Neue Erkenntnisse zur Entstehungsgeschichte des Eisernen Kreuzes von 1813
Dr. Frank Wernitz

Am 27. Februar des Jahres 1813 legte ein gewisser Einsiedel dem Leiter des Königlich Preußischen Geheimen Zivil-Kabinetts eine Zeichnung „zum verlangten eisernen Ordenskreuz“ vor. Sein Begleitschreiben enthielt dabei Bemerkungen künstlerischer und technischer Natur, auf die später noch näher eingegangen werden soll.
Louis Schneider, der bis heute als Nestor der Geschichte des Eisernen Kreuzes angesehen werden muß, ging in seiner auf archivarischen Quellen beruhenden Darstellung davon aus, daß
1. der Brief Einsiedels in Berlin verfaßt worden sei und 2. es sich bei dieser Person um einen Kriegsrat, sprich einem Militärbeamten des höheren Dienstes, gehandelt habe. Diese Annahmen wurden bislang von allen Autoren, die sich mit der Geschichte des Eisernen Kreuzes auseinandergesetzt haben, unwidersprochen übernommen.
Wenn wir uns an das Originalschreiben halten, das glücklicherweise im Geheimen Preußischen Staatsarchiv zu Berlin wieder gefunden werden konnte und als das älteste Dokument überhaupt zur Geschichte des Eisernen Kreuzes betrachtet werden muss, können die eingangs genannten Behauptungen allerdings nicht verifiziert werden. Das besagte Schreiben enthält nur die Datumsangabe „27. Feb.“ und ist lediglich mit dem Namen „Einsiedel“ unterzeichnet. Ein Briefumschlag, aus dem eventuell nähere Details zum Aufenthaltsort, Titel oder Vornamen des Verfassers entnehmen zu wären, liegt nicht vor. Den zwei Seiten ist aber zu entnehmen, dass Einsiedel von allerhöchster Stelle beauftragt wurde, den Entwurf zu einem Ehrenzeichen zu schaffen, das primär aus Eisen bestehen sollte: Empfänger des Briefes war niemand geringerer als Daniel Ludwig Albrecht, Leiter des Zivilkabinetts, Geheimer Kabinettsrat und einer der engsten Vertrauten des preußischen Königs. Gleichzeitig muß  Einsiedel auch aufgegeben worden sein, für eine reibungslose Herstellung oder besser gesagt, für einen Prototypen und dessen Serienreife Sorge zu tragen, da er ein Wachsmodell mit sandte, gleichzeitig aber darauf hinwies, dass allein das Modell aus Zinn, „wonach der Abguß in Eisen gemacht werden soll“, einen tatsächlichen Eindruck von dem neuen Ehrenzeichen vermitteln könne. Was war der Anlass für diesen Auftrag? Angesichts des Untergangs der Grande Armée in Rußlands Weiten und in schwieriger Lage isoliert an Memel und Kurischem Haff, ergriff Generalleutnant Johann David Yorck als Oberbefehlshaber des im Dienste Frankreichs stehenden, noch intakten preußischen Hilfskorps die Initiative. Er schloß am 30. Dezember 1812 mit dem russischen General Diebitsch in der Mühle des litauisch-russischen Grenzdorfes Poscherun ein Abkommen, worin er sich für neutral erklärte bis sein Souverän über die weitere Verwendung des Korps entschieden hätte. Dieser eigenmächtige Entschluß Yorcks machte Weltgeschichte und gab das Signal zur preußischen Erhebung. Um sich dem Zugriff der Franzosen entziehen und seine monarchische Handlungsfreiheit beibehalten zu können, verließ König Friedrich Wilhelm am 22. Januar 1813 seine Residenzstadt und begab sich