von Dr.Klaus-Dieter Kaiser
August Wilhelm Anton Neithardt von Gneisenau wurde am 27. Oktober 1760 als Sohn des Artillerieleutnants bei der Reichsarmee, August Wilhelm Neithardt, in Schildau bei Torgau geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter fand er 1769 Aufnahme im großelterlichen Hause in Würzburg, wo sein Großvater Oberstleutnant bei der Fürstbischöflich Würzburgischen Artillerie war. Als Protestant besuchte er eine Jesuitenschule, was ihm schwer gefallen sein muss. Über diese Zeit äußerte er sich später einmal: "Wie sauer mir die Auffassung dieser Lehre wurde, will ich nicht näher erzählen, sondern davon nur so viel, dass ich öfters ein lutherischer Hund gescholten wurde". Nach dem Tode der Großeltern ging er zum Vater zurück, der inzwischen in Erfurt eine Stelle als Kurmainzischer Bauinspektor gefunden hatte und zu dessen Aufgabenbereich auch die Zitadelle Petersberg gehörte. Er wohnte in der Marktstraße 7. Der junge Neithardt besuchte die Kaufmannsschule, bekam Zeichenunterricht vom Vater und hatte als Schüler des Ratsgymnasiums Mathematikstunden bei Professor Siegling, mit dessen Sohn er sich angefreundet hatte. Ab Herbst 1777 war er als "Antonius Neithardt Torgaviensis" -Schildau gehörte zum Torgauer Kreis -Studiosus der Philosophie an der Erfurter Universität, wo er sich unter anderem mit militärischer Mathematik und Baukunst beschäftigte. Gemäß vertraglicher Vereinbarung zwischen Österreich und Kurmainz war zu dieser Zeit in Erfurt das kaiserliche Bataillon von Geisrugg "in den Kasernen auf den Wällen" stationiert, während auf dem Petersberg das kurfürstlich-mainzische Regiment von Hagen lag. Beide übten gemeinschaftlich den Wachdienst an den Toren aus und besetzten die Wachlokale in der Stadt. Außerdem lag in Erfurt seit 1770 noch das österreichische Husarenregiment Wurmser, in das der junge Neithardt Ende 1778 als Offiziersanwärter "aus Geldverlegenheit und Neigung" eintrat. Auch soll seine Beziehung zur Schwester seines Freundes Siegling ein weiterer Grund dafür gewesen sein. Das Verhältnis wurde von den Eltern des Mädchens nicht geduldet und er war deswegen aus ihrem Hause, wo er eine Zeit lang gewohnt hatte, verwiesen worden. Im Jahre 1780 wechselte er unter den Namen August Wilhelm Neithardt von Gneisenau in markgräflich ansbachschen Dienst. Der angenommene Beiname leitete sich von einem früheren Besitztum der Familie seines Vaters in Österreich ab. In den folgenden Jahren 1782/83 hielt er sich mit einem ansbachschen Kontingent, das in englischem Sold stand, in Amerika auf, kehrte ohne an einem Gefecht teilgenommen zu haben, in die Heimat zurück und lag bis 1786 in Bayreuth in Garnison. Nach Genehmigung seines Gesuches um Übernahme in den preußischen Dienst wurde er vom König von Preußen als Premierleutnant dem neu errichteten Freiregiment von Chaumontet zugeteilt, das in Bunzlau und Löwenberg stand. Seine Studien-und Lehrjahre in Erfurt sowie seine im amerikanischen unabhängigkeitskrieg erworbenen Erfahrungen und Einsichten hatten ihn für eine Übernahme in preußische Dienste empfohlen und in einem Schreiben vom 18. Februar 1786 dankte er dem König für "die gnädige Anstellung". Bereits 1790 zum Stabskapitän ernannt, wurde er am 17. November 1795 als "Capitaine und Compagniechef" zum Füsilier-Bataillon von Rabenau (Nr. 13 ) in Jauer versetzt, welches anlässlich der Inbesitznahme der sogenannten Entschädigungslande durch Preußen am 21. August 1802 in die Stadt Erfurt einmarschierte. Bis zum 3. April 1803 weilte Gneisenau in Erfurt, wo er seinen Jugendfreund Siegling wieder traf. Bis zum Tode Gneisenaus blieben sie in brieflicher Verbindung. Nach Ausbruch des für Preußen glücklosen Konflikts mit Frankreich erwarb er sich bei der Verteidigung der Festung Kolberg unsterbliche Verdienste. Am 11. April 1807 hatte ihn der preußische König Friedrich Wilhelm III. per Kabinettsorder zum Kommandanten von Kolberg ernannt. Zusammen mit dem Bürgerre-präsentanten der Festung, Joachim Christian Nettelbeck, gelang es, trotz stärkster Bedrängnis durch die Franzosen, die Stadt und Festung zu halten. Am 1. Juli 1807 lehnte er die Kapitulationsaufforderung des Kommandeurs des französischen Belagerungskorps mit den Worten ab: "Der König, mein Herr, hat mir den Befehl in Colberg anvertraut. Ich habe versprochen, diese