Preußische Kadetten und Potsdams Garnison
Volker Schobeß

Die langjährige Erziehungs- und Ausbildungsgeschichte der preußisch/deutschen Armee ist ein weites Feld, daß in seiner historisch- soziologischen Deutung noch lange nicht aufgearbeitet scheint.
Die vielgestaltige Erziehung und Ausbildung von Offizieren und Unterführern hatte nicht nur einen gravierenden Einfluß auf den Wert der Armee, sie hinterließ auch tiefe Spuren bei jedem einzelnen Mann. Prägende Erlebnisse aus der Militärzeit wurden dann zu gerne an die eigenen Kinder und Enkelkinder weiter erzählt. Gleichsam spiegelte sich das vermeintlich fröhliche Soldatenleben in einer umfangreichen Reservistik-Folklore in Form von Reservistenkrügen, Tellern, Pfeifen usw. wider. Das militärisch verordnete Erziehungswerk hatte bis in das 19. und 20. Jahrhundert gereicht und das Denken seiner Zeitgenossen schließlich so stark beeinflußt, daß man meinte, auf einen künftigen Krieg sehr gut vorbereitet zu sein. Spätestens nach den grausigen Erlebnissen des Ersten Weltkrieges, der bisher größten „Urkatastrophe“ des zwanzigsten Jahrhunderts, sollte sich die oben beschriebene Andenkensform von selbst erledigt haben. Ein revolutionärer Umdenkungsprozeß kriegsgeplagter Völker führte letztlich zum Untergang der größten Monarchien Europas.
2009 jährt sich das 150. Geburtsjubiläum Kaiser Wilhelm II. (geb. 27.1.1859). Inzwischen ist die so genannte „Wilhelminische Ära“ auch von der Militärgeschichtsschreibung methodisch weiter erforscht worden und wird, was die so genannte Kriegsschuld anbetrifft, auch differenzierter bewertet als zuvor. Aber noch immer gibt es genügend politisch inszenierte Zerrbilder vom Verlauf unserer Geschichte, wo man neue Forschungsansätze einfach nicht zur Kenntnis nehmen will. Die historisch gebildete Leserschaft von heute will diesen alten Klischees jedoch nicht mehr länger folgen, schon gar nicht seinen vielen populären Irrtümern! In letzterem Sinne soll auch unsere „Wanderausstellung“ zu den Kadetten, mit ihren vielen Exponaten der Wilhelminischen Zeit, verstanden werden. Der pädagogische Zeigefinger unterblieb hier bewußt, der Besucher konnte und sollte sich seine eigene, freie Meinung bilden.
Bei der Betrachtung des preußischen Kadettenwesens, einem gewichtigen Teil militärischer Erziehung, war unser Museumsverein bemüht, in kleinen aber gründlich recherchierten Ausschnitten einen ersten Eindruck vom streng geordneten Erziehungswesen dieser Anstalten zu vermitteln. Militärgeschichte für Jedermann, eben zum „Begreifen“.
Einen wichtigen Baustein des militärischen Erziehungswerks, hin zum „soldatischen Idealcharakter“, stellten mehr als zweihundert Jahre preußische Kadettenschulen mit ihren acht Vor- und einer Hauptanstalt in Berlin, dar. Nimmt man sich heute Offiziersstammlisten einzelner Regimenter vor, stellt man erstaunt fest, durchschnittlich jeder dritte adlige Offizier hatte im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert eine Kadettenvoranstalt besucht. Verfolgt man den Dienstweg einzelner Persönlichkeiten weiter, gelangt man zu interessanten Personaldiagrammen, die höchste Dienstränge zur Folge hatten. Daher sei die Frage gestattet, welche Auswirkungen hatte die harte Schule der Kadettenkorps auf den weiteren Lebensweg des einzelnen Schülers oder späteren Offiziers? Die Ausstellung und der Festvortrag von Oberst a. D. Burkhart Franck gaben, entgegen jeder Verherrlichung, gründliche Antworten darauf.
