Von der Chambière nach Berlin – Zur Denkmalsgeschichte des „Adlers von Metz“

 Heiner Bröckermann M.A.

In der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift schrieb Ulrich Bekurdts über die Aufstellung des „Adlers von Metz“ in der Blücher-Kaserne in Berlin-Kladow. Der Vorbesitzer Enno Stephan berichtete bereits 2006 auf einer Veranstaltung des Fördervereins, wie ihm der Adler und ein Eisernes Kreuz aus Stein von der Pflegedienststelle West des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge in Frankreich überlassen worden waren. Nur zur Herkunft war ihm nichts Näheres bekannt als der Herkunftsort Metz. Ergänzend zu den Informationen im letzten Heft kann Dank der Hilfe des Volksbundes und der „Association pour la Découverte de la Fortification Messine“ noch einiges hinzugefügt werden.

Der Adler war ursprünglich Bestandteil eines deutschen Denkmals auf dem Metzer Garnisonsfriedhof der Friedhofsinsel Chambière. Schon vor dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 lag auf der Moselinsel ein Übungs- und Schießplatz und neben dem Friedhof der Stadt Metz sowie dem jüdischen Friedhof befand sich dort ein eigener Friedhof des Militärhospitals. Verstorbene Soldaten wurden jedoch in der Regel auf dem städtischen Friedhof beigesetzt. Die Lage der französischen Festung Metz wurde im August 1870 mit der Einschließung durch deutsche Truppen immer prekärer. Auf dem Übungsplatz der Chambière war bereits zuvor mit Baracken ein Hilfslazarett errichtet worden. Zahlen von über 20.000 Verwundeten und über 5.000 Toten lassen die großen Belastungen in der Zeit der Belagerung und danach erahnen. Der letzte Verwundete des Krieges verließ erst im Oktober 1871 die Festung.

Als Ergebnis des Friedens von Frankfurt vom 10. Mai 1871 wurde Metz eine deutsche Garnison. Noch vor Unterzeichnung des Friedensvertrages hatte sich die Stadtverwaltung von Metz entschlossen, auf dem Übungsplatz ein Denkmal zu Ehren der gefallenen und während der Belagerung verstorbenen französischen Soldaten zu errichten. Bereits am 7. September 1871 wurde dieses Denkmal eingeweiht. Es beherrschte mit einer Höhe von 12 Metern das Gelände. Ein Jahr später kam ein weiteres imposantes Denkmal zur Erinnerung an die toten französischen Offiziere hinzu. Die Denkmäler und das zur Unterstützung ihrer Pflege 1876 gegründete Metzer Damenkomitee „Dames des Metz“ erregten in der Folgezeit durch den in nationalen Farben Frankreichs gestalteten Grabschmuck den Unmut der deutschen Bevölkerungsteile und Behörden. Lange Zeit war die Schmückung mit französischen Fahnen sogar offiziell verboten. Eine deutschsprachige Friedhofsbroschüre aus der Zeit kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges lässt rückblickend noch viel von der feindlichen Stimmung zwischen den Nationalitäten erahnen: „Die wenig schöne Landessitte, die Gräber mit Kränzen und Kreuzen von oft aufdringlichen Dimensionen aus bunten Glasperlen zu schmücken, verführte immer wieder dazu, herausfordernd die Farben der Trikolore zu wählen. Wie anders wirkt auf den Deutschen ein einfacher Kranz aus Eichen-, Lorbeer- oder Tannengrün von lieber Hand unter Tränen gewunden, als diese Insektenfänger für teures Geld“.

Die deutsche Stadtverwaltung hatte bereits 1871/72 die provisorischen Gräber des Krieges erneuern lassen und schuf in der Folgezeit drei Massengräber in einer Größe von etwa 1500 Quadratmetern für 7.203 französische und etwa 200 deutsche Soldaten. Aus dem französischen Friedhof des Militärhospitals wurde 1872 der deutsche Garnisonsfriedhof. Die von den deutschen Verbänden recht planlos durchgeführten Bestattungen endeten erst, als der Pionierunteroffizier Schneider 1874 als Verwalter abkommandiert wurde. 1884 gab es dann eine erste Begräbnisordnung und die Dienstanweisung für Totengräber. Auf dem Garnisonsfriedhof fanden nun in den Folgejahren bis zum Ende des Ersten Weltkrieges deutsche Soldaten ihre letzte Ruhe. Die Chambière wurde nun vor allem als die „Friedhofsinsel“ bezeichnet.

