Kriegszeit im Grenadier-Regiment 9
1942/43

Erinnerungen an Richard von Weizsäcker und Axel Freiherrn von dem Bussche-Streithorst
Edgar Bein


Im Verlauf der ersten eineinhalb Kriegsjahre in Rußland hatte das Infanterie Regiment 9 so schwere Verluste erlitten. daß sich das Oberkommando des Heeres zu einer Neuaufstellung entschloß. Aus dem Infanterie-Regiment 9 ist das Grenadier-Regiment 9 hervorgegangen. Ihm gehörten hauptsächlich 18 bis 19 jährige Rekruten, Altgediente und Genesene an.
Bis zum Sommer 1942 hatte ich im l.R. 67 gedient, nach dem Besuch der Kriegsschule in Dresden wurde ich im Spätherbst des Jahres als Leutnant in das neu aufgestellte Gr.Rgt. 9 versetzt. Es kam zunächst nach Dänemark in die Stadt Aarhus, wo noch „Milch und Honig“ floß. Sein Kommandeur war Oberst Kuno Dewitz.
Die Offiziere des Regiments nahmen ihr Mittagsmahl in einem Restaurant ein, das im Hafengelände lag. Dort lernte ich den Adjutanten des Kommandeurs, den Oberleutnant der Reserve Freiherrn Richard von Weizsäcker, kennen. Der hatte vorzügliche Umgangsformen. Stets sorgte er dafür, daß Oberst Dewitz einen Tischnachbarn bekam, der ihn unterhalten konnte. Eines Mittags trat er an mich heran und erkundigte sich nach meinen Studienfächern. Meinen Personalpapieren entnahm er, daß ich 1938 in Berlin studiert hatte. Ich nannte ihm Literaturgeschichte, Philosophie und Kunstgeschichte. Er überlegte einen Augenblick und sprach dann kurz mit Oberst Dewitz. Der fragte mich, nachdem ich rechts neben ihm Platz genommen hatte, nach den drei berühmtesten Novellen der Gegenwart. Umgehend erfüllte ich ihm seinen Wunsch, weiß allerdings heute nicht mehr, welche ich ihm genannt hatte. Zu jedem Titel gab ich eine kurze Inhaltsangabe. Daraufhin sagte er: „Diese Novellen scheinen ja wirklich >bestens< zu sein.“ Damit hatte er eines seiner Lieblingsworte gebraucht. R. v. Weizsäcker lächelte freundlich, vielleicht mit einem leisen Anflug von Ironie.
Vor der Verlegung der Division an die Ostfront nahmen Offiziere unseres Bataillons sowie Oberst Dewitz, sein Adjutant und Oberst von Schellwitz, der künftige Divisionskommandeur, an einer Sandkastenübung teil. Es ging um folgende Fragen: Soll die Truppe bei sehr tiefen Kältegraden, wie sie für den russischen Winter üblich sind, an weit voraus geschobenen Stellungen festhalten, oder ist es besser, im Rücken der Front eine begradigte und dadurch verkürzte Verteidigungslinie zu bauen und diese dann zu besetzen? - Es handelte sich genau um das Problem, das die Heeresleitung ein Jahr zuvor zu lösen hatte und das jetzt wieder aufzutreten drohte. Damals, im Dezember 1941, nahm der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, seinen Abschied und Hitler selbst übernahm sein Amt. Von Brauchitsch und andere Generäle forderten, zumal es auch kein Winterzeug für die Truppe gab, die zweite Lösung. Hitler dagegen wollte nirgendwo einen Meter zurückweichen, weil er fürchtete, daß Absetzbewegungen Durchbrüche der russischen Truppen erleichtern würden.
Der Winter 1942/43 war nicht so streng wie der ein Jahr zuvor. Dennoch war auch jetzt, hier und da, mit ähnlichen Problemen zu rechnen. Sowohl unsere Vorgesetzten als auch wir Jüngeren, ebenfalls R. v. Weizsäcker, hielten die zweite Lösung für die bessere. Sie bot mehr Sicherheit, und es war mit weniger Verlusten zu rechnen.
