Im Laufe vieler Jahrzehnte entwickelte sich im Alltag des preußischen Kadettenkorps ein spezielles Vokabular, nur dem Kadetten (und dem Erzieher, wenn er selbst Kadett war) verständlich; vielfach drastisch, respektlos und nicht immer stubenrein, aber auch humorvoll und treffend. Nachfolgend einige Beispiele, eingeleitet von einer Liste der Bezeichnung von Kadetten in den einzelnen Dienstjahren (variierte in Voranstalten und der Hauptkadettenanstalt):
1. Dienstjahr |
Schnappsack/Frischling |
2. Dienstjahr |
Brotsack |
3. Dienstjahr |
Alter Kadett |
4. Dienstjahr |
Knast |
5. Dienstjahr |
Knudelknast |
6. Dienstjahr |
Silberne Schnalle |
7. Dienstjahr |
Goldene Schnalle |
8. Dienstjahr |
Wandelnder Haufen/Misthaufen |
9. Dienstjahr |
Stehender, stinkender oder rauchender Haufen |
10. Dienstjahr |
bemoostes Haupt |
Ausdruck |
Bedeutung
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Aas |
etwas, "was einem stank", z.B. ein kommissiger, d.h. überkorrekter, pedantischer Vorgesetzter.
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Amme |
älterer Kadett, der dem Frischling (s.o.) zur Einweisung in die Hausordnung des Korps zugeteilt wurde; auch die Amme konnte ein Aas sein.
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Atzung |
Verpflegung allgemein; wir haben "fähig geatzt" = wir haben gut gegessen.
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bonforzinös |
ist elegant französisch mit Nasallaut auszusprechen, bedeutete chic, sehr fein. Steigerung: hautbonforzinös.
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Bulleneier |
Bratklops, falscher Hase, Boulette, Frikadelle
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Bums bzw.s Dremmelbums |
geräuschvolle Ansammlung von Kadetten; Dremmelbums war das Gedränge an den Türen was beim Einrücken/Ausrücken regelmäßig entstand. Hier wurde man unbemerkt einen Knuff in den Rücken oder einen Tritt in den verlängerten R. eines unbeliebten Vordermannes los.
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Chefine |
Die Gattin des Kompaniechefs
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Flaatz, Fläätzin |
(auch: Flatz). Verwalter des Kompaniegeschäftszimmers und der Bekleidungskammer, ein würdevoller altgedienter Feldwebel in offizierähnlicher Uniform. Seine Frau, die Fläätzin, verkaufte in der Tabagie alles, was der Kadett in Dienst und karg bemessener Freizeit an persönlichen Dingen benötigte.
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Fressstelle |
Urlaubsstelle des immer hungrigen Kadetten bei Verwandten (z.B. älteren Tanten und Onkels, letztere hatten meist selbst gedient und kannten die Nöte des Kadetten)
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giern |
begehrlich gucken, arglistig oder aufdringlich abluchsen.
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Hat-sich-Zettel |
Formular, auf dem der "Fressstelleninhaber" dem Erzieher bescheinigte: der Kadett XY hat sich in der Zeit von.... bis... in meinem Hause aufgehalten.
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Kammerfehde |
nie offiziell erklärte Feindschaft zwischen zwei Stuben (Kammern); brach unverhofft meist nachts über die Ahnungslosen herein mit: Stülpen (blitzschnelles Stemmen des Bettes nach oben oder zur Seite), Bottenfeuer (gezieltes Bombardement mit Stiefeln), Schöppen (Giessen aus großen Wasserkannen) und anderen Freundlichkeiten. Wurde ebenso unverhofft wieder eingestellt (bis sich die andere Stube rächte).
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Kariere |
(entlehnt von latein. "carere" = entbehren). Disziplinarstrafe, meist in Form von Mittagbrot-Karieren: zusehen, wie sich die anderen "den Bauch vollschlugen".
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Kinderkreuzzug |
in der hochmütigen Sprache der Angehörigen der Hauptkadettenanstalt: Felddienstübung der Vorkorps
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Kleinkinder- Bewahranstalten
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als K. wurden die Vorkorps in der Sprache der HKA bezeichnet.
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Klops-Kalle |
als Kallen wurde Mädchen bezeichnet, mit denen der Kadett nicht poussierte, die Klops-Kalle war dementsprechend ein Küchenmädchen in der Küche der Anstalt; die Küchenmädchen unterstanden dem Küchenunteroffizier (Knux).
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Maikaifersch... |
Spinat, auch Kuhklax genannt (natürlich nur der Farbe wegen)
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massig |
massig angewendet im Sinne von sehr: massig dumm, massig chic. Auch damals gab es schon Modeworte in der Sprache der Jugend
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Nippesfach |
während im Spind eine bis ins Kleinste vorgeschriebene Ordnung herrschte, durfte der Kadett das oberste Spindfach, ausgeschlagen mit Krepp-Papier, mit persönlichen Devotionalien dekorieren: Nippes-Figürchen, Familien- und Kaiserbildern, Achselstücken, Portepées etc.
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Obermolch |
mit O. wurden alle (meist ebenfalls uniformtragende) Leiter nichtmilitärischer Einrichtungen bezeichnet, also Bahnhofsvorsteher, Posträte, selbst Minister
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Rutsche |
von der Stubenkameradschaft verhängte Tracht Prügel bei seltenen wirklich schweren Verstößen gegen Ehre, Korpsgeist und Kameradschaft, ausgeführt mit der Klopfpeitsche (Ausklopfer zur Sachenreinigung mit Holzstiel und sieben Ledersträhnen).
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Sauklaue |
dreckige Hände, insbesondere mit Trauerrand.
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Schlüsselbeissen |
eines von mehreren Ritualen bei der "Taufe" neuer Kadetten. Man verband einem die Augen und ließ ihn beißen und raten; manchmal war auch ein leckerer Maikäfer oder zarter Regenwurm dabei.
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Südfront-Ella |
jene legendäre junge Lotterfrau, die unverdorbenen jungen Kadetten angeblich im Gebüsch vor der Südfront der HKA "Nachhilfeunterricht" gab; in aller Munde, doch nie gesehen....
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Tabagie |
gab es nur bei den Kompanien der HKA: kleine Verkaufseinrichtung für Kadettenbedürfnisse, zu bestimmten Zeiten geöffnet. Hier gab es u.a. den so geschätzten Kuchen; eine sog. Tabagiefreie war die Einladung eines Kadettenkameraden zu Kaffee und Kuchen im Werte von ca. 30 Pfennig
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Tusch |
Missfallens- oder Begeisterungs-Bekundung einer Menge von Kadetten mit langgezogenem ".....üüüüü.....", das sich von Pianissimo über Crescendo bis zum Fortissimo steigerte: Beispiel: im Speisesaal (Fassungsvermögen 1000 Mann) knallt eine Schüssel mit Lungenhachée auf den Steinboden.......
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Verschiss |
bei schweren Vergehen gegen die Kameradschaft: ein Kadett verfiel vorübergehend "in Acht und Bann" (=Ausstoß aus der Gemeinschaft; Stuben-, Klassen und Kompaneiverschiss) |
Die Angehörigen der damaligen sächsischen und bayerischen Kadettenkorps, aber auch der heute noch bestehen Militärakademien in USA (West Point), Großbritannien (Sandhurst) und Frankreich (St. Cyr) besitzen eine ähnlich eigentümliche Sprache. In den USA bestehen neben West Point (Heer), Annapolis (Marine) sowie der Luftwaffenakademie noch weitere halbmilitärische Bildungs- und Erziehungsinstitute.