Die Zündnadelsysteme Dreyse und Chassepot oder die Geburt der deutsch-französischen Rivalität in der Gewehrfrage

Von Dr.Frank Wernitz

Die schnellen preußischen Erfolge während des Krieges 1866 zeigten europaweit in beeindruckender Weise die Vorzüge des Zündnadelgewehres, der ersten feldverwendungsfähigen Handfeuerwaffe mit Hinterladung. Das bis zum Herbst des Jahres 1841 von Nicolaus Dreyse entwickelte und zur Serienreife verbesserte Gewehr, aus Geheimhaltungsgründen noch weit über ein Jahrzehnt unter der Tarnbezeichnung „leichtes Perkussionsgewehr“ geführt, konnte sich aber erst nach zähem Ringen und durch die Initiativen vorausschauender Offiziere im preußischen Kriegsministerium sowie des nachmaligen Kaiser Wilhelm I. als etatmäßige Waffe der preußischen Armee durchsetzen.

Ein Mythos entsteht

Der waffentechnische Durchbruch dieser Konstruktion erfolgte mit der Entwicklung der Einheitspatrone, in der Geschoss, Treibladung und Zündsatz zusammengefügt waren, sowie an der Waffe selbst durch das Zusammenspiel von drei ineinander geschobenen Hohlzylindern. Ein Zylinder mit Zündeinrichtung, das so genannte Schlösschen mit Nadelbolzen und durchgeschraubter Zündnadel, der ihn umgebenden Schlagfeder einschließlich der Sperrfeder lässt sich in einen zweiten, größeren Zylinder, auch Verschlusszylinder oder Kammer genannt, schieben, der durch den dort angebrachten Stengel eine Vor- und Zurückbewegung erlaubt. Diese Kammer liegt wiederum in einem dritten, am Rohr angeschraubten Halbzylinder, der Hülse. Der Verschlusszylinder wird nunmehr mit dem Kammerstengel gegen das Rohrende geführt und nach rechts gedreht, wobei die Hülse als Abstütze dient. Damit konnte ein weitgehend gasdichter Verschluss des gezogenen Laufes erreicht werden. Mit dem Dreyse,schen Prinzip – Einheitspatrone, weitgehend gasdichter Rohrabschluss in Zylinderform und die durch eine Schraubendruckfeder zu betätigende Zündvorrichtung - war zudem eine Erhöhung der Feuergeschwindigkeit verbunden, da sich die Anzahl der Ladegriffe bei dieser neuartigen Waffe vom bislang zweistelligen Bereich auf acht minimierte. Der Schütze musste nur noch das Schlösschen zurückziehen (1.), die Kammer aufschlagen (2.) und öffnen (3.), die Patrone einlegen (4.), die Kammer schließen (5.), einen Verriegelungsschlag gegen den Kammerstengel ausführen (6.), das Schlösschen spannen (7.), in Anschlag gehen und feuern (8.). Am 4. Dezember 1840 befahl König Friedrich Wilhelm IV. die Herstellung von 60 000 Gewehren nebst der dazugehörigen Munition, die zunächst im Berliner Zeughaus eingelagert wurden. Acht Jahre später erfolgte die sukzessive Verausgabung an die Füsilierbataillone des Gardekorps sowie des II., III. und IV. Armeekorps. Daneben erhielten auch die Grenadierbataillone des 1. und 2. Garde-Regiments, des Garde-Reserveregiments und unmittelbar darauf alle Gardebataillone Zündnadelgewehre, die 1849 in den Straßen- und Häuserkämpfen in Dresden sowie während der badisch-pfälzischen Kampagne und des Feldzuges in Schleswig-Holstein ihre Kriegsbrauchbarkeit unter Beweis stellten. 1852 führten bereits 14 Garde- und 32 Infanteriebataillone die neue Handfeuerwaffe. Ungeachtet dessen gab es in konservativen Kreisen noch enorme Widerstände gegen eine allgemeine Bewaffnung der Armee mit Zündnadelgewehren. Neben der Kritik an der aufwendigen und komplizierten Technik, die sich lediglich im Rahmen der Verteidigung nutzbringend einsetzen ließe, wurde gerade der Vorzug dieses Systems – schnelle Feuerbereitschaft bei bequemen Laden in jeder Körperlage – bemängelt, da dadurch nur leichtfertig Munition verschwendet werden würde. Erst auf Befehl des späteren König Wilhelm I., der Mitte 1858 für den lebensgefährlich erkrankten König Friedrich Wilhelm IV. die Stellvertretung und später die Regentschaft übernommen hatte, wurde am 3. Juni 1858 die Bewaffnung der gesamten Linien-Infanterie mit Hinderladergewehren nach dem Prinzip Dreyse unter der Typenbezeichnung „Zündnadelgewehr Mod. 1841“ noch für das gleiche Jahr durchgeführt. Im darauf folgenden Jahr sollte dann ohne Verzug auch die Landwehr mit dieser neuartigen Waffe ausgestattet werden.

