Seydlitz ein Kavallerieführer Friedrichs des Großen
Klaus Christian Richter
Der preußische General der Kavallerie Friedrich Wilhelm v. Seydlitz (1721–1773) ist heute nahezu in Vergessenheit geraten. Dennoch ist er es wert, sich seiner zu erinnern.
„Seydlitz war unbestritten der größte Reiterführer der Neuzeit. Er übertraf den edlen Ritter Prinz Eugen, überflügelte Zieten, den Husar, war Vorbild Murats, Blüchers, Stuarts, Rosenbergs und aller anderen bedeutenden Kavalleristen“, so das Urteil des letzten Inspekteurs der Schweizer Kavallerie, des Oberst Dr. phil. Robert Staub, 1961.
Über die ersten Lebensjahre des jungen Seydlitz ist wenig überliefert, nur soviel, er wurde als Sohn eines preußischen Rittmeisters in Kalkar Herzogtum Kleve, der westlichsten Provinz Preußens, geboren. Sein Vater stand dort im Regiment zu Pferde „Prinz Friedrich“. 1725 wird das Regiment nach Brandenburg zurück verlegt.
1728 stirbt der Vater im Alter von 45 Jahren in Freienwalde/Oder, ohne noch einmal befördert worden zu sein. Der junge Seydlitz besucht die Lateinschule zu Freienwalde, allerdings nur vom 8. bis 13. Lebensjahr. Dennoch eignet er sich hier
„eine Schulbildung an, wie sie, ohne als gelehrt gelten
zu können, damals bei Leuten seines Standes nicht
gewöhnlich war“,
wie Friedrich Karl Tharau in seinem Buch: <Die geistige Kultur des preußischen Offiziers> ausdrücklich vermerkt.
Der Regimentsinhaber, Markgraf Friedrich Wilhelm von Schwedt, der ein gutes Verhältnis zu Seydlitz’ Vater unterhalten hatte, nahm 1735 den 14jährigen Seydlitz als Pagen in seine Hofhaltung auf. Die Pagenzeit bei dem < tollen Markgraf >oder auch < wilden Schwedter >hat Seydlitz im Positiven wie auch im Negativen stark geprägt. Die Hofhaltung in Schwedt/Oder war in mehrfacher Hinsicht berüchtigt. Waren die ständigen, selbst während des Barocks ungewöhnlichen, lebensgefährlichen Eskapaden am Hofe zu Schwedt für den Markgrafen ein Zeitvertreib exklusiver Art, so wurden sie für Seydlitz zur Grundlage seines späteren militärischen Könnens. Zu Beginn des Jahres 1740 willigt der Markgraf endlich ein, den nun 19jährigen Pagen als Kornett, dem damaligen untersten Offiziersdienstgrad, in sein Kürassier-Regiment einzustellen. Der „Soldatenkönig“, Friedrich Wilhelm I., verfügte diesen Vorgang ausdrücklich durch eine entsprechende Ordre.
Der Regiments-Kommandeur in Belgard a. d. Persante, Oberst v. Rochow, empfing Seydlitz recht kühl mit den Worten:
„...daß die Allotrias in Schwedt zurückgeblieben sein
müßten, und dass er fortan nur dem Dienst zu leben habe.“
Kaum ein Jahr Soldat, zog er am 16. Dezember 1740 mit seinem Regiment in den Ersten Schlesischen Krieg, nimmt an der Schlacht bei Mollwitz teil und sieht dort die ganze Misere der schwerfälligen preußischen Reiterei, die er sehr bald zu verändern beginnen wird.
1742 erhält er von seinem Kommandeur bei Kranowitz/Oberschlesien, den Auftrag zu einem „Himmelfahrtskommando“, das er, obwohl Reiter, abgesessen durchzuführen versucht. Nach der letzten Patrone und dem Ausfall fast seines gesamten Zuges, gerät er in Gefangenschaft. Friedrich der Große, dem das abgesessene Gefecht eines Kavalleristen bemerkenswert erschien, läßt ihn nach kurzer Zeit gegen einen österreichischen Rittmeister aus der Gefangenschaft in Raab an der Donau austauschen, und übergibt ihm wenig später unter Beförderung zum Rittmeister eine Schwadron bei den Natzmer-Husaren in Trebnitz. Somit ist Seydlitz niemals Leutnant gewesen. Als 22jähriger Chef bringt er seine Husaren auf einen Ausbildungsstand, den man bis dato in Preußen noch nicht gesehen hatte, obwohl doch Preußen für seinen militärischen Drill europaweit bekannt war. Sein König stellt Seydlitz’ Schwadron nach einer Besichtigung als Vorbild für die gesamte Kavallerie hin. Dabei galten die Husaren in Preußen zunächst als „Gesindel“ und wurden von Kürassieren sowie Dragonern nicht als gleichwertig anerkannt.
