Hoch über Sumpf und Sand
Über `Sumpf und Sand` und über ´dunkle Kiefernwälder´ steigt der rote Adler, das Wappentier der Mark, von Anbeginn seiner Historie über Brandenburg hoch“, schreibt Werner Bader 1991 in seinem Buch „Steige hoch, du roter Adler – Welthits aus Märkischem Sand“ (Siehe Literaturtipp und Nebenbeitrag).
110 Jahre zuvor, am 28. Februar 1881, bekräftigt ein Erlaß des Preußischen Staatsministeriums nochmals die offizielle – heraldisch richtig nach Rechts (in der Aufsicht nach Links) schauende - „Visitenkarte“ der damaligen Provinz Brandenburg: „Im silbernen Felde der rote brandenburgische Adler mit roter Zunge, goldbewehrt, in der rechten Klaue ein goldenes Zepter, in der linken ein silbernes, goldbegrifftes Schwert haltend, mit dem Kurhut gekrönt, mit goldenen Kleestengeln in den Flügeln, auf der Brust mit einem blauen Herzschild belegt, darin das aufgerichtete goldene Zepter des Reichserbkämmerers“.
Jedoch: Warum kommt heute das offizielle Hoheitszeichen des Bundeslandes Brandenburg viel schlichter als noch anno 1881 einher? Wie und wann wanderte der Rote Adler eigentlich in die Mark ein?
Wappenvogel der Askanier
Seit über 800 Jahren breitet der Rote Adler seine Schwingen über Brandenburg
Der Adler als König der Lüfte regiert in der deutschen und europäischen Wappenkunde (Heraldik) gleich nach dem König der Tiere, dem Löwen. Was Wunder, symbolisiert der Aar doch Kraft, Stärke, Kampf, Sieg, ja Unbesiegbarkeit.
Unter ihrem Feldzeichen, dem Adler Jupiters, eroberten einst die Legionen Roms weite Teile Germaniens. Dort aber fauchte „Chef“-Gott Wodan oder Odin in auch Adlergestalt durch die Lüfte. Als Erbe der zuletzt christlichen Cäsaren und erster „Römisch-(Deutscher)-Kaiser“ schmückte Karl der Große (um 742 - 814) den Dachfirst seiner Lieblingspfalz Aachen mit einem Adler. Tausend Jahre lang, bis 1806, symbolisierte danach der Schwarze Reichsadler das Deutsche König- und Römisch-Deutsche Kaisertum. Er lebte und lebt auch danach, ab 1871, 1919 und 1949, in den Staats-Adlern des Zweiten Kaiserreiches, der Weimarer Republik und im Bundesadler weiter.
Der Rote Adler Brandenburgs hingegen wanderte wohl bereits mit dem ersten Markgrafen Brandenburgs, Albrecht den Bären (um 1100 - 1170), ein. Der Haudegen war bekanntlich ein Askanier oder Anhaltiner. Jenes nach seiner Stammburg „Askania“ benannte Adelshaus wurzelt im Harzvorland um Ballenstedt und Aschersleben und regierte von 1157 bis 1319 als vom König/Kaiser belehnte Reichsfürsten die Mark Brandenburg. Bzw., später in zahlreiche Linien aufgesplittert, bis 1918 einige anhaltinische Stäätchen wie Dessau oder Zerbst.
Wahrscheinlich zierte der Aar am „Geburtstag“ Brandenburgs, am 11. Juni 1157, schon einige Zeit das Familienwappen der Askanier. Warum sein Federkleid (später?) rot und nicht (mehr?) schwarz eingefärbt war/wurde, läßt sich nur vermuten. Werner Bader (Siehe oben) favorisiert die These, die Markgrafen, die ja reichsrechtlich abhängige Staats-„Beamte“ waren, wollten dank Federfarbwechsel nicht ständig an die kaiserlich-königliche Oberhoheit erinnert werden.
