Heereseinteilung, Schlachten- und Gefechtstaktiken unter Friedrich II.
von Volker Schobeß
2006 jährte sich der Ausbruch des Siebenjährigen Krieges zum 250. Mal
Im Jahre 1740 starb der letzte männliche Erbe der Habsburger und gleichzeitige Kaiser des Römischen Reiches Deutscher Nation, Karl VI. Damit entstand in Europa eine politisch instabile Lage. Der junge Preußenkönig Friedrich II. (1712-1786) nutzte die Situation zu einem leichtsinnigen Angriffskrieg, der sich zum Österreichischen Erbfolgekrieg ausweiten sollte. Die Schlesischen Kriege der Jahre 1740/1742 und 1744/1745 konnten die Preußen siegreich beenden. Diese Kriege zogen jedoch im Jahre 1756 einen dritten, blutigen, sieben Jahre währenden Krieg nach sich. Gefechtstaktik und Operationsverhalten Friedrichs des Großen erfuhren im Verlauf der Schlesischen Kriege einen kriegsgeschichtlichen Wandel, der sich anhand von verschiedener Schlachten gut darstellen lässt.
Mit der Einführung von Steinschlossflinten um 1670 als künftige Einheitswaffen für Fußtruppen änderte sich auch die Feuertaktik der Infanterie. Sie schlug sich in einer neuartigen „Lineartaktik“ nieder. Friedrich der Große galt als Meister der Lineartaktik, da er sie mit der „schiefen Schlachtordnung“ zu vollenden suchte. Mit Einführung einer modernen Schußwaffe erfuhr auch die Heeresgliederung und Organisation aller europäischen Armeen einen entscheidenden Wandel. Üblich für die Infanterie wurde die viergliedrige Aufstellung, die unter Friedrich in eine dreigliedrige umgewandelt wurde. Zugleich wurden zur besseren Führung von Feldtruppen feste Normen für die Heereseinteilung bestimmt. Bataillone wurden nun als konstante Größen zu Unterabteilungen einzelner Regimenter. Die Infanterie-Bataillone bildeten den eigentlich taktischen Schwerpunkt auf dem Gefechtsfeld. Unter Friedrich II. gliederte sich ein Feldregiment in eine Grenadier-Kompanie zu ca. 145 Mann, sowie fünf Musketier-Kompanien mit jeweils ca. 135 Mann. Ein Feldregiment bestand in der Regel aus zwei Bataillonen. Ein preußisches Bataillon war aufgrund von Drill und Disziplin, im Gefecht in der Lage, beim Einsatz von ca. 600 Gewehren etwa 3.000 Schuß in der Minute abzugeben. Auf dem Exerzierplatz ließ sich diese Zahl noch verdoppeln. Damit schossen die Preußen doppelt so schnell wie ihre Kriegsgegner. In der Gefechtslinie bildete ein Bataillon eine taktische Einheit niederer Ordnung und einen, wenn auch nicht selbstständig operierenden, so doch in sich geschlossenen, von den Nachbarbataillonen durch kleine Zwischenräume getrennten, gesonderten Kampfverband. Als Elite galten des Königs Grenadier-Bataillone, Friedrich bezeichnete sie als die „Backenzähne“ seiner Armee. Die Bataillonslinie, in der die Kompanien eng aufschlossen, teilte sich in der Regel in zwei Divisionen. Diese bestanden wiederum aus Pelotons (Gruppen), Echelons (Zügen) und einzelnen Sektionen. Alle Glieder des Pelotons schlossen im Gefecht dicht auf das erste auf und gaben ihr Feuer auf Kommando gleichzeitig ab. Ein stetes Feuer wurde mittels Durchtreten weiterer Pelotons aufrechterhalten. Die Pelotons schossen, nach dem preußischen Exerzier-Reglement von den Flügeln beginnend, nacheinander und ununterbrochen ein rollendes Feuer über die gesamte Breite der Linie. Da die Steinschloßgewehre nur auf eine Entfernung bis ca. 200 m (ca. 250 Schritt) trafen, konnte eine effektive Erhöhung der Feuerkraft nur mittels einer geschlossenen, langen Linie erreicht werden. Die taktische Einheit höherer Ordnung bildete bei der Infanterie die Brigade, die aus vier bis sechs Bataillonen bestand und meist von einem Generalmajor befehligt wurde. Jedes Treffen der Schlachtaufstellung, in der Regel zwei, bestand je nach Größe der Armee aus vier bis acht, selten aus mehr Brigaden. Die Schlachtaufstellung, genannt „Ordre de Bataille“, gliederte sich