Allerdings ermutigten uns unsere Vorgesetzten nicht, Widerstand zu leisten, falls Hitler im Sinne der ersten Lösung Befehle erteilen sollte. Welchen Sinn hatten dann Überlegungen dieser Art?
Ende Januar 1943, als Generalfeldmarschall Paulus mit den Resten der Stalingradarmee kapitulierte, wurde unser Regiment an die Ostfront verladen. Als Einsatzgebiet waren die Wolchowsümpfe südlich von Leningrad (heute: St. Petersburg) vorgesehen. Ich wurde zunächst in einer Reservestellung als Stellvertreter eines Kompaniechefs eingesetzt. Nach einigen Wochen sollte ich über einen Zugführer, der Leutnant war wie ich, eine Beurteilung abfassen. Es war mein erster Versuch dieser Art. Ich gab mir viel Mühe, Persönlichkeitsmerkmale zusammenzustellen, die ein überzeugendes Portrait ergaben. Anläßlich eines Besuches lobte Oberst „Bestens“ meine Beurteilung, R. v. Weizsäcker, schräg hinter ihm, nickte lebhaft zustimmend. Mein Eindruck: er war, wenn es sich um intellektuelle Ansprüche handelte, der eigentliche Führer des Regiments.
Nach einem schwierigen Fronteinsatz und der Teilnahme an einem Kompanie-Führer-Lehrgang in Männiku bei Reval (heute: Tallinn) übernahm ich wiederum für kurze Zeit die Führung einer Kompanie. Ihr Einsatzgebiet lag etwa 20 km südwestlich von Leningrad, es war eine Reservestellung. Bald erschien der Chef, Oberleutnant Axel Freiherr von dem Bussche-Streithorst. Er übertrug mir die Leitung eines Zuges. Mir gegenüber war er mehr Kamerad als Vorgesetzter, im Gespräch war er offen und herzlich. Doch erzählte er mir nicht, was ich erst nach dem Kriege erfahren habe, daß er im Oktober 1942 auf dem Flugplatz von Dubno in der Ukraine gesehen hatte, wie lange Schlangen nackter Menschen: Frauen, Männer, Kinder, Mütter mit Säuglingen von Totenkopfeinheiten der SS erschossen worden sind. Eines der zahlreichen Beispiele der von Hitler befohlenen Judenvernichtung.
A. v. Bussche war zutiefst geschockt und empört. „Wir müssen irgendetwas tun, um diesen Wahnsinn zu stoppen“, drang er auf seinen Kommandeur ein. Doch dieser meinte: „Wir können das drei bis vier Stunden aufhalten, dann kommen sie aus Winniza, vom Führerhauptquartier, mit Panzern vom Führerbegleitbataillon und schießen uns zusammen, mit der Rechtfertigung, wir würden meutern. Das hat überhaupt keinen Zweck“ (Nach: Mainhardt Graf von Nayhaus: Zwischen Gehorsam und Gewissen. Richard von Weizsäcker und das Infanterie-Regiment 9, Lübbe, 1994, 5. 264 f.).
Später bekam v. Bussche Kontakt zu Stauffenberg und bekundete diesem gegenüber seine Bereitschaft zu einem Attentat auf Hitler. Im Januar 1944 wurde er jedoch schwer verwundet, verlor ein Bein und mußte daher dieses Vorhaben aufgeben.
Er und ich folgten einmal nachts in einem südlicher gelegenen Abschnitt einem Stoßtrupp, der Russen gefangen nehmen sollte. Nachdem wir unsere Linie etwa 50 Meter hinter uns gelassen hatten, sagte er zu mir•. „Wir machen kehrt. Wir werden noch für andere Aufgaben gebraucht.“ Erst nach dem Kriege ist mir klar geworden, welche Aufgaben er wohl damals im Sinn gehabt hatte.