Im Zweiten Schlesischen Krieg (1744/45) tritt der junge Schwadronschef dermaßen hervor, daß Friedrich II. ihn 1745 mit 24 Jahren zum Major befördert. U. a. zeichnet er sich in der Schlacht von Hohenfriedeberg, am 4. Juni 1745, aus, in der er den sächsischen General v. Schlichting gefangen nimmt. Dort erzielten die leichten preußischen Husaren auch große Erfolge gegen schwere sächsische Reiter.
Nach dem Friedensschluß widmet er sich wieder mit Innovation und Energie der Ausbildung seiner Schwadron und führt zahlreiche Neuerungen ein, die man Husaren niemals zugetraut hätte. Auf den Revuen schnitt er stets so hervorragend ab, daß er mehrfach hervorgehoben und ausgezeichnet wurde. Gegen den Rat des Generals v. Winterfeldt, der damals auch Inspekteur der Husarenwaffe war, befördert ihn der König 1752, noch Chef einer Schwadron (!), zum Oberstleutnant. Im Oktober desselben Jahres wird er als Kommandeur zum Dragoner-Regiment Herzog v. Württemberg nach Treptow/Pommern kommandiert, „... um es wieder in Ordnung zu bringen“! Nach nur 5 Monaten, das Regiment war wieder in Ordnung, versetzt ihn Friedrich d. Gr. als Kommandeur zum Kürassier-Regiment v. Rochow in Ohlau/Schlesien und befördert ihn, trotz einiger Vorkommnisse, die er anderen Offizieren kaum verziehen hätte, 1755 zum Oberst.
Während des Siebenjährigen Krieges (1756/63) tritt Seydlitz nun immer wieder hervor, besonders auch bei der Niederlage von Kolin am 18. Juni 1757, wo er eine Kavallerie-Brigade führt und mit dieser eine noch größere Katastrophe für Preußen verhindert. Zwei Tage nach der Schlacht befördert ihn der König zum Generalmajor und verleiht ihm den Orden Pour le Mérite. Als ihn der 20 Jahre ältere Generalleutnant v. Zieten zu diesen Auszeichnungen gratulierte, soll Seydlitz, gerade einmal 2 Jahre Oberst, lächelnd geantwortet haben:
„Wenn etwas aus mir werden soll, Euer Exzellenz, so
war es Zeit, denn ich bin schon 36 Jahre alt!“
Bei Rossbach am 5. November 1757, unterstellt Friedrich II. seinen jüngsten General die gesamte Kavallerie, 38 Schwadronen. Die nahezu dreifach überlegenen Franzosen nebst Reichsarmee, werden durch den < Orkan zu Pferde > in nur 2 Stunden zerschlagen. Die Reste flüchten in Panik nach Westen. Daher die spöttische Bezeichnung „Reissausarmee“. Seydlitz wird zum Generalleutnant befördert und erhält die höchste preußische Auszeichnung, den Schwarzen Adlerorden mit Kette. In dem Zeitraum von einem halben Jahr war Seydlitz vom Obersten zum Generalleutnant aufgestiegen. Am 25.8.1758, bei Zorndorf, ist Seydlitz wiederum Führer der Kavallerie, hier mit insgesamt 61 Schwadronen. Die von Friedrich II. unterschätzten Russen bringen seine Armee an den Rand einer Niederlage. Sein Kavallerieführer wendet in mehreren Attacken das Blatt. Die Russen erleiden hohe Verluste und ziehen anderentags demoralisiert nach Osten ab. Ein operativer Erfolg Preußens, dank Seydlitz’ Einsatz! Bei Hochkirch, am 14.10.1758, einem der schwersten Fehler des Preußenkönigs, verhindert GenLt. v. Seydlitz mit seinen 108 Schwadronen die völlige Vernichtung der Armee durch die Österreicher.
Am 12. August 1759 entschloss sich Friedrich d. Gr. die russische Armee unter Saltikof, verstärkt durch das österreichische Korps Laudon, auf dem Ostufer der Oder nördlich Frankfurt/O. anzugreifen, um diese immense Bedrohung für das preußische Kernland zu beseitigen. Wie nahezu stets zahlenmäßig unterlegen, kam die preußische Infanterie zunächst dennoch gut voran, obwohl der Gegner nahe Kunersdorf eine stark ausgebaute Stellung bezogen hatte. Die mit 79.000 um 20.000 Mann stärkere Armee des Feindes hielt mit ihrem überlegenen Feuer von Artillerie und Infanterie letztlich die Stellungen und brachte durch eine großangelegte Kavallerieattacke unter Laudon den Preußen die verheerendste Niederlage dieses Krieges bei. Nach Friedrich II.’ eigenen Angaben, verfügte er nach der Schlacht bei Kunersdorf nur noch über 3.000 Mann. Aber auch Russen und Österreicher hatten 16.500 Mann verloren, und da sie sich über das weitere Vorgehen nicht einigen konnten, blieb dem Preußenkönig die totale Niederlage erspart. Seydlitz sollte in dieser Schlacht die Reservekavallerie führen. Er wurde aber, neben dem König haltend, durch eine Musketenkugel so schwer an der linken Hand verwundet, daß er ohnmächtig vom Pferd sank und vom Gefechtsfeld getragen werden mußte. Einige Stimmen deuteten später an, daß diese Niederlage abgewendet worden wäre, wenn Seydlitz die preußische Kavallerie weiter hätte führen können.