nach Breslau. Von dort erließ er am 3. Februar – unter dem Druck der öffentlichen Meinung – den Aufruf zur Bildung Freiwilliger Jägerdetachements. Am 27. / 28. Februar folgte das preußisch-russische „Off- und Defensivbündnis“ und am 16. März die Kriegserklärung an Frankreich. In diesen stürmischen Tagen muss der Entschluß des Königs gefallen sein, eine Tapferkeitsauszeichnung für die kommende und entscheidende Auseinandersetzung zu stiften, die dem Entstehungsanlaß und dem Geist der vergangenen wie auch kommenden schweren Tagen, Wochen und Monaten Rechnung tragen sollte. Vor diesem Hintergrund ist es völlig nachvollziehbar, daß diese wichtige und bedeutende, ja hoch politische Angelegenheit in erfahrene Hände gelegt werden mußte, die die Gewähr dafür boten, daß Entwurf wie auch Herstellung der neuen Auszeichnung die hohen Erwartungen des Königs erfüllen könnten. Es darf an dieser Stelle gefragt werden, ob ein Militärbeamter für diese Aufgabe ein kompetenter Ansprechpartner gewesen wäre? Doch soll an diese Frage systematisch herangegangen werden. In den Ranglisten der Kgl. Preußischen Armee aus den Jahren 1812 – 1815 läßt sich ein Kriegsrat Einsiedel nicht nachweisen. Interessanterweise stößt man aber im Hof- und Staatshandbuch des Königreich Preußens für das Jahr 1818 auf einen Ober-Bergrat Graf von Einsiedel, der zu dieser Zeit Mitglied im Breslauer Oberbergamt für die Schlesischen Provinzen war.
Nicht nur seine Stellung im preußischen Bergbau- und Hüttenwesen, sondern auch seine verwandtschaftliche Verbindung zu dem im Eisenkunstguss führenden sächsischen Werk Lauchammer, das zuerst von seinem Vater, dann von seinem ältesten Bruder geleitet wurde, mussten ihn für den preußischen König als den Mann erscheinen lassen, der aufgrund seiner Biographie dazu berufen sei, mit dem Entwurf und der Herstellung eines eisernen Ordenskreuzes betraut zu werden. Ferdinand, der zweite Sohn des sächsischen Konferenzministers Detlev Carl Graf von Einsiedel, wurde 1775 geboren, trat in den preußischen Staatsdienst ein, bekleidete im Schicksalsjahr 1813 das Amt eines Bergrats und war 1819 bereits Berghauptmann. Eine Karriere, die die außerordentliche Qualifikation Ferdinands augenfällig unter Beweis stellte. Ferdinand Graf Einsiedel, der mit Alexander von Humboldt freundschaftliche Beziehungen unterhielt, hatte bereits im Jahre 1791 Studienreisen durchgeführt, um sich über technische Neuerungen im Berg- und Hüttenwesen auf dem Laufenden zu halten. Vor diesem Hintergrund muß auch davon ausgegangen werden, dass Graf Einsiedel im Februar 1813 nicht in Berlin, sondern als Angehöriger des Schlesischen Oberbergamtes Breslau in der schlesischen Hauptstadt seinen Amtssitz hatte. Indiz hierfür mag die Ankündigung in seinem Schreiben sein, „Ew. Hochwohlgeboren (= gemeint ist der Geheime Kabinettsrat Albrecht) noch heute gehorsamst zu melden.“ Es ist also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, daß als erster der Bergrat Ferdinand Graf von Einsiedel von König Friedrich Wilhelm III. beauftragt wurde, die ersten Entwürfe und Vorbereitungen zur Erstellung des Eisernen Kreuzes zu liefern.
