung. Das Kaliber bewegt sich zwischen 14,6 und 18,00 mm, da durch das „Frischen“ – ein Begriff, auf den später noch eingegangen werden soll – Abweichungen des Kalibers um einige Zehntel-Millimeter verursacht wurden. Das Standvisier besitzt eine kleine und eine große Klappe.
Das Schloß ähnelt sehr dem neupreußischen Infanteriegewehr M 1809/12. So weist es einen breiten, kräftigen Hahn nach französischer Art mit herzförmigem Ausschnitt sowie eine Pfanne aus Messing auf. Das obere Ende des Batteriedeckels ist leicht nach vorne gebogen.
Auch die Beschläge aus Messing, der Abzugsbügel, die zwei Röhrchen und das Seitenblech müssen als typisch neupreußisch in der Form ab 1809 angesprochen werden, die so bis 1849 beibehalten wurden. Die Nuß des sonst üblichen Schlosses verfügt über ein Spiel für die Stechereinrichtung, wobei sich zwischen den beiden Abzügen eine Schraube zur Feineinstellung des Stechers befindet.
Der Schaft ist wiederum von Nußbaumholz, aber stärker in der Ausführung als sein Vorgänger und besitzt eine Kolbenbacke sowie auf der linken Kolbenseite einen ausgesparten Kasten mit Schiebdeckel zur Aufnahme von Zubehörteilen. Hierunter fielen u. a. der Wischer, ein blechernes Ölfläschchen, ein Federhaken für das Reinigen des Schlosses, ein Schraubenzieher, Schraubenschlüssel etc. Oben am Schaft befand sich ein Nasenband, durch das eine Schraube ging. Der Lauf ist nicht mehr mit einfachen Stiften, sondern mit Schiebern im Schaft befestigt.
Zum Aufpflanzen eines Hirschfängers war an der rechten Laufseite vorn ein eiserner Haken hart aufgelötet. Das Gewicht der Büchse betrug mit aufgepflanztem Hirschfänger 5,1 kg und ohne denselben 4,32 kg.
Als optimale Ladung sah man 7,31 g Pulver vor, wobei die Waffe als Pflasterbüchse geladen wurde. Die Bezeichnung Pflasterbüchse erklärt sich aus der vorzunehmenden Ladeweise. Zur Erzeugung eines der Windung der Züge entsprechenden gleichmäßigen Drehmoments der Bleikugel lud man die Schußwaffe unter Verwendung eines so genannten Pflasters. Der Vorgang spielte sich dabei folgendermaßen ab: Der Jäger nahm seine Büchse senkrecht zwischen die Knie und schüttete das Pulver in den Lauf. Dann legte er auf die Mündung das Pflaster, in der Regel ein mit Talg getränkter kleiner Lappen aus Wolle oder Baumwolle. Auf dieses Pflaster wurde nun die Kugel gelegt, die im Verhältnis zum Laufkaliber möglichst keinen Spielraum haben durfte. Geschoß und Tuchlappen sollten das Laufkaliber recht stramm ausfüllen. Sodann nahm der Jäger einen kleinen Holzhammer, der an der Kugeltasche hing, und schlug mit einem kurzen Schlage die Kugel mit dem Pflaster in die Laufmündung hinein. Die überstehenden Ränder des Pflasters stülpten sich dabei nach oben und legten sich um die Kugel herum. Nun wurde der Holzhammer gewendet, das Stielende desselben, das hierfür die passende Form besaß, auf die an der Mündung liegende Kugel gesetzt und - soweit möglich - in den Lauf hineingedrückt. Erst jetzt kam der Ladestock zur Anwendung, der sich nun, nachdem er ein kurzes Stückchen Führung im Lauf gefunden hatte, mit dem nötigen Kraftaufwand zum vollständigen Hinabstoßen der Kugel gebrauchen ließ. Es bedurfte einer ganz beträchtlichen Anstrengung, um Kugel und Pflaster durch den Lauf zu schieben, namentlich wenn sich nach mehrfachem Gebrauch an den Seelenwänden des Laufes hart verkrustete Pulverrückstände angesetzt hatten. So war in der Regel nach 20 – 30 Schüssen die Ladefähigkeit der Büchse ausgereizt. Die Waffe mußte dann erst gereinigt werden, ehe sie wieder gebrauchsfähig war.