Der französische Konkurrent

Diese waffentechnische Revolution konnte aber trotz aller Bemühungen nicht geheim gehalten werden. So hatte sich auch Frankreich unter Auswertung der preußischen Gefechtserfahrungen mit dem Zündnadelprinzip auseinandergesetzt, gelangte aber zu einer völlig eigenen Entwicklung. Antoine Adolphe Chassepot, Arbeiter in den Artilleriewerkstätten Saint Thomas d,Aquin, legte 1858 eine auf dem Prinzip der Zündnadel beruhende aber im Wesentlichen verbesserte Gewehrkonstruktion vor, die nach ausgedehnten Truppenversuchen und diversen Abänderungen im Jahre 1866 offiziell angenommen und in der französischen Armee eingeführt wurde. Neben einem verbesserten Verschluss, der durch das Einbringen eines allerdings kälteempfindlichen Kautschukringes zur gasdichten Laufabdichtung den Kraftaufwand beim Scharfmachen der Waffe verringerte und durch den Wegfall des Schlösschens die Ladegriffe vereinfachte, verfügte man darüber hinaus auch über eine verbesserte Einheitspatrone, die – zwar noch mit Papier umhüllt – zusätzlich einen Seidenüberzug aufwies und dadurch erheblich gasdichter wurde. Außerdem lag das Zündhütchen vor der Pulverladung, so dass im Gegensatz zum preußischen System, bei der die Nadel beim Abschuss erst die gesamte Pulverladung durchdringen musste, um die Zündpille zu erreichen, diese bei der französischen Konstruktion keiner derartigen Beanspruchung ausgesetzt war. Die Handhabung der Waffe erforderte überhaupt weniger Ladegriffe und führte infolgedessen zu einer nochmals gesteigerten Feuergeschwindigkeit. Durch das geringe Geschossgewicht von 13,5 g konnte gleichzeitig der Munitionsvorrat beim einzelnen Schützen erhöht werden. Aufsehen erregend war dabei, dass man sich im Gegensatz zur preußischen Patrone mit einem Durchmesser von 16 mm für ein fortschrittliches, kleines Kaliber von nur 11 mm entschlossen hatte. Die kleinen Geschosse zeichneten sich durch eine große Fluggeschwindigkeit und eine wesentlich gestrecktere Flugbahn aus. So konnte bereits bei einer Schussentfernung von rund 1 200 Metern gezieltes Feuer aufgenommen werden. Ungeachtet der auch bei dieser Konstruktion bestehenden Mängel wie z.B. übermäßige Verbrennungsrückstände der Patronen im Lauf oder Schwierigkeiten beim Einführen der Patrone durch das Schloss in das Patronenlager war diese Waffe, die unter der Modellbezeichnung „Chassepot-Gewehr M 66“ geführt wurde, die modernste Infanteriehandfeuerwaffe ihrer Zeit und in Schussweite sowie Rasanz der damals schon 25 Jahre alten preußischen Konstruktion weit überlegen.

