Feldzeichen zur Zeit des Großen Kurfürsten und Friedrich I.
Ein Beitrag zur brandenburg-preußischen Fahnengeschichte

Werner Höhle

Bevor Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. erstmals einheitliche Muster für preußische Feldzeichen festlegten, die dann für 200 Jahre maßgeblich blieben, herrschte im Aussehen von Fahnen und Standarten eine unüberschaubare und höchst individuelle Mannigfaltigkeit. Fahnenfarben und -muster wechselten  praktisch mit jedem neuen Regimentschef oder Obristen, deren weitgehende Befugnisse auch die Gestaltung der Feldzeichen einschlossen, die sie mit ihrem Wappen oder nach ihrem Ermessen mit Sinnbildern schmücken durften.
Kurfürst Friedrich Wilhelm bewirkte, daß die häufig kompanieweise verschiedenen Farben und Embleme der Fahnen verschwanden, so daß gegen Ende seiner Regierungszeit die Fahnen jedes einzelnen Regiments oder Verbandes im wesentlichen gleich waren. Die Fahnen der Leibkompanien eines Regiments sollten weiß sein, bei den Garden sollten auch alle übrigen Kompanien weiße Fahnen führen. Der brandenburgische rote Adler war den Regimentern der hohenzollernschen Familienangehörigen vorbehalten. Daneben zeigten die Fahnenmedaillons nun häufiger die kurfürstlichen Initialen sowie den Kurhut, und betonten die Vorherrschaft des Landesherrn über die Stände.
So führte das Regiment des Herzogs von Kurland, eines Verwandten der Hohenzollern, auf seinen roten Kompaniefahnen auf der einen Seite das herzogliche Wappen, auf der anderen den roten Adler mit Kurhut sowie dem blauen Herzschild mit Erzkämmererstab. Die Standarten des Reiterregiments des Herzogs von Croy trugen aufgemalte rote Flammen, und auf diesen saßen die Wappen kurfürstlicher Städte und Provinzen. Die Kompanien des Reiterregiments Treffenfeld hatten durchweg grüne Standarten mit silbern eingestickten, jedoch unterschiedlichen Sprüchen, wie „Vor Gott und meinem Herrn allezeit willig zu sterben ich bin bereit“. Eine doppelte Besonderheit war eine Standarte, die nicht nur die Wappen Brandenburgs und Preußens trugen, sondern auch die von Pommern und Stettin – vermutlich eine brandenburgisch gemachte Beutestandarte nach der Eroberung von Stettin 1677, geführt von einer der schnell aufgestellten pommerschen Kompanien im Dienste Brandenburgs, und dann wiederum von den Schweden auf Rügen erbeutet. Ein beliebtes Bild war bei den Derfflinger-Dragonern wie auch bei anderen Reiter- und Fußtruppen ein aus einer Wolke kommender geharnischter Arm mit einem Schwert in der Faust, meist auf blauem, manchmal auf rotem Tuch. Solche Standarten hat Fontane noch bei seinem Besuch an Derfflingers Grab in Gusow gesehen. Das gleiche Motiv wurde bereits in den zwanziger Jahren des 17. Jahrhunderts vom Regiment des Hillebrand von Kracht geführt. Es tauchte ebenfalls in anderen Armeen auf, teils etwas verändert, z.B. in den Niederlanden.
Die anläßlich des Schwedeneinfalls in die Mark 1675 aufgebotenen Bauernmilizen führten Fahnen, z.B. mit dem Motto “Wir Bauern von gering Gut dienen unsern gnädigen Kurfürsten und Herrn mit unserm Blut“ (Vorbild für unser Vereinsemblem). Die Leibfahne des Regiments Varenne war mit einem Segelschiff in wogender See geschmückt, die Kompaniefahnen mit einer Palme –  Symbol für Biegsamkeit ohne zu brechen, auch von anderen Einheiten genutzt. Die grünen Standarten des Reiterregiments Markgraf Ludwig trugen ganz unterschiedliche Motive, z.B. einen Igel, an dem sich eine Hand sticht oder einen in einem Streitwagen stehenden Rittersmann. Dem Erfindungsgeist der Regimentschefs waren zur Zeit des Großen Kurfürsten also keine Grenzen gesetzt.
Manche Einheiten ließen sich Fahnen mit anlaßgebundenen Emblemen anfertigen, z.B. 1686 für den Feldzug gegen die Türken in Ungarn. Auf einigen war ein Vulkanausbruch mit Feuer und Gesteinsbrocken dargestellt, auf anderen ein Adler mit christlichem Kreuz und Schwert. Diese Fahnen wurden nach der Rückkehr in die Heimat nicht mehr geführt.