So endet der letzte, große operative Einsatz des friderizianischen Kavallerieführers tragisch. Fast zwei Jahre fiel Seydlitz durch diese Verwundung aus. Die linke Hand konnte er nie mehr wie zuvor gebrauchen. Der König aber, der in der Schlacht mehrfach vergeblich den Tod gesucht hatte, konnte bereits am Morgen des nächsten Tages wieder 18.000 versprengte Preußen um sich scharen, und baute westlich der Oder zwischen Frankfurt und Küstrin, danach bei Fürstenwalde eine Sicherung auf. Die Russen aber stießen nicht nach, sondern rückten auf Grund von Unstimmigkeiten mit den Österreichern nach Polen ab. Soltikof hatte unmittelbar nach der Schlacht an seine Kaiserin geschrieben:
„Der König von Preußen pflegt seine Niederlagen
teuer zu verkaufen; noch einen solchen Sieg, und
ich werde die Nachricht davon, mit einem Stabe in
der Hand, allein zu überbringen haben.“
Es folgten die Jahre, in denen Seydlitz, teils aus gesundheitlichen Gründen, andererseits aber weil beide Kriegsparteien zu geschwächt waren, um größere Aktionen durchzuführen, nur noch an Operationen des ‚kleinen Krieges’, allerdings zumeist erfolgreich beteiligt war. In dieser Zeit erwuchs ihm in dem Generalmajor v. Kleist, dem sogenannten „grünen Kleist“, einem hervorragenden Führer von Freitruppen, der einzige ernsthafte Konkurrent in der preußischen Kavallerie.
Bei Freiberg/Sachsen 1762, der letzten Schlacht des Siebenjährigen Krieges, zeichnet sich v. Seydlitz noch einmal als operativer Führer von Kavallerie- und Infanterie-Verbänden aus. Die Schlacht wurde gewonnnen und am 27. November ein Waffenstillstand geschlossen. Nach dem anschließenden Frieden von Hubertusburg 1763 wird Seydlitz Generalinspekteur der Schlesischen Kavallerie in Ohlau, wobei zu bemerken ist, daß die Schlesische Kavallerie-Inspektion mit Abstand die größte und bedeutendste Preußens war. Seine Tätigkeit als Inspekteur zeitigt Ausbildungsergebnisse, die erfahrene Heerführer vor ihm für unmöglich gehalten hatten. Zahlreiche europäische Fürsten und hohe Kavallerieoffiziere gaben sich in Ohlau die Klinke in die Hand, um mit eigenen Augen zu sehen, welche Leistungshöhe die preußische Kavallerie unter Seydlitz erklommen hatte. 1767 befördert ihn der Alte Fritz zum General der Kavallerie.
Die zahlreichen Verwundungen, auf Grund seiner zeitweise exzessiven Lebensführung nie richtig ausgeheilt, führten zu seinem frühen Tod am 8. November 1773, erst 52 Jahre alt. Die militärische Trauerzeremonie fand in Ohlau statt. Friedrich d. Gr. bemerkte dazu:
„Seydlitz ist das edelste Los geworden, welches ein Soldat erreichen kann, er lebte unübertroffen, er stirbt, ohne ersetzt werden zu können.“
Zusammenfassend sei festgestellt: Seydlitz vereinigte die Fähigkeiten eines innovativen Ausbilders, eines soldatischen Erziehers und die des operativen Kavallerie-Führers in einer Person. Im 18. Jahrhundert wurde er auf Grund seiner militärischen Erfolge zu einer der bekanntesten Reiterführer Europas. Als entscheidend für seine Beurteilung muß jedoch das Gesamtlebenswerk angesehen werden. Schon in jungen Jahren führte er Ausbildungsmethoden ein, an die vor ihm niemand gedacht hatte. Er nahm bereits als Rittmeister Einfluß auf das preußische Kavallerie-Reglement, und im Felde hatte er nicht nur das richtige Gespür, besonders in brenzligen Situationen, sondern er faßte auch bis auf eine Ausnahme gegen Ende des Siebenjährigen Krieges, bei Teplitz in Böhmen, stets den richtigen Entschluß, den er dann brillant umzusetzen verstand. Friedrich der Große, immer kritisch und auch häufig sehr ungerecht, erkannte das durchaus an. Mindestens zweimal ließ er sich hinreißen festzustellen, daß Seydlitz (durch eine moderne operative Kriegsführung) „den preußischen Staat gerettet“ habe.