Abschließend hob der Schütze die Büchse mit der linken Hand ein wenig an und ließ den Ladestock mehrmals auf das Geschoß niederschnellen. Erst wenn er dabei von selbst federnd in die Höhe sprang, war die Pflasterkugel wirklich bis unten auf die Pulverladung hinab gestoßen worden. Nach Einbringung des Zündmittels hatte der Schütze die Feuerbereitschaft hergestellt.
Unter günstigen Umständen nahmen die Vorbereitungen für einen Schuss 2 – 3 Minuten in Anspruch, bei einer längeren Gefechtshandlung dementsprechend mehr. Man kann daraus schließen, daß der Gefechtswert einer mit Büchsen bewaffneten Truppe nur sehr marginal war.
Dennoch gab es Lagen, in denen eine Truppe, die mit ihren auf nächste Entfernung sehr zielsicher angegebenen Einzelschüssen wirken mußte, unbedingt gebraucht wurde.
Die Treffleistungen der Büchsen sprachen für sich. Man konnte mit großer Wahrscheinlichkeit auf 60 – 75 m eine Fläche von der Größe einer Hand treffen, auf 120 m ein Kopfziel und auf 150 m ein Brustziel.
Trotzalledem: Eingedenk des durch die tief geschnittenen Züge und die Reibung der Pflasterkugel eintretenden Kraftverlustes erhielt das Geschoss eine verhältnismäßig geringe Anfangsgeschwindigkeit. Die Flugbahn litt – bedingt durch die schwache Rasanz - an einer starken Krümmung und ergab nur kurze bestrichene Räume. Deshalb blieb der Jäger auf eine wohlüberlegte Wahl von Visier- und Haltepunkt angewiesen. Die guten Schußleistungen der Pflasterbüchsen erschöpften sich bei einer Entfernung von 300 m. Wie bereits erwähnt, mußte der Durchmesser des Geschosses für die Pflasterbüchse in einem sehr genauen Verhältnis zum Laufkaliber stehen, wenn man eine gute Kugelführung, also gute Trefferleistung erwarten wollte. Da nun in der Jägertruppe durch das Frischen, sprich das Nachschneiden der Züge mittels eines Ziehkolbens, immer Verschiedenheiten der Laufkaliber vorhanden waren, hatte der Schütze selbst bei geringfügigen Verschiedenheiten seine Kugeln danach auszurichten. Der Jäger besaß deshalb eine Kugelform und goss sich seine Bleikugeln selber.
Um in bedrängter Lage den Ladevorgang abzukürzen, führten die Jäger aber auch noch so genannte Paß- und Spielpatronen mit sich. Es handelte sich hierbei um insgesamt 40 Papierpatronen. Beim Laden wurde diese Munition in üblicher Weise mit den Zähnen aufgerissen, das dort enthaltene Pulver und die Kugel in den Lauf eingeführt. Die mit einem integrierten Pflaster versehenen 20 Passpatronen zeichneten sich im Gegensatz zur Pflasterkugel durch eine schwächere Ladung aus, so daß sich die Trefferleistung deutlich reduzierte. Die 20 Spielpatronen waren im Hinblick auf Kaliber und Ladung gegenüber den Paßpatronen noch einmal geringer und entbehrten zudem des Pflasters. Somit hatten sie reichlich Spiel im Lauf und setzte die Trefferwahrscheinlichkeit nochmals um ein weiteres herunter.
Zu Beginn der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts befanden sich die rund 6 000 neuen Corpsbüchsen, darunter auch das vorgestellte Realstück unter den ersten Feuerwaffen, die in Preußen auf Perkussionszündung umgebaut wurden. Das Schloß erhielt einen neuen Hahn und anstelle der Batterie eine klappbare Pistonsicherung, die sich um die Achse der alten Batterieschraube dreht, auf der Batteriefeder fußt und bei Bedarf als Schutzhaube über Piston und Zündhütchen geschwenkt werden kann.
Die erheblich abweichenden Formen und Maße der Corpsbüchsen von verschiedenen Herstellern waren aber einer der Gründe, die 1835 letztlich zur Einführung eines neuen Musters führte.