Fahnenmotive waren häufig durch Spruchbänder mit Devisen in lateinischer Sprache bereichert wie „Tandem Bona Causa Triumphat“ (die gute Sache gewinnt schließlich), oder „Surgit sub Pondere Virtus“ (Tapferkeit widersteht der Belastung). Kaum ein Offizier und erst recht kein Soldat konnte sich mit derartigen Sprüchen identifizieren, doch trugen sie zur Erhabenheit der Fahne bei.
Der besonders titel- und formbewußte Friedrich III. ließ in seinen ersten beiden Regierungsjahren
sämtliche Infanteriefahnen durch neue ersetzen. Er wendete für 158 neue Fahnen im April 1689 sogar 4.621 Taler auf. Während der Verhandlungen im Vorfeld der Krönung forderte er 1699 Berichte der Truppen ein betreffend das Aussehen ihrer Fahnen und Standarten. Es waren zu melden: 1.wieviele bei den Regimentern vorhanden sind; 2.welche Farbe sie haben; 3. unter welchen Umständen sie angeschafft wurden. Wenige dieser Berichte sind erhalten, so der vom Freibataillon Horn, wonach die Kompaniefahnen zwei gekreuzte Schlüssel zeigten - das Wappen ihrer Garnisonstadt Minden. Regiment Alt-Dohna meldete: „.Auf E. Ch. D. Gnädigste Order der fehnlein betreffend so berichte ich gans unter thenig das die so bey meinem Batalion gehören gans verbraucht und nunmero undäutlich sind...ist das Fänlein von der Leib Compagnie weis gewesen mit ein doppeltes Hirschgeweih die ander aber sind firsichen blüte farbe gewesen mit einer steigenden racquette...“Regiment Dönhoff meldete schwarze Fahnen mit rotem Adler in weißem Medaillon ;so oft sie erneuert wurden blieben sie bis ins 20. Jahrhundert immer schwarz. Auf der gelben Fahne des Regiments Anhalt war eine Kanone aufgemalt, die von einer Göttin mit brennender Lunte abgefeuert wurde. Regiment Sydow führte auf seinen Fahnen eine antike Säule als Symbol für Standfestigkeit mit der Devise „Frangor non Flector“. Auf den Standarten des Reiterregiments Barfuß waren drei nackte naturfarbene Füße zu sehen. Reiterregiment du Hamel meldete isabellfarbene Standarten, die auf einer Seite ein Uhrzifferblatt zeigten flankiert von einem Engel und einem Rittersmann mit der Umschrift „Alle Stunden bereit“. Eine besonders wertvolle Standarte führten die Grands Mousquetaires: sie war aus silbernem Seidenbrokat, mit Gold bestickt, darauf der rote Adler.
Nach Friedrichs Krönung 1701 verdrängte allmählich der schwarze Adler den roten, der Kurhut wich der Krone. Die Garden erhielten häufiger als andere Truppen neue Fahnen, so 1701, 1703, 1706, 1712. Die Fahnenbilder variierten noch in der Beigabe heraldischer Elemente und königlicher Insignien und der farbigen Gestaltung, bis sich das vom späteren „Soldatenkönig“ noch als Kronprinz entwickelte einheitliche Aussehen durchsetzte. Er hatte beim Regiment Alt-Dohna, als 1706 verschlissene Fahnen ersetzt werden mußten, eine Neugestaltung veranlaßt: Fahne blaues Tuch mit weißem Medaillon, Leibfahne umgekehrt, in welchem ein schwarzer Adler mit einem Zepter fliegt, unter der Devise “In Huius Triumpho mortem gloriamus“, in den vier Ecken das Monogramm des Regimentschefs, später des Herrschers. Nach seinem Regierungsantritt 1713 blieb dieses Bild im Prinzip erhalten. Dem Adler wurde eine Sonne vorgesetzt unter dem Motto „Non soli cedit“, von Friedrich II. geändert in „Pro Gloria et Patria“. Schon vor 1701 führten die Freibataillone La Cave und Horn einen fliegenden Adler im Mittelfeld - das erstere einen schwarzen, das zweite einen roten. Die unterhalb der meist vergoldeten Fahnen- und Standartenspitzen befestigten Banderolen hatten ursprünglich kein einheitliches Aussehen, waren anfangs nur Rundschnüre, oft in der Hausfarbe des Chefs, und wurden erst nach der Krönung allmählich silbern-schwarz.