Die Zeit in der bereits erwähnten Reservestellung wurde für Angriffsübungen mit Panzern benutzt. Die Züge entfalteten sich zum Gefecht und liefen und sprangen einen lang gestreckten Hang hinab. Vorne weg fuhren zwei Panzer. V. Bussches leiser Kommentar nach dem Abschluß der Übung: „Das ist doch alles Theater So munter springt man doch nur, wenn einem kein Feuer entgegenschlägt. Was sollen Angriffsübungen bei der beträchtlichen Überlegenheit der Roten Armee? Für uns kommt doch allenfalls Verteidigung in Frage!“
Eines Abends versammelten sich einige Stabsoffiziere, Kompanieführer und v. d. Bussche - es waren zumeist adlige Herren - in der Datscha des Regimentsstabes. Ich gehörte nicht zu dieser Runde. Einen Polizeimajor, zurzeit nicht anwesend, vertrat Oberst Dewitz. Was sich damals im Stabsquartier abgespielt hat, entnehme ich dem schon erwähnten Buch von Nayhaus, 5. 288-290.
Man trank viel Alkohol, diskutierte und politisierte. Es ging turbulent zu. Wahrscheinlich wies v. d. Bussche auf die Judenerschießungen in der Ukraine hin. Denn plötzlich zog ein Offizier seine Pistole und schoß auf ein Hitlerbild, das in allen Stabsquartieren (vom Regimentsstab aufwärts) hängen mußte. V. Weizsäcker sagte daraufhin, nun müsse jeder auf das Bild schießen. Er tat es, und die meisten Kameraden schlossen sich ihm an. Doch, was war zu tun, wenn der Polizeimajor zurückkehrte? - Man hoffte, dass v. Weizsäcker ein neues Hitlerbild besorgen und den Vertreter von Oberst Dewitz dank seiner diplomatischen Fähigkeiten beschwichtigen könnte, wenn der das chaotische Durcheinander in der Datscha bemerkt.
Einen der Nayhaus-Erzählung ähnlichen Bericht erhielt ich einige Tage später von einem Offizierkameraden, der mit mir im Infanterieregiment 67 gedient und, da er zum Rgts. Stab gehörte, an der turbulenten Zusammenkunft teilgenommen hatte. Er kritisierte scharf die adligen Hitler-Gegner, da er sich zur NS-Ideologie bekannte, hat aber auf eine Meldung an eine höhere Dienststelle verzichtet. Die Ermordung der Juden bei Dubno erwähnte er nicht.
Meine Einstellung zum Dritten Reich war anfangs ambivalent, während der Kriegszeit zunehmend distanziert. Bis zum Beginn meines Studiums 1938 in Berlin war ich in keiner Gliederung der NSDAP Mitglied. Um überhaupt studieren zu dürfen, musste ich „wenigstens“ in die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) eintreten. Ein Akt der Zwangsnazifizierung.
Anfang November 1938 wurde ich in das Infanterieregiment 67 eingezogen. Zwar hätte ich gern weiter studiert, doch empfand ich den Wechsel zur Wehrmacht als eine Art Emigration, weg von der Ideologie der braunen Kolonnen und ihrem Schlagwort „Du bist nichts, Dein Volk ist alles“, hin zu mehr Offenheit im Umgang miteinander, zu mehr Gedanken- und Redefreiheit, Toleranz in weltanschaulichen Fragen sowie zum Respekt vor der Würde der Person. Diese Erwartungen haben sich leider nicht immer, jedoch im Großen und Ganzen erfüllt.
Von den ungeheuren Verbrechen der Judenvernichtung durch die Nazis habe ich erst nach dem Kriege etwas erfahren.
Viele Jahre später, 1966, begegne ich v. d. Bussche im Auditorium Maximum der Hamburger Universität. Angekündigt ist er dort als Redner über den Deutschen Entwicklungsdienst, den er leitete und den er gegründet hatte. Damit gab er ein Beispiel für ein aktuelles, zukunftsorientiertes Projekt. Nicht mehr „Dein Volk ist alles“ sollte der Leitgedanke für politisches Handeln sein, sondern Mitmenschlichkeit durch praktische Hilfe jenseits nationaler Grenzen. Zufällig sitze ich neben ihm in der ersten Reihe. Bald erkennt er mich. Ein bemerkenswerter Augenblick. Leider hatte er für einen längeren Austausch von Erinnerungen zu wenig Zeit.
