Mit der preußischen Armee wird häufig in erster Linie die Infanterie in Verbindung gebracht. Das dem nicht ganz so ist, zeigt ein Blick in die Militärgeschichte.
Der Große Kurfürst, der die Reihe preußischer Herrscher von überregionaler Bedeutung eröffnete, schätzte die Kavallerie, wozu damals bereits die Dragoner gezählt wurden, über die Maßen. Sein Zug vom „Rhein zum Rhin“ und die anschließende Vertreibung der Schweden aus der Mark sprechen eine deutliche Sprache.
Dabei wurde die Schlacht bei Fehrbellin, die in ganz Europa Bewunderung hervorrief, ausschließlich durch Reiter und Dragoner geschlagen, sieht man von der geringen Artillerie einmal ab. 1679 bestand die brandenburgische Armee aus 19.000 Mann zu Fuß und 10.000 Reitern, davon 3. 000 Dragoner. In dem Etat von 1683 rangiert die Kavallerie vor der Infanterie!
Die Remontierung dieser Reiterei konnte im wesentlichen aus dem eigenen Lande erfolgen. Durch Maßnahmen des Großen Kurfürsten hinsichtlich der Hebung des Gestütswesens war das nach dem 30-jährigen Krieg wieder möglich geworden. Offiziere und wohlhabende Reiter erwarben ihre Reitpferde über Händler aus Dänemark und z. T. aus Spanien, Italien und den Niederlanden, deren Qualität im 17. Jahrhundert in der Regel deutlich über den heimischen Zuchtprodukten lag.
Auch Friedrich Wilhelm I. vernachlässigte seine Reiterei keinesfalls. Da er in militärischen Angelegenheiten stark durch den Alten Dessauer beeinflußt wurde, und dieser nach seinen Erfahrungen im Spanischen Erbfolgekrieg der Reiterei nicht viel zutraute, entstand in der einschlägigen Literatur der Eindruck, der Soldatenkönig sei der gleichen Auffassung gewesen. Seine geradezu liebevolle Hinwendung zu den Langen Kerls schien diesen Eindruck auch zu bestätigen. Tatsache aber ist, dass bereits dieser Preußenkönig seine Reiterei nicht unwesentlich verstärkte, indem jede Compagnie* von 65 auf 75 Reiter gebracht, und weitere Regimenter neu aufgestellt wurden.
Am Ende seiner Regierungszeit bestand die preußische Kavallerie aus 12 Regimentern zu Pferde (60 Esk.), 6 Regimentern Dragoner (45 Esk.) sowie 2 Husaren-Korps (9 Esk.). Das ergab 20 Kav.-Regimenter mit 114 Eskadrons. Dem standen 66 Bataillone Infanterie und 10 Kompanien Artillerie gegenüber.
Das erste, tatsächlich eingeführte, Exerzier-Reglement für die Kavallerie erließ Friedrich Wilhelm I. am 1. März 1727.
Allein aus der Größenordnung ergibt sich der Stellenwert der Reiterei im Rahmen der preußischen Armee, wobei erwähnt werden muss, dass die Kavallerie seit jeher als „teure“ Waffe galt, und jeder Fürst bestrebt war, die Kosten für seine Armee möglichst niedrig zu halten.
Der hohe finanzielle Aufwand, den die Reiterwaffe erforderte, ergab sich vornehmlich aus der Beschaffung und der Unterhaltung der Pferde. Am günstigsten wäre die Beschaffung im eigenen Lande gewesen. Die in der Tat erheblichen finanziellen Aufwendungen wären dem Wirtschaftskreislauf erhalten geblieben und hätten der Landwirtschaft, der die Masse der Bevölkerung ihre Existenz verdankte, positive Impulse verliehen.
Jedoch war das im 18. Jahrhundert nicht möglich. Sowohl für die Kavallerie als auch für die Husaren konnten im eigenen Lande so gut wie keine Pferde angekauft werden. Anzahl und Qualität waren völlig unzureichend. Lediglich die Klepper für die Artillerie und das Fuhrwesen wurden im Mobilmachungsfall dem Lande entnommen.
Die Reitpferde für die Kavallerie und die Husaren mußten also nahezu ausnahmslos im „Ausland“ angekauft werden. Dies geschah überwiegend im Hannoverschen, wo die Pferde (Achtung hier Fußnote) auf dem damals größten Markt, in Celle, erworben wurden. Zum Teil kamen diese Pferde aus Niedersachsen selbst, der größte Teil jedoch kam aus Schleswig-Holstein und Jütland. Diese dänischen Provinzen waren Hauptlieferanten, nicht nur für Preußen, sondern auch für Österreich, England und Frankreich. Zeitweise musste die dänische Regierung die Ausfuhr drosseln, um den Eigenbedarf zu sichern.