Im Jahre 1887 wurde für die in den Massengräbern liegenden deutschen Soldaten ein Denkmal auf Kosten der Metzer Krieger- und Turnvereine errichtet. Es war also kein staatliches Monument, sondern ein Werk bürgerschaftlichen Engagements eines Teils der Metzer Einwohnerschaft. Es bestand aus Sandstein aus den Vogesen. Die Frontinschrift auf der Ostseite des deutschen Denkmals lautete: „Den hier ruhenden Deutschen Kriegern des Feldzuges 1870/71. Erlegen ihren in den vordersten Reihen der Kämpfe um Metz erhaltenen Wunden und den in der wiedergewonnenen Stadt ausgebrochenen Krankheiten weihte dieses Denkmal der Krieger-Verein und der Turn-Verein Metz". Am Sockel stand die Inschrift: „Errichtet im Jahr 1887“. Den Denkmalsblock zierten auf der Rückseite ein Eisernes Kreuz mit der Jahreszahl 1870 und auf beiden Seiten ein Eichenlaubkranz mit den Worten: „Gott war mit uns“ (links) bzw. „Gott sei die Ehre“ (rechts). Obenauf der heute als „Adler von Metz“ bekannte Metallguss der Zinkbronzemanufaktur H. Pohl & Co. aus Berlin.

Im Ersten Weltkrieg wurde der Garnisonsfriedhof mit erheblichem technischen Aufwand ausgebaut. Teilweise wurden auch die französischen Massengräber von 1870/71 mit russischen und französischen Toten neu belegt. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der Friedhof Chambière 1928 in den Mitteilungen des Volksbundes beschrieben. Demnach bestand die Anlage aus mehreren Teilen. Diese waren der alte Garnisonsfriedhof als „Ehrenfriedhof Metz“ mit der Abteilung der Gräber von 1870/71 und dem deutschen Militärfriedhof der Toten von 1914 –1918 sowie ein Friedhof der Alliierten und Gräber von in Kriegsgefangenschaft verstorbenen Russen, Belgiern und Italienern. Neben den Gräbern von 2053 namentlich bekannten deutschen Toten gab es zwei Sammelgräber mit 250 unbekannten deutschen Soldaten.