Verspätete Einsichten

Diese Erkenntnis hatte auch im Königreich Preußen zu der Absicht geführt, der Truppe aufgrund der gesammelten Erfahrungen und der neuen fertigungstechnischen Ressourcen ein neues und vor allem verbessertes Gewehrmodell in die Hand zu geben. Nach entsprechenden Erprobungen wurde am 28. Juli 1862 ein neues Zündnadelinfanteriegewehr mit der Bezeichnung Mod. 62 eingeführt. Zugunsten einer einheitlichen Munitionsausstattung blieben Kaliber, Lauf, Zugsystem, Patronenlager und Patronen aber unverändert, lediglich die Lauflänge wurde um 6,5 cm verkürzt, eine Maßnahme, die nicht nur den Abstand zwischen Visier zum Korn neu festlegte, sondern auch geringe Veränderungen am Visier selbst nach sich zogen. Verändert wurden u.a. auch die Bajonettbefestigung, der Entladestock sowie die Befestigung von Schaft und Lauf. Die wesentlichen Nachteile des Zündnadelgewehres, großes Kaliber und mangelhafte Abdichtung der Anschlussflächen von Schloss und Lauf konnten dabei jedoch nicht behoben werden. Erst die Empfehlungen des Werkführers Beck, ein in der Gewehrfabrik Potsdam/Spandau tätiger Konstrukteur, die im Jahre 1869 unverzüglich umgesetzt wurden, brachte eine Verbesserung mit sich. Der in die Luftkammer reichende Teil des Nadelohres wurde dabei abgeschnitten und durch einen mit einer Schraube im oberen Kammerteil befestigten, beweglichen Stahlpuffer ersetzt. Hinter diesem Puffer lag eine Kautschukdichtung, die den Lauf beinahe vollkommen gasdicht abschloss. Gleichzeitig sollte eine Reduzierung des Patronengewichts um 10g und die Verwendung eines neuen Rahmenvisiers bis 1200 m erfolgen. Die für den Herbst 1870 bereits angeordnete Umbewaffnung der Garde- und Linieninfanterie mit den nach Beck geänderten Gewehren musste aber wegen der französischen Kriegserklärung abgebrochen und die wenigen umgeänderten bzw. an die Truppe verausgabten Exemplare einschließlich der neuen Munition im Hinblick auf eine einheitliche Munitionsausstattung zurückgerufen werden. Zum Zeitpunkt der Mobilmachung gegen Frankreich verfügte die preußische Armee über 391 786 nicht umgeänderte Zündnadelgewehre Mod. 62, wovon sich 137 339 bei der Truppe befanden, die damit gegen Frankreich zogen. Die überlegenen ballistischen Leistungen der Chassepotwaffen, von den deutschen Militärs bislang unterschätzt, überraschten Führung und Truppe auf dem Gefechtsfeld gleichermaßen. So waren sie bereits dem französischen Gewehrfeuer auf Entfernungen ausgesetzt, bei denen Zündnadelgewehr noch nicht wirksam werden konnten. In der Schlacht von Gravelott-St. Privat (18. August 1870), so H. Stegemann, „ist dem Angriff über kahles Feld im Feuer moderner Gewehre das Sterbeglöckchen geläutet worden.“

Der Wettlauf

Während der militärischen Auseinandersetzung zwischen Deutschland und Frankreich in den Jahren 1870/71 traten erstmals nationale Massenheere mit modernen Hinterladern gegeneinander an. Hierbei hatte sich die starke Überlegenheit der ein Vierteljahrhundert jüngeren französischen Konstruktion mit seinem reduzierten Kaliber über das Modell Dreyse blutig bewahrheitet – ein Sachverhalt, auf den einzelne Experten bereits vor Ausbruch des Krieges hingewiesen hatten. Doch wegen der rasch aufeinander folgenden Ereignisse konnte nicht mehr rechtzeitig reagiert werden. Nach dem Krieg versuchte Deutschland, das zunehmend unter den Druck eines nach Revanche fiebernden Frankreichs geriet, in der Gewehrfrage voranzukommen und das Hintertreffen in der Infanteriebewaffnung auszugleichen. Verschiedene Konstruktionen, die von Hinterladern für die Verwendung von Metallpatronen über eine Kaliberreduzierung bis hin zu Mehrfachladern mit Vorderschaft- oder Mittelschaftmagazin reichten, waren letztendlich darauf angelegt, eine Hochleistungsrepetierwaffe zu konstruieren. Die größeren Möglichkeiten des Militäretats nach 1871 ermöglichten dem Reich mit dem das Tempo bestimmenden Frankreich Schritt zu halten. Den entscheidenden Sprung nach Vorne schaffte aber wiederum die französische Republik im Jahre 1886 mit der Einführung des von Nicolas Lebel konstruierten neuen Infanteriegewehres, das erstmals ein Kaliber von 8 mm aufwies und Mantelgeschosse verfeuerte. Das von dem Chemiker Vieille entwickelte „rauchlose“ vielmehr raucharme Nitrozellulosepulver, ein auf chemischer Basis entstandenes Treibmittel, wurde dabei als der technische Durchbruch gefeiert, da es mit einem Schlag die bei längeren Feuergefechten übliche Rauchentwicklung, die nicht nur die Stellung des Schützen verriet, sondern auch die Sicht beeinträchtigte, in die Vergangenheit verwies. Die geringe Rückstandsentwicklung sowie die wesentlich höhere Energiefreisetzung im Verhältnis zum Schwarzpulver gaben dem Geschoß einen größeren Impuls und mit der gleichzeitigen Kalibereduzierung eine erhöhte Rasanz, sprich gestrecktere Flugbahn. Damit waren alle technischen Voraussetzungen für die Konstruktion einer Hochleistungsrepetierwaffe gegeben. Das im Zuge des daraufhin beginnenden allgemeinen Wetteiferns um den besten Militärrepetierer von Paul Mauser konstruierte Gewehr 98, dessen System nicht nur im Jahre der Einführung den Höhepunkt der Repetiertechnik darstellte, sondern es bis heute geblieben ist, muss – ungeachtet seiner beinahe an einen Nimbus heranreichenden Popularität - letztendlich als Spätankömmling im Rahmen einer bereits konventionellen Technik betrachtet werden.

 

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