competentia - traditio - spectaculum

Von Prof. Dr. Jürgen Kloosterhuis

Zur Buchvorstellung von Volker Schobeß: Die Langen Kerls von Potsdam. Die Geschichte des Leibregiments Friedrich Wilhelms I. 1713 - 1740, Berlin 2007, am 26. September 2007




"Allgegenwärtiger! Du siehst es mit Wohlgefallen, wenn wir auf Deine Wege merken und dadurch an Erkenntnis und Lebensweisheit zunehmen. Lass auch diese Stunde dazu beitragen, daß unser Verstand erleuchtet und unser Herz erwärmt, gebessert und Dir ergebener werde. Das thue Du nach Deiner Güte. Amen.
Meine theuersten Freunde!
Es ist ungemein lehrreich, auf diejenigen Werke und Einrichtungen in der Welt zu achten, welche eine lange Reihe von Jahren hindurch nicht sowohl durch Zufall und Glück, als vielmehr durch Fleiß und Sorgfalt bestanden, und großen Einfluß in die Schicksale vieler Menschen hatten. Es erhebt schon überhaupt das menschliche Herz, wenn man die durch mehrere Zeitalter verbundene Menschheit gleichsam vor sich sieht, wie sie das Unbedeutende wichtig macht, das Ungebildete in Ordnung umschafft, das Mittelmäßige zur Vortrefflichkeit bringt. Aber es erregt auch eine edle Begierde der Nacheiferung, wenn man wahrnimmt, wie viel der Mensch durch eigene Thätigkeit und anhaltendes Streben nach einem Ziele vermag.
Zu dieser lehrreichen Betrachtung ist nicht leicht eine Geschichte so brauchbar, als die Geschichte der preußischen Armee, denn wenige durch menschliche Kraft und Kunst entstandene Anstalten sind so schnell aus dem Nichts zu etwas Vollendetem gestiegen, als die preußischen Regimenter. Aber auch kein Heer hat in einem einzigen Jahrhundert so an Zahl und Werth zugenommen und solche merkwürdigen Taten verrichtet, als das unsrige.
[...]
O, meine Freunde! Es ist ein feierlicher Augenblick, in dem ich mich vor euch befinde, indem ich euch an den Geist und die Thaten eurer Vorgänger erinnern soll, um in eurem Herzen Empfindungen des Dankes und neue gute Vorsätze zu erregen. Es wird mir wahrlich schwer, unter den mannigfaltigen Vorstellungen und Gedanken, welche sich mir bei dieser Gelegenheit aufdringen, die beste Auswahl zu treffen. Um indessen sowohl das Hauptsächlichste als auch das Zweckmäßigste für diesen Ort und für diese Veranlassung zu berühren, wird es der natürlichste Gang unseres Nachdenkens seyn, daß wir
zuerst aus dem, was geschehen ist, bemerken, durch welche Mittel und Wege dieses Regiment ein ganzes Jahrhundert hindurch mit Ruhm bestand, und
zweitens erwägen, welche Lehre, Pflicht und Ermunterung aus der langen rühmlichen Dauer dieser Gemeine für euch ergehet, die ihr jetzt Mitglieder derselben seid."
Also sprach Wilhelm Gabriel Wegener, Feldprediger des wohllöblichen Regiments Gens d'armes, zur Erinnerung an das hundertjährige Bestehen desselben am 17. Mai 1792, in wohlgesetzten Worten zu seiner Gemeinde, so aus Reitern, Unter- und Oberoffizieren, deren mehr oder weniger ehelich anvertrauten Weibern und ihren zahlreichen Kinderlein bestand. Hochwürden Wegener ließ seine Predigt alsbald zu Berlin bei Johann Georg Langhoff drucken, so daß sie heute einem Geheimen Staatsarchivarius zum Exordium eines Vortrags taugt - dem nämlichen, der hier zu Ihnen spricht. Fürwahr, mit Recht stehen des wackeren Mannes Worte auch uns zu Gebote, um eines preußischen Regiments zu gedenken, auch wenn dessen Söhne keineswegs zu Pferde ihr Martishandwerk betrieben, sondern auf Schusters Rappen, zu Fuß.