Bei der Betrachtung des frühen Werdeganges des preußischen Kadettenwesens fällt im Vergleich zu anderen europäischen Mächten der ausgeprägte Fortschrittsgedanke bei der Erziehungsfrage ins Auge. Das militärische Bildungsprogramm mit der ersten Kadettenanstalt unter Friedrich Wilhelm I. (1688-1740) im Jahre 1717 stand nicht zufällig mit dem Beginn der „Allgemeinen Schulpflicht“ in Zusammenhang. So sind alle Reformbewegungen des Königs nur im gesellschaftlichen Zusammenhang zu verstehen, stets pragmatisch, aber konsensorientiert.
Nachdem unsere Ausstellung „Preußische Kadetten“ im brandenburgischen Wustrau, in Pritzwalk in der Uckermark, in Annaburg in Sachsen- Anhalt, in NRW- den Preußenmuseen in Minden und Wesel, sowie in Berlin erfolgreich gezeigt wurde, landete sie nun endlich auch in Potsdam. Denn hier ist die Wiege allen Preußentums, wie bereits Theodor Fontane sehr richtig meinte.
Nach einigen Vorgesprächen mit Hilfe von Prof. Dr. Gerd Heinrich, der im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Kutschstall) zum Fachbeirat gehörte, ließ sich mit Unterstützung der Geschäftsführung unseres Vereins und des Kutschstalls ein Arbeits- und Veranstaltungskonzept erarbeiten. Ein erster Versuch, die Ausstellung in der alten Kadettenvoranstalt (heutige Staatskanzlei der Landesregierung) Potsdams im Jahre 2003 zu zeigen, war ja aus nicht ganz ersichtlichen Gründen gescheitert. Jetzt aber hatten wir freie Hand!
Für vier Wochen wurde uns die imposante Gewölbehalle des Hauses der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte zu Verfügung gestellt. Die Halle war gerade frisch renoviert und bedurfte einer denkmalgerechten Obhut. Mit anderen Worten, weder Leisten noch Nägel sollten dem Putz jäh zu nahe kommen. Für den gesamten Aufbau nahmen wir uns eine Woche Zeit. So konstruierte der Kustos unserer Ausstellung, Manfred P. Schulze, großflächige Stellwände, die sich freistehend in einer Art großer (Pferde-) Boxen für einzelne Themenschwerpunkte gut eigneten. Viele fleißige Mitglieder begleiteten die Aufbauarbeiten, hämmerten, schraubten und malerten. Noch am letzten Tag wurden verspätete Vitrinen aufgestellt. Hier sei nur auf drei Höhepunkte der Ausstellung hingewiesen: der Originaleinbau einer Feldschmiede, das maßstabsgerechte Holzmodell der Potsdamer Kadettenvoranstalt (Siegfried Lieberenz) mit einer Gesamtlänge von 1,70 m und die sehenswerte Reservistik-Sammlung von Jens Uwe Benthin.
Die Eröffnungsveranstaltung mit dem Festvortrag des 1. Vorsitzenden war ausgebucht, anschließend führte M. P. Schulze alle Gäste durch die Ausstellung. Es wurde einer der erfolgreichsten Tage unseres Vereinslebens. Die Resonanz von Presse und Fernsehen waren ausnahmslos positiv. Übrigens können die Zeitungsbeiträge noch heute in unserer Homepage nachgelesen werden. Innerhalb der vier knappen Wochen konnten zusätzlich themenbezogene Beiträge ausgesuchter Qualität angeboten werden. Stets wurden diese von ca. hundert Besuchern angezogen. Auf die Fachvorträge wird im „Rückblick 2008“ noch einzeln eingegangen. Obwohl die unterschiedlichen Veranstaltungen bereits in der letzten Ausgabe erwähnt wurden, sollen sie hier noch einmal, der Vollständigkeit halber, erwähnt werden:

„Kadetten der anderen“

„Kadetten der DDR – Die Kadettenschule der NVA 1956 – 1960“

„Vom Kadetten des preußischen Königs zum Offizieranwärter der bundesdeutschen Demokratie – Kontinuität und Neuanfänge in den vergangenen 200 Jahren deutscher Heeres-Offizierausbildung aus heutiger Sicht“

Hier in Potsdam konnten wir also endlich erfolgreich Flagge zeigen. Daher nochmals herzlichen Dank an alle Helfer

und Leihgeber, die zum großen Erfolg unserer Ausstellung beigetragen haben.