Kriegsforschung in Potsdam während des Zweiten Weltkrieges
von Dr. Günter Nagel


Je länger das Dritte Reich Krieg führte, desto stärker drängte das Militär- in Zusammenarbeit mit dem Reichs-Erziehungsministerium (REM) und dem Reichsforschungsrat (RFR)- auf die Nutzung aller wissenschaftlichen Ressourcen. Davon waren nachweislich auch zwei Potsdamer Einrichtungen betroffen, die Sternwarte Babelsberg (seit 1939 in Potsdam eingemeindet) und das Meteorologische Institut Potsdam auf dem Telegrafenberg. Vermutlich bekam auch das Geographische Institut Potsdams Aufträge, um spezielle Angriffsräume auf dem europäischen Kontinent zu erkunden. Bereits Ende 1939 erteilte das Reichsluftfahrtministerium (RLM) der Sternwarte Babelsberg- die damals der Universität Berlin unterstellt war- erste Aufträge zur Durchführung astronomischer Berechnungen, die von der Luftwaffe für navigatorische Berechnungen gefordert wurden. Die wissenschaftliche Leitung dieser Arbeiten lag in den Händen des bekannten Potsdamer Astronomen Prof. Paul Guthnick, der darüber regelmäßig dem REM und dem RLM berichtete. Da das in Potsdam/Babelsberg vorhandene wissenschaftliche Personal den schnell wachsenden Anforderungen der verlangten Berechnungen nicht mehr gewachsen schien, wurden zusätzliche Kräfte anderer Universitäten herangezogen. Einige dieser neuen Mitarbeiter verblieben längere Zeit in Babelsberg. Vor allem das Mathematische Institut der Universität Göttingen arbeitete mit der Potsdamer Sternwarte eng zusammen. Der Leiter des Göttinger Instituts Prof. Dr. Theodor Kaluza arbeitete seit 1940 für das RLM. Seine kriegswichtigen Arbeiten umfaßten „Kontrollrechnungen, Grundrechnungen sowie Eingangsrechnungen“. Vermutlich flossen diese Berechnungen in die Technik der Luftnavigation ebenso ein, wie in die Zielnavigation. Die Piloten der Luftwaffe waren, neben einer optimalen Wettervorhersage, auf spezielle Berechnungen angewiesen, deren Genauigkeit den Erfolg ihres Einsatzes bestimmte. In einem Bericht an das REM vom Juli 1940 hieß es u. a.: “Die Arbeiten für das Reichsluftfahrtministerium in Gemeinschaft mit der Universitätssternwarte Berlin/Babelsberg führt Prof. Herr Kaluza gemeinsam mit dem Dozenten Dr. Bödewadt durch…Trotz starker Beanspruchung durch kriegswichtige Arbeiten werden die Vorlesungen und Übungen vollkommen durchgeführt“. Dr. Uwe Tim Bödewadt wurde kurz darauf direkt nach Babelsberg versetzt, wo er bis 1942 die Wehrforschungsarbeiten für das RLM fortsetzte. Danach wechselte er zur „Versuchsanstalt Großendorf“ (bei Danzig), wo im Auftrag der Waffen-SS Hauptsturmführer Rolf Engel an der Entwicklung von Feststoffraketen (Flugabwehr und Flugbewaffnung) arbeitete. Ein weiterer Assistent Kaluzas, der Mathematiker Gerhard Lyra, arbeitete ab April 1940 ebenfalls erfolgreich für die Kriegsforschung. 1942 stellte die Universität Berlin Lyra für Potsdam/Babelsberg UK (unabkömmlich für den Wehrdienst). Ähnlich war das bei dem Göttinger Mathematiker Bernhard Tiwisina, der im November 1942 als UK nach Potsdam kam. Weitere Hochschulen arbeiteten Potsdam zu, was die Bedeutung der damaligen Arbeiten unterstreicht. Die Universität Jena stellte 1941 den Mathematiker Dr. Max Deuring zur Sternwarte in Potsdam ab. Sein Kollege, der Mathematiker Dr. Karl Heinz, gehörte ab 1940 zur Universität Jena und arbeitete ebenfalls für das RLM, aber bald wurde er ebenfalls zur Sternwarte nach Potsdam versetzt. Obwohl Dr. Karl Heinz für die Universität Kiel ordiniert wurde, reiste er regelmäßig nach Potsdam, da er an der dortigen Sternwarte eine Schlüsselstellung innehatte. Wie im gesamten Reich, war auch die Sternwarte Sonneberg (Thüringen) mit Kriegsforschungen betraut, sie unterstand ebenfalls der Potsdamer Universitäts-Sternwarte. Zum Inhalt der eigentlichen Zuarbeit für die Wehrmacht ist wenig bekannt, sie erklärt sich aber von selbst. Die Wichtigkeit der Tätigkeiten läßt sich am steigenden Personalzuwachs, der sich verfünffacht hatte, sowie an den zusätzlich bewilligten Finanzmitteln ablesen. Die Potsdamer Universitäts-Sternwarte berichtete u. a., daß seit 1939 umfangreiche Rechenarbeiten für die Luftwaffe erfolgt sind: „Ohne diese Ergebnisse wären die Erfolge in Norwegen nicht möglich gewesen“. Die Sternwarte