von Dr. Ernst Kretzschmar
In der militärgeschichtlichen Erinnerungskultur haben seit Jahrtausenden die Kriegstrophäen einen besonderen Rang. Man findet sie in Kasernen, Gedenkstätten, Museen und Kirchen, aber auch auf öffentlichen Plätzen. Im militärischen Zeremoniell und bei bedeutenden Jubiläen bleiben sie Zeitzeugnisse von außergewöhnlicher emotionaler Kraft. Zwar haben hierzulande in den Jahrzehnten der Umerziehung doktrinärer Hochmut und ideologische Verklemmtheit der Medien und politischen Verantwortungsträgern dazu geführt, daß Traditionstreue wenig gilt und Verhöhnung oder Unkenntnis für zeitgemäße Tugenden gehalten werden. Wer aber in der Welt etwas herumgekommen ist, fand in vielen Ländern solche Trophäen als unantastbare Symbole gemeinsamer Geschichte der Völker.
Es dürfte sogar manchen Forscher oder Sammler überraschen, daß eine bekannte Trophäe preußisch-deutscher Militärgeschichte noch heute im Besitz der Stadt Görlitz ist. Hier im Westteil der Provinz Schlesien lag von 1830 bis 1887 das 1. Schlesische Jäger-Bataillon Nr.5 in Garnison (danach in Hirschberg). Es waren diese Görlitzer Jäger, die am 4. August 1870 das erste französische Geschütz im Deutsch-Französischem Krieg erbeuteten. Im Jubiläumsjahr 1885 erschien das volkstümliche Buch „Der Krieg gegen Frankreich 1870/71“ von Theodor Lindner. Darin liest man: „…mehrfach hatten deutsche Patrioten Preise auf die Eroberung des ersten Geschützes gesetzt. Sie verdienten Mannschaften der 1. Kompanie der 5. Jäger. Auf den Höhen südwestlich vom Bahnhof hatten die Franzosen beim Abfahren einer Batterie eine Kanone , deren Bespannung erschossen war, stehen lassen müssen. Rasch sprangen jene hinzu, aber ebenso schnell eilte eine halbe französische Kompanie heran, während Artilleristen frische Pferde herbeiführten. Feldwebel Mayer warf sich in ihre Flanke; mit aufgepflanztem Hirschfänger, Oberjäger Hausknecht und Leuschner voran, stürmten die Jäger drauf, und die kostbare Beute wurde die ihre.“ Der begabte Reimeschmied Gustav Frommelt, Fleischer aus Jauer, der als Jäger und Augenzeuge in zahlreichen Gedichten seine Dienstzeit und die Bataillonsgeschichte schilderte, schrieb über das Ereignis: „Das war ‘n die fünften Jäger, die nahmen die erste Kanon´. Sie nahmen sie im Sturm ab dem Napoleon…das waren Schlesiens Söhne, und von der besten Art. Sie holten sich den Teufel, wenn es befohlen ward.“
Kaiser Wilhelm I. und der Kronprinz zollten den Görlitzer Jägern mehrfach hohe Anerkennung. Nach dem Eintreffen des Geschützes auf dem Anhalter Bahnhof kamen die Berliner, um das Beutestück zu bestaunen. Der Magistrat der Stadt Görlitz konnte den Kaiser dazu bewegen, die bedeutsame Trophäe nicht in der Hauptstadt zu belassen, sondern sie auf Dauer Görlitz zu übergeben. Dort entstand nun ein Trophäendenkmal, das am 4.8.1874 neben dem Kaisertrutz (Hauptwache der Garnison) festlich eingeweiht wurde. Den Entwurf lieferte Prof. Gropius. Die Kanone stand auf einem Granitsockel, dahinter umrahmt von einer halbrunden Ziegelmauer mit figurenreichem Fries, der anfangs in Terrakotta, später in Bronze ausgeführt war. Als Sehenswürdigkeit stand die Denkmalanlage 70 Jahre lang an ihrem Platz, betreut durch die Stadt unter verschiedenen politischen Systemen und durch wechselnde Garnisontruppen. Gelegentlich wurde die Kanone auch anderweitig für Jubiläumsfeiern oder Festumzüge „ausgeborgt“.
1932 wurde die frühere Hauptwache der Garnison heimatgeschichtliches Museum. Kurz vor Ende des II. Weltkrieges (fast alle militärischen Denkmäler waren 1942 abgenommen und für Rüstungszwecke eingeschmolzen, die Görlitzer Kanone jedoch nicht) wurde das alte Beutegeschütz heimlich abgenommen und kommentarlos geborgen. Das Rohr wurde im Kaisertrutz vergraben, die Lafette hinter Gerümpel verkramt. So wurde die Rarität preußischer Militärgeschichte dem Zugriff der Besatzungstruppen entzogen. Das Bauwerk selbst verschwand bis 1950, der bronzene Fries wurde zur Weiterverwendung an eine Berliner Denkmalgießerei verkauft; solches Material war damals knapp. Die Kanone wurde schon zu Ostzeiten ausgegraben, ohne etwas verlauten zu lassen. Die Lafette konnte in den 80iger Jahren notdürftig restauriert werden, inzwischen fehlten dazugehörige Kleinteile. 2003 bewunderten Mitglieder des Traditionsverbandes ehem. Hirschberger Jäger Zeugnisse der Görlitzer Jägertradition. Zu ihrer größten Überraschung fanden sie auch die verloren geglaubte Kanone von 1870 wieder, die ihre soldatischen Vorfahren in der Schlacht bei Weißenburg erobert hatten. Als Dauerleihgabe der Stadt Görlitz hat nun diese Trophäe einen würdigen Platz in der neuen Roon-Dauerausstellung in Schloß Krobnitz gefunden.