41 Jahre später schicken mir, ihrem ehemaligen Schulleiter, Schüler des Hamburger Albert-Schweitzer-Gymnasiums, ein Heft zu, das eine Sammlung von Geleitworten zu ihrem Abitur enthält. Zu meiner großen Überraschung entdecke ich, dass meine Worte zum Geleit unmittelbar vor dem Beitrag des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker eingeheftet worden sind.
Ich schreibe ihm einen Brief, der Erinnerungen an die gemeinsam erlebte Kriegszeit, Gedanken über die Verletzung der Menschenwürde während der Naziherrschaft sowie Bekundungen meines Respekts für die Führung seines Amtes enthält. Wenige Tage später, Ende Oktober 1985, erhalte ich seine Antwort. Ich zitiere lediglich einen Abschnitt:
„Mit Nachdenklichkeit erfüllt mich, was Sie über die Erfahrungen schreiben, die wir in jenen schweren Kriegsjahren gemeinsam gemacht haben, jeder für sich; nachdenklich lasse auch ich - wie seit damals schon so oft und in diesem vierzigsten Jahr besonders eindringlich - Erinnerungen in mir erwachen. Ich danke ihnen sehr herzlich für diesen Brief, vor allem die freundschaftliche Gesinnung und die guten Worte und Wünsche, mit denen Sie mich in Gedanken bei der Wahrnehmung meines Amtes begleiten und zum Voranschreiten auf dem bisher zurückgelegten Weg ermutigen
Im Mai 1986 habe ich ihm das von mir für die gymnasiale Oberstufe sowie für Volkshochschulen erarbeitete philosophische Werk
>Menschenwürde< zugeeignet, da er sich für diesen sittlichen Wert immer wieder eingesetzt hat. Sehr bald erhielt ich auch für diese Sendung ein Wort der Würdigung und des Dankes.
Der hier abgedruckte Bericht ist etwas ausführlicher als die Darstellung in meiner Biographie „Einige Kapitel aus meinem Leben“.
Edgar Bein neben ihm in der ersten Reihe. Bald erkennt er mich. Ein bemerkenswerter Augenblick. Leider hatte er für einen längeren Austausch von Erinnerungen zu wenig Zeit.
41 Jahre später schicken mir, ihrem ehemaligen Schulleiter, Schüler des Hamburger Albert-Schweitzer-Gymnasiums, ein Heft zu, das eine Sammlung von Geleitworten zu ihrem Abitur enthält. Zu meiner großen Überraschung entdecke ich, daß meine Worte zum Geleit unmittelbar vor dem Beitrag des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker eingeheftet worden sind.
Ich schreibe ihm einen Brief, der Erinnerungen an die gemeinsam erlebte Kriegszeit, Gedanken über die Verletzung der Menschenwürde während der Naziherrschaft sowie Bekundungen meines Respekts für die Führung seines Amtes enthält. Wenige Tage später, Ende Oktober 1985, erhalte ich seine Antwort. Ich zitiere lediglich einen Abschnitt:
„Mit Nachdenklichkeit erfüllt mich, was Sie über die Erfahrungen schreiben, die wir in jenen schweren Kriegsjahren gemeinsam gemacht haben, jeder für sich; nachdenklich lasse auch ich - wie seit damals schon so oft und in diesem vierzigsten Jahr besonders eindringlich - Erinnerungen in mir erwachen. Ich danke ihnen sehr herzlich für diesen Brief, vor allem die freundschaftliche Gesinnung und die guten Worte und Wünsche, mit denen Sie mich in Gedanken bei der Wahrnehmung meines Amtes begleiten und zum Voranschreiten auf dem bisher zurückgelegten Weg ermutigen…“
Im Mai 1986 habe ich ihm das von mir für die gymnasiale Oberstufe sowie für Volkshochschulen erarbeitete philosophische Werk
„Menschenwürde“ zugeeignet, da er sich für diesen sittlichen Wert immer wieder eingesetzt hat. Sehr bald erhielt ich auch für diese Sendung ein Wort der Würdigung und des Dankes.
Der hier abgedruckte Bericht ist etwas ausführlicher als die Darstellung in meiner Biographie „Einige Kapitel aus meinem Leben“.