Denn, um für heute und zur Erbauung des hochverehrten Publikums in Wegeners Ton einmal fortzufahren, Freunde! glaubt nicht dem wohlfeilen Spotte berittener Krieger, demzufolge die Infanterie nur merkwürdig sei, da sie nicht reite, noch fahre, und doch von unserm himmlischen Vater beweget würde. Nein, laßt uns lieber der Erkenntnis des soldatischen Liedes vertrauen, das die tapfre Infanterie als Königin der Waffen besingt. Doch am hellsten strahlt unter dieser der Stern, den das Regiment im Wappen führte, dessen wir in dieser Runde gedenken: Friderici Wilhelmi Königs in Preußen Regiment Grenadiers, des sechsten in der Zählung der Stammliste der preußischen Armee. Über alles geliebt von ihrem Monarchen und gedrillt bis ins kleinste von ihren Korporalen, wurden sie seinerzeit, anno 1713 sequentes, Palasttruppe und Kampfgarde, Vorbild und Experimentiertruppe für die ganze Armee, Ausdruck fürstlicher Extravaganz und hochbrisanter Schlagkraft in einem, bezeichnend für Preußen und preußisch bezeichnet zugleich.
Billig rühmten sich, wie wir vernahmen, die Gens d'armes ihrer Stiftung anno 1691/92. Wir notieren mit Sorgfalt solch seltenes Indiz preußischer Regimentsmemoria, ein frühes Zeichen gefestigter Truppenidentität, verweisen aber auch mit bescheidenem Stolze darauf, daß unsere Nr. 6 schon 16 Jahre früher ins Leben trat und alsbald dem Wahlspruch "semper talis" folgte. Freilich gab es in Preußen noch weit ältere Regimenter zu Fuß wie etwa die Nr. 14, deren Wurzeln bis zum Jahres des Heils, besser Unheils, 1626 reichten. Ihre Devise hieß "Lebe beständigk", was in lingua Latina, wie wir bemerken, auf nichts anderes als das "semper talis" hinausläuft und uns insoweit eher eine allgemein moralische denn spezielle militärische Maxime zu sein dünkt. Doch in welcher Sprache und wie auch immer: auf solche Basis stützte sich die Tradition derer, die den Anspruch erhoben, zu den immer so Beschaffenen zu zählen: Tapfer und treu, wie die Tanne, die ihre Farbe nicht wechselt, auch wenn im Winter der Schnee auf den Zweigen lastet. Solche Beschwernis hatte nun freilich auch die Tradition unseres Regiments Grenadiers oft genug auszuhalten: 1806 und 1918 horribile dictu - um des nachfolgenden Mißbrauchs in den braunen Jahren ganz zu geschweigen. Dennoch scheint es und freut uns, daß der alte Ruhm darüber nicht völlig verdarb, wenn wir lernen, wie ein Truppenteil der heute bewaffneten Macht des Vaterlandes mit einem Gardegrenadier aus Friedrich Wilhelms des I. Zeiten im Briefkopf zur Feier seines 50jährigen Bestehens den Gruß entbietet. Traun, das Wachtbataillon beim BMVg schämt sich jenseits der gar engen Grenzen amtlich verordneter Traditionspotentiale der Erinnerung an Preußens "lange Kerle" nicht; wir grüßen es auch darum mit Achtung.