Sei es wie es sei: historisch nachgewiesen, d.h. auf einem Siegel bildlich erhalten, ist der märkische Adler erstmals als (farblich nicht zuordenbare) Schildes-Zier des zweiten Brandenburger Markgrafen Otto I. (um 1123 - 1184). Ein gutes Jahrhundert später, jetzt aber eindeutig in Rot auf Pergament getuscht, taucht Brandenburgs Adler in der großen mittelhochdeutschen Minnelied-Sammlung des Hohen Mittelalters, in der berühmten Heidelberger oder Manessischen Handschrift vom Anfang des 14. Jahrhunderts, auf. Eine ihrer 137 ganzseitigen Illustrationen zeigt den Markgrafen Otto IV. von Brandenburg, genannt „der mit dem Pfeil“, aus der johanneischen Linie der Askanier (um 1238 - 1308). Von ihm sind im Codex Manesse sieben Lieder der „Hohen Minne“ überliefert. Gezeigt wird Otto als kulturvoller Fürst, als Schachspieler mit seiner Gattin Heilwig von Holstein, der, wie weiland der „Alte Fritz“, wohl auch die Musik liebte. Über der idyllischen (Familien)Szene aber schwebt der Rote Aar des Hauses Askanien-Brandenburg.
Bald nach Otto IV. starb mit seinem Neffen Markgraf Woldemar (um 1280 - 1319) die Brandenburger Linie des Hauses Askanien aus. (Zunächst noch) Landesfremde Landesherrn aus Bayern (Haus Wittelsbach), Böhmen (die Luxemburger) und Franken (Haus Hohenzollern) regierten hernach mehr oder minder lang und erfolgreich die Mark. Der Rote Askanische Aar aber hatte längst als Landeswappen so fest gehorstet, daß die neuen Familien ihn ohne viel Federlesens als ihr märkisches Hoheitssymbol übernahmen.
Nach dem Ende des Hauses Askanien in der Mark behielt der edle Vogel nicht mehr lange seine schlichte Gestalt. Die „Goldene Bulle“ von 1356, mit der Kaiser Karl IV. (1316 - 78) die Pflichten und Rechte der sieben Kurfürsten festschreiben ließ, schmückte ihm nach und nach mit einigem zusätzlichen Zierrat die Federn und Klauen. Denn der Herr Markgraf von Brandenburg war als des Reiches Erzkämmerer solch ein den König/Kaiser wählender und mitkrönender Kurfürst. Seinem Roten Adler wurde nun zunächst ein Zepter (gemeinsam mit dem Schlüssel das Symbol des Erzkämmerers) und ein Kurschwert in die Fänge gegeben. Ab 1519 erhielt er mit dem karmesinrot-samtenen Kurhut überm Haupt und einem weiteren kleinen güldenen Zepter im blauen Herzschild für gut 400 Jahre seine gültige Gestalt.
Alt-Brandenburg-Preußen mußte im Zweiten Weltkrieg zusammenbrechen und das Land Brandenburg (statt der Provinz) am 21. Juli 1947 gebildet werden, bis der Rote Adler für einige Jahrzehnte als Landeswappen, nicht aber als märkisches Städtewappen, in den Ruhestand geschickt wurde. In dieser Zeit, d.h. bis zur Bezirksbildung 1952, bestimmte eine Eiche im Glanz der aufgehenden Sonne das Hoheitszeichen Brandenburgs.
Die Wende und die Länderneubildung in der untergehenden DDR reaktivierten 1990/91 das Familienwappen des ersten Brandenburger Markgrafenhauses der Askanier. Nicht daß, sondern wie der Rote Adler wiederauferstehen sollte, war damals die Frage und wurde längere Zeit heftig und kontrovers diskutiert. Schließlich rauften sich die Abgeordneten zusammen und verabschiedeten am 30. Januar 1991 in der neuen/alten Landeshauptstadt Potsdam das „Hoheitszeichen-Gesetz“. Es sah den bewussten Verzicht auf allen zusätzlichen Zierrat seit der „Goldenen Bulle“ von 1356 vor. Seither steigt er, schlicht wie vor 850 Jahren, wieder brandenburgweit „hoch über Sumpf und Sand“: unser alter Roter Adler.