Bis in die Regierungszeit Friedrich III./I. führte jede Kompanie und Eskadron eine Fahne bzw. Standarte. 1695 wurde befohlen, daß nach holländischem Vorbild bei jedem Bataillon nur noch zwei Fahnen zu führen waren. Die übrigen wurden in den Arsenalen niedergelegt, um später als Ersatz für die im Dienst verschlissenen zu dienen (oder um von Russen, Österreichern und Franzosen im Berliner Zeughaus erbeutet zu werden). Die Größe der Feldzeichen richtete sich in diesem Zeitraum nach den Maßen der Fahnen der französischen Armee. Die Fahnenstange mit der Spitze, die meist die Initialen des Landesherrn, gelegentlich die eines fürstlichen Regimentschefs aufwies, war gut drei Meter lang. Das Fahnentuch maß ca.1.80 m im Quadrat und wurde 1-2-mal um die Stange geschlagen, so daß es höher als breit wirkte und dabei die oft wertvolle vergoldete Nagelung verdeckte. Unter den folgenden Königen schrumpfte die Größe auf ca. 1.40 bis 1.50 m im Quadrat, was die Fahnen leichter handhabbar machte. Die Fahnenstangen waren zunächst natürlich-holzbraun, gelegentlich in der Regimentsfarbe gestrichen, später sämtlich schwarz.
Reiterstandarten, etwa 60 mal 60 cm groß, wurden an 6-fach geriefelten Stangen geführt, die Stangen in Tuchfarbe gestrichen, die Riefelungen mit Metall ausgelegt, und hingen oben an einer beweglichen Schiene. Die zweizipfligen Dragonerfahnen, auch Guidons genannt, konnten bei gleicher Höhe wie die Standarten bis zu einem Meter lang sein. In den Anfangsjahren der Dragoner als neue Waffengattung, also als berittene Infanterie, hatten sie große Fahnen im Infanterieformat gehabt. Die Bandeliers, mit denen die Kornetts die Stangen hielten, waren in Regimentsfarbe und oft reich bestickt.
An den bis heute überkommenen Feldzeichen ist wegen ihres fadenscheinigen schlechten Zustands manches Detail nicht mehr mit Bestimmtheit festzustellen, z.B. ob die Edelsteine in den aufgemalten Kronen weiß oder hellblau waren, ob es sich bei den das Medaillon umgebenden Zweigen um goldenen Lorbeer- oder Palmenzweige mit roten oder goldenen Früchten handelt. Allein die damalige Beschreibung von Rottönen gibt heute oft Rätsel auf: scharlachrot, karmesinrot, purpurrot, rosenrot, aurore, poinceaurot.
Die Embleme der Infanteriefahnen wurden aus farbigen Stoffbahnen, häufig Seide, hergestellt, die Details mit Farbe aufgemalt, Namenszüge und ähnliches in Gold. Solche Fahnen konnten dem Wetter und der Beanspruchung im Felde nicht lange standhalten. Reiterstandarten dagegen bestanden aus schweren wertvollen Stoffen, z.B. Brokat oder Damast, waren mit Echtgold- oder Silberfäden bestickt, und haltbarer, so daß einige bis in die Kaiserzeit in Dienst geblieben und entsprechend verehrt worden sind. Gelegentlich wurde die wertvolle Stickerei aus den Standarten, wenn sie im übrigen verschlissen waren, herausgetrennt und auf die Ersatzstandarte übertragen. Originale von brandenburgischen Feldzeichen sind in Deutschland heute nicht mehr zu finden - (Ausnahme: die Treffenfeldschen Standarten im Berliner Zeughaus aus der Zeit der Schlacht von Fehrbellin 1675.). Nach dem Erfahrungssatz: bewahrt blieb, was verloren ging, befinden sie sich als Beutestücke hauptsächlich in den Museen und Arsenalen von Stockholm, Wien, Paris und St. Petersburg, wo sie als traditionsträchtige Trophäen sorgfältig gepflegt werden. Für St. Petersburg sind die Nachforschungen von C. Kling maßgeblich, für die Bestände in Stockholm liegen verschiedene Verzeichnisse vor, und für Paris ist vor allem das Werk „Les Triomphes de Louis XIV“ gültig. Als Kenner und Zeichner brandenburg-altpreußischer Feldzeichen hat sich Karl Redlin verdient gemacht. Besonders umfangreiche Fahnenverluste waren zu verzeichnen in den verschiedenen Kriegen mit Frankreich in den Schlachten von Fleurus 1690, Neerwinden 1693 (19 Standarten), und Denain 1712 (der große Bestand an preußischen Trophäen im Wiener Arsenal stammt hauptsächlich aus der Gefangennahme des Fink´schen Corps bei Maxen1759 – 96 Fahnen, 24 Standarten). Ein großer Teil der im Zeughaus niedergelegten Fahnen wurde geplündert, als österreichische wie auch russische Truppen im Siebenjährigen Krieg kurzzeitig nach Berlin gelangten. Dabei verzeichnete das Zeughaus an Verlusten 277 Fahnen und 75 Standarten! Was sich an Fahnen – eigenen wie fremden, auch an zurückgewonnenen – nach den Freiheitskriegen dann wieder im Zeughaus eingefunden hatte, ging 1945 nach Rußland.