Festung zu verteidigen und werde Wort halten. Meine Wälle sind unversehrt und ich werde den Platz nicht übergeben, solange mir Mittel zur Verteidigung bleiben". Mit dem Friedensschluss von Tilsit am 9. Juli 1807, der Preußen große Gebietsverluste und riesige Kriegskontributionen einbrachte, erübrigte sich dann allerdings die weitere Verteidigung der Festung Kolberg. Im Herbst 1807 wurde er als Oberstleutnant Inspektor der preußischen Festungen sowie Kommandeur des Ingenieurkorps und ein Jahr später, 1808, Direktor der 3. Division des Allgemeinen Kriegs-Departements. Als Mitglied der sogenannten "Immediatkommission zur Untersuchung der Kapitulationen und sonstigen Ereignisse des letzten Krieges", war er wie kein anderer durch seine fachliche Qualifikation und Ortskenntnis dazu befähigt, sich mit der unrühmlichen Kapitulation der Festung Erfurt vor den Franzosen auseinanderzusetzen. Am 30. Juni 1808 verfasste er ein "Gutachten über die Uebergabe der Stadt Erfurth, der Citadelle Petersberg und der Cyriaksburg in der Nacht vom 15. zum 16. October 1806", das in dem Satz gipfelte: "Der Fall von Erfurth machte einen üblen Eindruck und gab ein gefährliches Beyspiei". Im Hinblick auf die Zitadelle Petersberg war er der Meinung, dass diese sich selbst bei einem feindlichen Angriff noch 19 Tage hätte halten können und dann immer noch bei weiterem aussichtslosen Widerstand hätte ehrenvoll kapitulieren können anstatt durch Unterzeichnung der Kapitulation" mit Unehre die preußischen Waffen" zu beflecken. Nach der Wiederinbesitznahme Erfurts durch Preußen im Jahre 1814 weilte Gneisenau noch öfter in der Stadt. Hier besuchte er vor allem seinen Jugendfreund Johann Blasius Siegling, der inzwischen Professor an der Erfurter Universität geworden war. Dieser äußerte sich über den späteren Generalfeldmarschall von Gneisenau: "Noch erinnere ich mich, wie er, als Feldmarschall nach Erfurt kommend, sich alle offiziellen Ehrenbezeugungen verbat, bei einem alten Professor der Universität einkehrte, dessen Schwester ihm als Braut gestorben". Dabei spielte Siegling offenbar auf das Jahr 1825 an, wo am 18. Juni an Gneisenau die folgende Allerhöchste Kabinettsorder erging: "Es sind heute gerade zehn Jahre, als Sie dem Vaterlande einen der wichtigsten Dienste leisteten, indem Sie, durch eine rastlose Verfolgung des erkämpften Sieges, eine in der Geschichte beispiellose Auflösung des feindlichen Heeres herbeiführten und den ehrenvollen Abschluss des Friedens vorbereiteten, dessen Segnungen Europa seit jener Zeit ungestört genießt. Ich glaube die Mir und dem Vaterlande teure Erinnerung an diese Großtat nicht besser feiern zu können, als wenn ich Sie heute zum Generalfeldmarschall der Armee ernenne, wobei Ich wünsche, dass Sie diese Stelle lange in ungestörter Gesundheit bekleiden mögen, damit der Staat in Zeiten der Gefahr auf Ihre Dienste rechnen kann". Einige Tage später, am 29. Juni 1825, schrieb Gneisenau an seinen Freund Siegling in Erfurt: "Wohl hätte ich mir es nicht träumen lassen, zur Zeit als wir, mit kaum einigen Groschen in der Tasche, in der schönen Gegend Erfurts herumwanderten, dass ich bis zum Feldmarschall dereinst aufsteigen würde. Aber so waltet das launige Glück". Generalfeldmarschall Neithardt von Gneisenau starb 71jährig am 23. August 1831 in Posen an der Cholera. Was das Verhältnis Erfurts zu preußischen Militärs betrifft, so ist neben Generalfeldmarschall Freiherr von Müffling und Generalfeldmarschall Graf Blumenthai -1860 Oberst und Kommandeur des 3. Thür. Infanterie-Regiments Nr. 71 -vor allem der Name des Generalfeldmarschalls von Gneisenau zu nennen. Gemäß ihrer historischen Bedeutung waren nach allen drei Heerführern Straßen in der Stadt benannt, die nach dem Zweiten Weltkrieg umbenannt wurden. So heißt z.B. die ehemalige Gneisenaustraße seitdem LassalIestraße. Als in den siebziger Jahren die DDR die Heerführer der Befreiungskriege zu Traditionsträgern der Nationalen Volksarmee erklärte, erhielt auch Erfurt im Neubaugebiet am Herrenberg wieder eine Gneisenaustraße. Andere Straßen bekamen die Namen von Scharnhorst, Blücher, Clausewitz und Körner. Bereits 1938 waren zwei Erfurter Kasernen in der Kranichfelder und Jenaer Straße nach Gneisenau und Blumenthai benannt worden, die heute allerdings militärisch nicht mehr genutzt werden.