Wie gesagt ... seit dem Hohen Mittelalter zierte und ziert noch heute der Rote Adler zudem manch märkisches Stadt- und Kreiswappen, etwa das der Landeshauptstadt Potsdam oder (gemeinsam mit dem Hahn) das von Frankfurt (Oder) oder das des MOL-Kreises. Ohne die 1807/15 verloren gegangene Altmark mit ihren sehr alten Adler-geschmückten märkischen Städten wie Stendal hielten bis 1945 über 40 Kommunen den edlen Roten Vogel, allein in voller Schönheit und Größe oder in Gesellschaft mit anderen Symbolen, im Schild. Ja selbst in der seither polnischen Altbrandenburger Neumark verleugnen Städte wie Gorzow (Landsberg a.d. Warthe) nicht ihre Geschichte.
Wobei der Rote Kur- an manchen Rathäusern, etwa an dem von Berlin-Wannsee, die traute Eintracht mit dem Schwarzen Preußen-Adler pflegt. Jener aber ist genau genommen der Schwarze Reichsadler (Siehe oben), da anno 1226 vom Kaiser Friedrich II. Roger (1194 - 1250) in der „Goldbulle von Rimini“ dem, die heidnischen Pruzzen mit „Taufe oder Tod“ bekehrenden, „Deutschen (Kreuz)Ritterorden“ verliehen.
Märker-Hymne und Tirol
„Märkische Heide, Märkischer Sand …“ Brandenburgs edler Wappenvogel ist wahrscheinlich weit über 800 Jahre alt. Unsere „Brandenburg-Adler-Hymne“, die ihn über dunkle Kiefernwälder sowie Sumpf und Sand hoch steigen und hoch leben läßt, erst knapp über 80.
Gustav Büchsenschütz, der am 7. April 1902 im damals noch brandenburgischen Zehlendorf geborene Sohn eines Preußischen Gendarmen und passionierte Wandervogel, hat sie am 10. Mai 1923 in der Jugendherberge „Wolfslake“ bei Vehlefanz, heute Kreis Oberhavel, gereimt und gedichtet. Er landete damit den Volltreffer seines Lebens. Denn alsbald hob der Rote Adler seine Schwingen und flog gleichsam in die Welt. Ja, selbst in den Vereinigten Staaten, Japan, Brasilien und Chile wurde der Hit gespielt. Filmkomponisten verwendeten das Lied für ihre Arrangements.
Vor allem aber in Tirol, das seit Ende des Ersten Weltkrieges in Nord- (weiterhin Österreich) und Südtirol (Italien) geteilt ist, wird der Rote Adler intoniert: mit Gustav´s originaler Melodie, aber mit einem variierten, den landschaftlichen Besonderheiten dieses Alpenurlaub-Ländchens angepassten, Text. Das aber hört sich so an:
„Riesige Berge, steile Felsenwand,
Sind Tirolers Freude,
Sind sein Heimatland.
Steige hoch, du roter Adler,
Hoch über Fels und Wand,
Hoch über firnenweiße Berge,
Heil dir, mein (Süd)Tiroler Land.“
Denn sowohl die Markgrafschaft und das Kurfürstentum Brandenburg als auch die Grafschaft Tirol hegen und pflegen seit den Zeiten des Römisch-Deutschen Kaiserreiches dasselbe heraldische Wahrzeichen und Wappen-Getier als Landessymbol: den Roten Adler.
Literatur-Tipp:
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1) Werner Bader: Steige hoch, du roter Adler – Welthits aus Märkischem Sand,
Westkreuz-Verlag Berlin/Bonn, 1991,
ISBN 3-922-131-64-6
2) Hermann Heckmann (Hrsg.): Brandenburg – Historische Landeskunde
Mitteldeutschlands, Kapitel: Das Landeswappen,
Weidlich-Verlag, Würzburg 1991,
ISBN 3-8035-1341-3
3) Heinz Machatscheck: Unterhaltsame Wappenkunde,
Verlag Neues Leben, Berlin 1981