Deutsch-französische Vereinbarungen nach dem Zweiten Weltkrieg betrafen zunächst nur Gräber der Jahre 1939 bis 1945 – so das Abkommen vom 23. Oktober 1954. Die Fortsetzung war das Abkommen vom 19. Juli 1966, in dem zum ersten Mal die Gräber und Denkmäler beider Weltkriege und des Deutsch-Französischen Krieges berücksichtigt wurden und die Besitzansprüche und Verantwortlichkeiten der zuständigen Organisationen grundsätzlich geregelt wurden. Seit Mitte der Sechzigerjahre wurde der Friedhof Chambière von französischer Seite allmählich neu gestaltet. Ursache dafür war unter anderem die Verlegung von Gräbern aus der Umgebung auf den ehemaligen Garnisonsfriedhof aufgrund von Straßenbauarbeiten. In den Siebzigerjahren kamen weitere Umbettungen aus der Umgebung hinzu – dieses Mal aufgrund des Ausbaus des Industriegebiets Borny. Dabei wurde auch ein teilweiser neu ordnender, nationaler Ansatz gewählt. Besonders der deutsche Garnisonsfriedhof der Friedenszeit war davon betroffen. Im Jubiläumsjahr 1970 sollte es zu weitreichenden Änderungen kommen. Das vor Ort vertretene Ministère des Anciens Combattants et Victimes de Guerre (MACVG) wollte kein deutsches Denkmal auf dem französischen Teil des Friedhofs dulden und schlug dem Volksbund vor, das Denkmal auf den deutschen Teil des Friedhofs umzusetzen. Da dies jedoch für das deutsche Gräberfeld eine „wesentliche Veränderung“ bedeutet hätte, entschied die Gruppe Bauwesen des Volksbundes schließlich, das Denkmal unter Sicherung wertvoller Elemente ersatzlos abzureißen.  Die Gräber bzw. die Grabplatten von drei deutschen Militärgouverneuren (von Schmidt, von Schwerin und von Hagenow) und des Generals Max von Mayer sind im Gegensatz dazu auf der Chambière erhalten geblieben. Im Zuge der Neugestaltung kam es so am 5. Oktober 1970 zum Abriss des deutschen Denkmals auf dem Friedhof Chambière. Die französische Seite hatte zuvor noch auf den eigentlich schon für April vorgesehenen Abriss gedrängt, da der Denkmalsplatz für neue Flaggenmasten vorgesehen war und im nahen November standen schließlich die jährlichen Gedenkfeiern an. Ein Foto des vom Denkmal genommenen „Adlers von Metz“ ist von dieser Aktion erhalten geblieben. Der Adler, die Inschriftenplatte und das Eiserne Kreuz aus Sandstein mit der Jahreszahl 1870 wurden schließlich in der Pflegedienststelle West des Volksbundes in Maisons-Laffitte bei Paris eingelagert. Der weitere Weg ist – bis auf den Verbleib der Inschriftenplatte – bekannt.

Das heutige Berliner Denkmal mit dem „Adler von Metz“ zieht eine Verbindungslinie zur jüdischen Jom-Kippur-Feier vom 27.Oktober 1870 in der Form eines Feldgottesdienstes. Die damalige Feier vor Metz fand mit ihrer Symbolik im Kaiserreich einige Beachtung, wie ein Zitat aus der „Geschichte der deutschen Juden, ein Hausbuch für die jüdische Familie“ von Adolph Kohut aus dem Jahre 1899 belegt: „Auf dem Schlachtfeld wurde diese heilige Allianz des Judentums und Deutschtums mit dem Blute all der tapferen Helden, welche für König und Vaterland von beiden Seiten fielen, besiegelt. [...] Am bezeichnendsten illustriert den gründlichen Umschwung der Lage der am Versöhnungstage von 1870 im Lager zu Metz stattgehabte weihevolle Feldgottesdienst“. Die Feier fand jedoch nicht direkt am Ort des späteren deutschen Denkmals statt. Der war damals noch nicht in deutscher Hand bzw. durch die Zustände als Lazarett und Platz von Massengräbern vor Ort ohnehin nicht für eine solche Feier geeignet gewesen – die Festung Metz kapitulierte erst am 27. Oktober. Die religiöse Feier deutscher jüdischer Soldaten ist jedoch in der Nähe von Metz verbürgt. Hierzu gibt es auch zeitgenössisches Bildmaterial und ein jüdisches Gedenktuch von 1898. Insgesamt kämpften damals auf deutscher Seite mehr als 14.000 Soldaten jüdischen Glaubens. Heute dient der „Adler von Metz“ vor dem Dr.-Julius-Schoeps-Haus in der Berliner Blücher-Kaserne als ein Symbol der Versöhnung und des vorurteilsfreien Miteinanders. Dies zeigte auch die Einweihungsfeier am 21. Juli 2007 im Anschluß an einen mehrtägigen Workshop für „Kulturelle und religiöse Vielfalt in deutschen Streitkräften“. Alles in allem ist der im doppelten Sinne weite Weg des „Adlers von Metz“ von der Hauptstadt der Region Lothringen nach Berlin sowie aus den Zeiten der deutsch-französischen „Erbfeindschaft“ zur heutigen „Erbfreundschaft“ und dem Streben nach einem friedlichen Zusammenleben von Völkern und Religionen sicher ein schönes Beispiel für ein gelungenes „Denkmal-Recycling“.