Nun zum Entwurf selber. Seit Schneider ging man davon aus, daß es sich hier um ein einfaches Kreuz aus Gußeisen handelte. Doch bei einem nochmaligen Studium des Briefes vom 27. Februar müssen Zweifel angemeldet werden, da Einsiedel auf die Schwierigkeiten bei der Befestigung „der Platte mit den gebrochenen Kanten auf dem Kreuze“ hinwies, deren technische Lösung einem Goldarbeiter aufgegeben war und das Ergebnis noch am selben Tag dem König mitgeteilt werden sollte. Das bedeutet, dass die Platte mit dem königlichen Namenszug extra aufgelegt werden sollte. Welchen Informationswert hat nun die dem Schreiben Einsiedels beigelegte und ebenfalls überlieferte Originalzeichnung? Das Eiserne Kreuz mit den Eichenlaubzweigen ist – obwohl auf einer Platte mit der Jahreszahl 1813 aufliegend – schwarz schraffiert, soll demzufolge das schwarze Eisen andeuten und wird damit den anderen Teilen gegenüber herausgehoben. Die Platte darunter, wäre sie auch aus Eisen gedacht gewesen, hätte dann aber ebenfalls schwarz schraffiert sein müssen, da es sich ja um ein und dasselbe Material handeln würde. Sie ist aber bewusst hell belassen worden, doch mit welcher Absicht? Sollte bei dieser Skizze schon das Material Silber eine Rolle gespielt haben? Der Hinweis Einsiedels, einen Goldarbeiter bei der Montierung heranzuziehen, unterstreicht diese These, da ein Vertreter dieser Zunft nur bei Verwendung von Edelmetallen Sinn machen würde. Diese entscheidende Hypothese kann aber noch aus einem anderen Blickwinkel verfestigt werden.
Der preußische König hatte sich schon im Sommer des Jahres 1811 mit der Stiftung eines neuen Ehrenzeichens, „ein Kreuz von Medailleband in den preußischen Farben und des deutschen Ordens“, beschäftigt, sprich mit einem schwarzen Kreuz in weißer Fassung oder auf weißem Grund. Man kann nun in dem Entwurf Einsiedels diese Idee insofern umgesetzt sehen, da das schraffierte Kreuz auf einem weißen Grund, wahrscheinlich einer Silberplatte oder einzeln angesetzten Silberteilen, liegt und so die preußischen Farben und die des Deutschen Ordens widerspiegeln. Zusammenfassend ist es deshalb als sehr wahrscheinlich anzusehen, dass Graf Einsiedel ein aus drei Teilen und zwei verschiedenen  Materialien, Eisen und Silber, bestehendes Ehrenzeichen entwickelt hatte. Die Platte, sprich das gußeiserne Kreuz, mit einer silbernen Unterlegung, die durch das Mittelteil mit den gebrochenen Kanten verbunden werden sollten. Jahreszahl, bekrönter Namenszug und Eichenzweige entsprangen möglicherweise der Eigeninitiative Einsiedels, da Namenszug und Jahr der Stiftung geläufige Elemente auf preußischen Ehrenzeichen waren (Militär-Verdienstmedaille in Gold für Unteroffiziere von 1793 und in Silber für Gemeine, Medaille für Unterthanen-Treue von 1794). Das Laub der Eiche galt zu dieser Zeit ganz allgemein als Symbol für Rettung aus der Not, für Rettung des Vaterlandes. Es ist deshalb davon auszugehen, daß diese Elemente, obwohl Einsiedel mit seinem Entwurf nicht nur aus künstlerischen, sondern wahrscheinlich auch aus fertigungstechnischen Gründen nicht obsiegen konnte, vom König aufgegriffen und in modifizierte Form an Karl Friedrich Schinkel zur endgültigen Ausführung weitergegeben wurden. Ferdinand Graf von Einsiedel starb als Berghauptmann im Jahre 1833 zu Brieg.

 

(Der Aufsatz ist ein erster Auszug aus der voraussichtlich 2009 / 10 im Verlag Militaria Edition Stefan Rest, Wien, und unter dem Patronat des Bayerischen Armeemuseums erscheinenden quellenkritischen Arbeit zur Geschichte des Eisernen Kreuzes von seiner Stiftung im Jahre 1813 bis hin zur Gegenwart)