Der „Holsteiner“ wurde im 18. Jahrhundert zum Inbegriff des Kavalleriepferdes in ganz Europa schlechthin. Er war 165 – 175 cm groß, kräftig gebaut, von angenehmen Temperament, und er konnte rund 200 kg Gewicht tragen. Sehr schnell waren diese relativ schweren Pferde nicht und ihr größter Mangel lag im Fehlen der notwendigen Robustheit. Durch die Aufzucht in dem vom Golfstrom begünstigten Klima der Nordseeküste waren diese Pferde „weich“. Die überwiegend dunkle Farbe der Holsteiner dagegen kam den damaligen Armeen sehr entgegen. Friedrich Wilhelm der I. wollte bei seinen Regimentern zu Pferde nur „ganz schwarze Rappen“ sehen, bei den Dragonern waren auch Dunkelbraune zugelassen. Für die von ihm errichteten Husaren ließ der König die Pferde aus Ungarn herbeischaffen. Die Husarenpferde waren bedeutend kleiner, leichter und schneller, aber auch härter, und in der Anfangszeit überwiegend Schimmel. Mit der Vermehrung der Husaren wurden deren Pferde auch schon in Polen oder sogar im Inland angekauft. Im Übrigen waren sie erheblich billiger als die Holsteiner. 1727 betrug der Preis für eine Kavallerie-Remonte 75 Reichstaler ohne Unkosten. Allein für den Ankauf der zusätzlichen Remonten bei der Erhöhung auf 75 Reiter pro Compagnie, mussten 60.000 Reichstaler aufgewendet werden.
Zu dem Ankaufspreis kamen je nach Entfernung Transportkosten, die noch einmal bis zu 1/3 des Ankaufspreises ausmachten. Bei den Preußen waren diese Nebenkosten pro Tag auf Groschen und Pfennig festgelegt.
Wie bei der Infanterie legte der Soldatenkönig bei seinen Regimentern zu Pferde Wert auf große und kräftige Leute, die auf ebensolchen Pferden saßen. Die etwas kleineren wurden bei den Dragonern verwendet. Erfahrungsgemäß sind mittelgroße sowie kleinere Menschen und Pferde besser geeignet, die Aufgaben der Reiterei zu erfüllen, was u.a. auf den günstigeren Bewegungsabläufen beruht. Doch derlei widersprach dem Geschmack des ausgehenden Barock. Um das gute Aussehen zu erhalten und noch zu vermehren, wurden die Pferde bei den knappen Friedensrationen so wenig wie möglich bewegt, damit sie sich stets rund und schier präsentierten. Das führte z.B. dazu, dass die Reiter wie die Infanterie zu Fuß exerzierten, ihre reiterlichen Fähigkeiten dabei einbüßten, und der Waffe weitgehend ihre eigentliche Schlagkraft genommen wurde. Das „Versagen“ der Reiterei bei Mollwitz beruhte großenteils auf diesen Umständen.
Andererseits hat Friedrich Wilhelm I. Bedeutendes für die Kavallerie in Deutschland geleistet, indem er 1732 das Gestüt Trakehnen gründete, welches später entscheidenden Einfluß auf die Zucht eines überaus leistungsfähigen Kavalleriepferdes nehmen sollte, und das bis 1945!
Als Friedrich II. 1740 die Regierung antrat, machte er sich unverzüglich daran, die Armee seines Vaters zu verbessern und zu vergrößern. Die Riesengarde des Soldatenkönigs löste er auf, und stellte, quasi stattdessen, das Gardes du Corps zunächst zu einer Eskadron auf. Er verstärkte es 1756 auf 3 Eskadrons. Ganz besonders aber verstärkte er die Husarenwaffe, und auch die Anzahl der Dragoner-Regimenter wurde verdoppelt.
1743/44 verfügte er bereits über 9.610 Kürassiere, 11.000 Dragoner und 9.377 Husaren. Bis 1786 war seine Kavallerie auf 233 Eskadrons mit rund 40.000 Reitern angewachsen.
Eine derart umfangreiche Reitertruppe konnte sich auch in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nicht aus dem eigenen Lande remontieren, obwohl inzwischen einzelne Regimenter einen Teil ihrer Remonten schon aus Ostpreußen ** bezogen.
Während für die 12 Kürassier-Regimenter der Remontebedarf nach wie vor durch Holsteiner gedeckt wurde, die lizensierte Händler den Abholkommandos in Celle, Steimbe (Achtung Fußnote) oder Kloster Diesdorf bei Magdeburg übergaben, bekamen die Husaren-Regimenter, und seit 1756 auch das zweite und dritte Glied der Dragoner-Regimenter, die sogenannte „Polnische-Remonte“, die zwar nicht aus Polen stammte, sondern aus den verschiedenen Wildzuchtgebieten nördlich und westlich des Schwarzen Meeres. Diese Wildlinge wurden durch polnische Pferdehändler den Abholkommandos zugeführt und an der polnischen Grenze übergeben.