stellte auch eigene beobachtungstechnische Geräte zur Verfügung. Im September 1943 teilte Guthnick dem REM mit, daß ein Abbe-Komperator der Sternwarte Potsdam/Babelsberg, welcher für die deutschen militärischen Sonnenbeobachtungsstellen in Sizilien zur Verfügung gestellt, in feindliche Hände geraten ist. Auch eine wertvolle Astro-Kamera (Enostar 16 cm) der deutschen Astronomischen Station in Windhuk (Südafrika) sei in Verlust geraten. Die Wissenschaftler des Meteorologischen Instituts hatten sich schon in den 1920er Jahren der Sichtweitenforschung zugewandt. Hierfür entwickelten sie neuartige Geräte, die durch Nutzung von Infrarotstrahlen bislang unbekannte Meßverfahren zur genaueren Erkundung ermöglichten. Im Zuge der NS- Aufrüstung gerieten diese Arbeiten ins Blickfeld der Militärs, die an Aufklärungszwecke und Zielerkundung dachten. Zuständig das Heereswaffenamt, das auf dem Gelände der „Heeresversuchsstelle“ Kummersdorf bereits seit 1934 wissenschaftlich daran arbeitete. In Zusammenarbeit mit der AEG und Professoren verschiedener Universitäten erfolgte die Grundlagenforschung für Nachtsicht-, Ziel- und Beobachtungsgeräte der Luftwaffe. Ersten Geräten mangelte es jedoch noch an entsprechender Leistung. Die Militärführung forderte bessere Ergebnisse. 1943 wurde die Entwicklung forciert. Große Hoffnung setzten Wehrmacht und Luftwaffe auf das so genannte „Potsdam-Gerät“, ein Temperaturbildgerät, auch Wärmepeilgerät (WPG) genannt. Seiner Zeit weit voraus, hatte es Dr. Fritz Albrecht (1896-1965), der ab 1929 Observator am Meteorologischen Observatorium war und 1940 zum stellvertretenden Leiter dieser Einrichtung aufrückte, seit 1937 entwickelt. Von ihm stammten bereits mehrere moderne Apparate, die erfolgreich bei der Wetterforschung und Erkundung der Erdoberfläche zum Einsatz kamen. Einen ersten erfolgreichen militärischen Einsatz des Potsdam-Geräts war 1944 zu verzeichnen. Eine Staffel der Luftwaffe erstellte an der Ostfront eine spezielle Geländekriegskarte, mit der neuen Wärmebildtechnik. Damit sollten sowjetische Panzeransammlungen aufgespürt und vernichtet werden. Weitergehende Anwendungsmöglichkeiten erforderten jedoch neue Versuche. In Kummersdorf wurden dafür eigens spezielle Meßstrecken eingerichtet, da sich inzwischen auch andere Waffengattungen der Wehrmacht für diese Technik der Wärmebildabstrahlung interessierten. Am Potsdamer Observatorium wurde eine besondere Arbeitsgruppe gebildet, die sich mit der weitergehenden „Angewandten Sichtforschung“ beschäftigte. An dieser Forschung waren auch Heeres-Wissenschaftler aus Kummersdorf beteiligt. Zur Verstärkung wurde der in Paris tätige deutsche Meteorologe Paul Dubois nach Potsdam in Marsch gesetzt. In Erwartung der Invasion der Alliierten an der französischen Antlantikküste hatte er in Paris ein neuartiges Verfahren von „Beleuchtungs- und Gezeitentafeln“ erarbeitet, womit die Reichweite von Flakscheinwerfern vorausberechnet werden konnte. Ab Frühjahr 1944 erfolgte auf einer weiteren Grundlagenforschung des Aeronautischen Observatoriums Lindenberg (unterstand dem Luftfahrtministerium) und dem Potsdamer Observatorium die Perfektionierung, der schon seit 1940 durchgeführten „Hellen Nachtjagd“. Der Einsatz deutscher Nachtjagdverbände erfolgte bei der Hellen Nachtjagd auf alliierte Bomber in Kombination mit weiträumig aufgestellten Scheinwerfer-Riegeln. Die Wehrforschung lief bis Kriegsende auf hohen Touren weiter. Noch immer erhoffte man sich, aufgrund der deutschen technisch wissenschaftlichen Überlegenheit, dem Krieg noch eine andere Wendung zu geben. Noch im März 1945 forderte der Fachspartenleiter Physik des Reichsforschungsrates, Prof. Walther Gerlach, die Weiterführung des Forschungsbetriebes in Potsdam und Kummersdorf. Nur wenige Tage nach Einnahme von Lindenberg und Potsdam übernahm der Hydrometeorologische Dienst (HMD) der Roten Armee beide Observatorien. Im Auftrag des HDM schrieben Dr. Fritz Albrecht und Paul Dubois für die Sowjets bis 1948 Berichte über die geheimen Arbeiten ihrer deutschen Kriegsforschung. Danach wurde Dubois von 1950-1969 in Lindenberg Direktor. Dr. Fritz Albrecht verließ 1948 Potsdam und ging lieber in den Westen, wo er seine wissenschaftliche Tätigkeit fortsetzte.