in zwei gleichstarke Flügel, die unter dem Befehl eines Generalleutnants standen. Friedrich II. übernahm für die von ihm geführte Armee (es operierten immer mehrere preußische Armeen) stets den Oberbefehl über das gesamte Treffen. Während die Artillerie in den ersten beiden Schlesischen Kriegen noch mit der Infanterie eng kooperierte, wurde die Kavallerie bis zum Ende der preußischen Kabinettskriege gänzlich ausgeschieden und zu selbstständigen, von den Verbänden der Infanterie unabhängigen taktischen Körpern an den Flügeln oder in einer Reservestellung vereint. In der Schlacht bei Mollwitz (1741) ergab sich für die Preußen zufällig die Konstellation einer schiefen Aufmarschlinie, wobei Grenadier-Bataillone, zur Überraschung des Königs, die schon verlorengeglaubte Schlacht noch wenden konnten. Ursache für die nicht anbefohlene schräge Schlachtordnung waren falsch gesetzte Marschrichtungspunkte, die schließlich zur Umfassung einer Flanke des Gegners führte. Der Preußenkönig hatte allerdings den schon in der Antike bekannten Schrägangriff frühzeitig studiert. Zur Schlacht von Mollwitz meinte der König: „Mollwitz war meine Schule, ich stellte tiefe Betrachtungen über meine dort begangenen Fehler an, aus denen ich in der Folge Nutzen zog“. Ab 1748 begann Friedrich, die schiefe Schlachtordnung nach der Devise: „Man verweigere dem Feind einen Flügel und verstärke den, der angreifen soll“, systematisch zu üben. Übrigens waren nur die Preußen in der Lage, den aufwendigen Flügelmarsch erfolgreich durchzuführen. Da man die vielen Zufallsmomente aufgrund der langsamen Nachrichtenübermittlung kaum ausschließen konnte führte die Methodik des Schrägangriffs für Friedrich nur dreimal zum Sieg: In den Schlachten bei Mollwitz, bei Hohenfriedberg (1745) und am erfolgreichsten in der Schlacht von Leuthen (1757). Nach den Lehren der ersten beiden Schlesischen Kriege verstärkten alle Kriegsteilnehmer ihre Artillerie. Noch gab es allerdings kein taktisches Rezept, wie die Infanterie mit der neuen artilleristischen Herausforderung überhaupt fertig werden sollte? Zu Beginn des Siebenjährigen Krieges ließ Friedrich seine altbewährte Infanterie weiterhin frontal gegen feindliche Artilleriestellungen (z. B. 1757 bei Kolin) angehen. Erst nach blutigen Erfahrungen kam es während des Siebenjährigen Krieges, vor dem eigentlichen Infanterieangriff, zu Artillerieduellen, bis man meinte, den Sturmangriff unter Artilleriebeschuß auch wagen zu können. Die Erfolge der Preußen beruhten gegen Ende des Krieges auf dem „Verbund der Waffen“. War zuvor das konsequente Zusammenbrennen von Infanteriesalven von größter Bedeutung gewesen, so hatten sich die Bedingungen auf dem Schlachtfeld inzwischen geändert. In der Schlacht bei Liegnitz (1760) begann Friedrich II. erstmals, mit mehreren voneinander getrennten Abteilungen zu operieren. Damit verließ der König das bisherige starre Schema der Lineartaktik Die Schlacht bei Torgau (1760) zeichnete sich durch außergewöhnliche Truppenoperationen aus. Erstmals versuchte Friedrich, durch die Teilung seiner Armee in zwei selbstständig operierende Korps dem Feind gleichzeitig von vorn und hinten zu begegnen. Die Idee der Umfassung und Vernichtung mit Hilfe der Tiefe des Raumes gelang. In der Schlacht bei Burkersdorf (1762) wird ein weiterer Taktikwandel sichtbar. Durch bewegliche Ablenkungsangriffe gelang es Friedrich, nicht nur die Versorgungswege der Österreicher zu unterbrechen. Der Gegner ließ sich auch täuschen und zersplitterte seine Kräfte. Daraufhin gelang es den Preußen, durch verdeckt geführte Angriffe dreier Formationen die Österreicher aus ihren Verschanzungen zu werfen. Bei Burkersdorf wird auch der seit Leuthen zu verzeichnende Einstellungswandel im Verhältnis von Krieg und Vaterland deutlich. An der Spitze preußischer Sturmtruppen standen diesmal Hunderte