Vielfach aber mussten die Remontekommandos bis in die Ursprungsgebiete, d.h. in die Wallachei (Bessarabien), die Ukraine und das heutige Moldawien reisen, um dort die angekauften Remonten zu übernehmen und nach Preußen zu überführen. Was heute wie eine interessante Abwechslung im dienstlichen Alltag erscheinen mag, wobei fremde Länder und Menschen in das Gesichtsfeld traten, war damals ein recht unbeliebter Auftrag.
Der spätere Generalleutnant Friedrich v. Sohr berichtet sehr anschaulich über zwei seiner Reisen als Führer eines Remontekommandos in das heutige Moldawien in den Jahren 1802 und 1804, als noch immer jährlich rund 2.000 Pferde allein in diesen Gebieten für die preußische Kavallerie angekauft werden mussten. Dazu hatte das Oberkriegskollegium mit dem Juden Marcel Raphael einen Kontrakt über die damalige Lieferung abgeschlossen. Zum Schutz der mitgeführten Ankaufssumme von 14.000 Golddukaten begleitete ihn v. Sohr, der auch dafür haftete, mit 2 Unteroffizieren und 6 Husaren. Auch die Durchführung des Rückmarsches leitete er mit seinem Kommando. Dieser stellte die eigentliche Schwierigkeit dar, mußten doch bis zu 1.000 völlig wilde Pferde, in Gruppen von 200 Stück über mehrere Tausend Kilometer bis an die Grenze Oberschlesiens getrieben werden. Dabei wurden der Pruth, der Dnjester, der San und die Weichsel schwimmend überquert, häufig bei Hochwasser, wobei immer etliche Pferde ertranken. Eine derartige Remontereise dauerte 8 – 9 Monate, und jeder Kommandoführer war froh, wenn er diesen Auftrag ohne allzu große Verluste an Pferden, aber auch an Soldaten, durch Krankheit, Tod oder Desertion, durchgeführt hatte.
Die „Polnische Remonte“ kostete 44 Reichstaler, soweit diese Pferde für die Dragoner-Rgtr. in Frage kamen, die etwas kleineren Husarenpferde nur 32 Rtlr., mit Ausnahme des Zieten’schen Regiments, dessen Pferde 37 Rtlr. kosten durften. Bei den Ankäufen in Deutschland 1766, wurden 65 Rtlr. Gold für ein Kürassierpferd und 56 Rtlr. Gold für ein Dragonerpferd gezahlt, für die Pferde der Erstausstattung des Gardes du Corps waren sogar 150 Rtlr. pro Stück gezahlt worden.
Die unterschiedlichen Preise geben die damalige Auffassung der Qualität wieder, ohne dass damit auch die militärische Brauchbarkeit berücksichtigt wurde. Die nur 147 cm großen Husarenpferde waren zwar robust, ausdauernd und schnell, konnten aber niemals das schwere Gewicht der Kürassiere mit deren Ausrüstung tragen. Daher rührt ihr niedriger Preis.
Die relativ umfangreichen Remonte-Ankäufe waren notwendig, weil sowohl bei der Polnischen Remonte, als auch bei den deutschen Pferden bereits in den ersten Dienstjahren ein enormer Ausfall eintrat, bei den Holsteinern besonders durch ihre damalige „Schlaffheit“, d.h. mangelnde Knochen-, Muskeln- und Sehnensubstanz. Bei Belastung und Strapazen magerten sie ab und fielen zusammen. Zum anderen mussten 11 % des Bestandes jährlich aus alters- und gesundheitlichen Gründen ausgemustert und verkauft werden. Das waren bei einem Husaren-Rgt. über 100, bei den Kürassieren und Dragonern 70 Stück pro Regiment.
Die hohen Kosten, die z. T. politisch bedingten großen Schwierigkeiten bei der Beschaffung, und die erheblichen Ausfälle an Pferden schon im Frieden, nahmen die sparsamen preußischen Herrscher, ganz besonders Friedrich II. in Kauf, um eine schlagkräftige Kavallerie zu unterhalten. Mit Ausnahme der Kürassiere vermehrte er seine Reiterei ganz erheblich. Nur sie, meinte er, sei häufig imstande, in der Schlacht eine Entscheidung herbeizuführen. Denn eine gute Kavallerie mache den Feldherrn zum „maître de la campagne“. Trotz der gleichwohl auch vorhandenen Schwächen, schätzte er 15 Eskadrons seiner Dragoner und Husaren gleich 30 feindlichen.
Bei dieser Wertschätzung und deren praktischer Umsetzung bleibt es rätselhaft, warum die Preußenkönige im 18. Jahrhundert so wenig für die eigene Landespferdezucht getan haben und dadurch große Summen dem Ausland zugute kamen, die wenigstens teilweise dem Staat hätten erhalten werden können. Noch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts waren nur 10 – 20 % selbst der in Ostpreußen angebotenen Pferde als Remonten geeignet.
Erst etwa 100 Jahre später, nach 1833, konnte die preußische Armee ihren Pferdebedarf gänzlich aus dem eigenen Lande beziehen.