Auf den Spuren preußischer Militärgeschichte.Exkursion nach Görlitz

von Dr. Ernst Kretzschmar


Eine unserer traditionellen militärgeschichtlichen Exkursionen führte uns am 17. und 18. August 2010 von Potsdam nach Görlitz. Die 12 Teilnehmer unter Leitung unseres Vorsitzenden Burkhart Franck fanden auch dort bestätigt, daß unsere brandenburgisch-preußische Militärgeschichte nicht nur in Brandenburg und Berlin, sondern auch in den anderen früheren preußischen Provinzen, namentlich in den östlichen, bis heute zahlreiche Spuren hinterlassen hat. Der Autor dieses Beitrages, der bereits zwischen 1975 und 1990 in Ausstellungen und Veröffentlichungen des städtischen Museums die reiche Militärgeschichte von Görlitz vorgestellt hatte, übernahm die Führung zu den geschichtsträchtigen Orten. In seiner Geschichte stand Görlitz zweimal unter brandenburgisch-preußischer Landesherrschaft. Unter den Askaniern erreichte die Stadt ihre etwa 600 Jahre währende Ausdehnung, 1303 die Stadtrechte und erste Stadtbefestigungen, die teils bis heute erhalten sind. Nach 1815 war die Stadt bis 1945 preußischer Bestandteil der Provinz Schlesien. Von 1830 an ist Görlitz Garnisonstadt- für das Jäger-Bataillon Nr.5 bis 1887, das Infanterie-Regiment Nr.19 (1871-1919), das Freikorps Faupel (1919-1920) und das 8. (Preuß.) Reichswehr-Infanterie-Regiment (III. Btl.) gewesen. Von 1935-45 lag das Infanterie-Regiment 30 der Wehrmacht, sowie eine Flugzeugführerschule in der Stadt. Als Garnisonstadt verfügte Görlitz, zuerst gegenüber Sachsen und Österreich, später gegenüber der Tschechoslowakei und Polen, über eine strategisch bedeutsame Lage.
Der erste Besuchertag führte uns zu den Resten mittelalterlicher Wehranlagen, dem Obermarkt, Schauplatz vieler Paraden, dem Kaisertrutz (Hauptwache 1830-1931) und zur restaurierten Jägerkaserne von 1858. Nach 1945 erstes Heim für polnische Neubürger, ab 1990 einer von den Standorten der Stadtverwaltung. Im Eingangsbereich der alten Kaserne findet sich heute eine Gedenktafel für ehemals hier stationierte Truppenteile. In der Stadt zeugen zahlreiche sanierte Repräsentationsbauten von der einstigen Blüte von Görlitz. Dazu zählen u. a. die Post, das Gericht, der Hauptbahnhof, das Ständehaus, die Garnisonkirchen und weitere 3.500 restaurierte Baudenkmäler im Stil von Spätgotik, Renaissance und Barock. Görlitz blieb im Zweiten Weltkrieg von Zerstörungen fast völlig verschont und verfügt deshalb über das beste erhaltene historische Stadtbild Deutschlands. Am Nachmittag führte ein Abstecher mit dem Kleinbus auf die Ostseite der Neiße (heute polnisch Zgorzelec) zur früheren Oberlausitzer Gedenkhalle mit Kaiser Friedrich Museum von 1902, zum Regimentshaus von 1910, sowie drei Kasernenkomplexen der ehemaligen Courbiére-Kaserne (1896). Ebenso zur ehemaligen Kleist-Kaserne (1935) und der Winterfeldt-Kaserne (1936), die heute saniert sind und zivil genutzt werden. Im früheren Ortsteil Moys (heute Ujazd) wurde die Stelle aufgesucht, wo am 7. 9. 1757 der General Hans Carl von Winterfeldt in einem Gefecht mit den Österreichern tödlich verwundet wurde und einen Tag später in Görlitz verstarb. Die Grabanlage des legendären Generals auf dem Berliner Invalidenfriedhof, wurde vor wenigen Jahren saniert. Hingegen verschwand nach 1945 die Gedenkstätte in Moys. Dagegen sahen die Exkursionsteilnehmer mit Genugtuung auf deutscher Seite das Ehrenmal für die Weltkriegsgefallenen des alten Infanterie-Regiments Nr.19 von 1938. Nach 1990 mit städtischen Mitteln und einer beachtlichen Spende des Traditionsverbandes der 18. Infanterie-Division restauriert und seitdem Ort der alljährlichen Gedenkstunde am Volkstrauertag. Am Abend konnten die Gäste im Hotel „Europa“ in einem ausführlichen Lichtbildervortrag [Dr. Kretzschmar] nochmals die vorher gesehenen Zeugnisse der Garnisongeschichte zuordnen und auch darüber diskutieren. Am Vormittag des zweiten Tages führte die Fahrt zu dem benachbarten und vorbildlich restaurierten Schloß Krobnitz, dem Alterssitz des preußischen Kriegsministers Albrecht Graf von Roon. Direktor Dr. Steffen Menzel führte die Gäste durch die solide Dauerausstellung über Roons Werk und Familiengeschichte und zum wiederhergestellten Mausoleum im Park. Die letzte Station führte uns zum Schlachtort und Dorf Hochkirch zwischen Löbau und Bautzen, wo 2008 ein internationales Militärbiwak an den für die Preußen verlustreiche „Überfall von Hochkirch“ vom 14.10.1758 erinnerte. Der Kirchhof mit Gedenksteinen für hier gefallene Offiziere und den preußischen Feldmarschall Jacob von Keith, sowie die berühmte „Blutgasse“ sind vorbildlich gepflegt und halten die Erinnerung an diese bedeutsame Schlacht wach. Im Ort gibt es den kulturhistorischen Verein „Alter Fritz“ und eine urige Gaststätte gleichen Namens, die auch Jahrzehnte vorher nie anders hieß. Die Gruppe kehrte dankbar nach Potsdam zurück, um Eindrücke und Einsichten bestärkt, daß es sich lohnt, von Brandenburg aus alle lobenswerten Initiativen zur Pflege des preußisch/militärgeschichtlichen Erbes zu unterstützen