Ja, ihr Lieben! Insbesondere, wenn ihr 6 Fuß und mehr meßt, wie des Herrn Majors von Leyer tapfere Tannen-Mannen: Der Mythos vom "langen Kerl" lebt noch heute in seinen zwei Teilen, der männlichen Größe und Schönheit, fest gegründet in der Heiligen Schrift. Denn so lesen wir es im Buch der Richter im 8. Kapitel am 18.: die Männer zu Thabor "waren wie Du, [Gideon,] und ein jeglicher schön, wie eines Königs Kinder." Und weiter heißt es im 4. Buch Mosis, im XIII. Kapitel am 27. vom gelobten Land, daß dorten "Milch und Honig innen fleußt, [...] und alles Volk, das wir darinnen sahen, sind Leute von großer Länge." Anscheinend sind solche biblischen Bilder in unserer Heimat - in Potsdam, um Potsdam und um Potsdam herum - längst brandenburg-preußische Folklore geworden, verewigt in Geschichte und Geschichtchen, Prosa und Poesie, Bildern und Würstchendosen. Unsere "langen Kerls" sind auf märkischer Heide und märkischem Sand positiv populär geblieben - denn schlechterdings nur so ist's zu begreifen, daß jene bilderreiche Schau, die just vor zwei Jahren im Schlosse zu Königs Wusterhausen die Großen Grenadiere vor die Spiegel von Muster, Mythos oder Maskerade stellte, schier 14.000 Spectatoren den langen Marsch nach KW wert war.
In der Tat erkennen wir so und ganz nach der Methode von Hochwürden Wegener, weiland Feldprediger im wohllöblichen Regiment Gens d'armes, diese drei Mittel und Wege, durch die unser Regiment Grenadiers Nr. 6 durch die Jahrhunderte mit Ruhm bestand:
‑ die in Kriegs- und Friedenszeiten außerordentliche militärische Kompetenz,
‑ die über alle Umbrüche hinweg singulär gepflegte Semper talis-Tradition, und
‑ das zeitlose Größen-Spektakel, den sich das Volk folkloristisch zu eigen machte.
Competentia - traditio - spectaculum. Fürwahr, aus diesen drei Elementen sehen wir nun auch den Stoff beschaffen, aus dem das Buch geknetet wurde, zu dessen Taufe wir hier und heut ein bescheidenes Scherflein besteuern dürfen:
Die Langen Kerls von Potsdam. Die Geschichte des Leibregiments Friedrich Wilhelms I., 1713 - 1740, von Volker Schobeß, Berlin, im trafo-Verlag Dr. Weist.
Traun, der Autor ist wohlbekannt. Er ist in Archiven und Bibliotheken zu finden, in den Hör- und Vortragssälen, auf den Exerzier- und Schlachtfeldern der Re-enactmenttruppen - eben dort, wo sich die Gardisten bei den Salven manches Mal "ohnfehlbar durch Plackern [...] wohl auszeichnen", was sogar ihr hoher Chef, der König, mit Humor nahm. Ebenso wenig scheut Schobeß die noch immer dräuenden Gefahren, heutigen Tages in rebus militaribus borussicis affirmativ zu publizieren - denn warum auch immer, er liebt sein Sujet. Das macht den Erfolg seines Schrifttums aus, von dem hier nur auf das frühere Buch über die "Leibgarde Friedrichs des Großen" verwiesen sei. Mit heimlicher Freude vermerken wir, daß es diese Arbeit über die Nr. 15 des Alten Fritz auf 200 Seiten brachte, während die Geschichte der Nr. 6 des Soldatenkönigs 270 Seiten brauchte. Recht so, das scheint uns angemessen. Es bedarf fürwahr so viel an Raum, um die differenzierten Ursprünge des Grenadierregiments, seiner Bataillone und Unrangierten zu klären; um die soziologischen Bedingungen des Soldatenlebens in Potsdam für Mann und Offizier zu analysieren, und dabei die Fragen nach langläufigen Schießgewehren und nicht minder langbemessenen Betten nicht zu vergessen. Mit Staunen vernehmen wir, eingedenk unserer eigenen kargen Besoldung, die Usancen der Werbung, bei der die Taler sprangen, als ob's Kreuzerlein gewesen wären. Mit Schaudern müssen wir lesen, wie hart im 18. Jahrhundert allüberall in Europia die Soldatenstrafen ausfielen, insonderheit bei denen üblen Desertionen. O Freunde, in Zivil oder Uniform, seid auch ihr im Betrachten solch schlimmer Exempla stets eingedenk der Potsdamer Mahnung: "Üb immer Treu und Redlichkeit" - und helft fleißig mit, daß der dazugehörige Turm bald wieder das Stadtbild ziere. Doch davon unten noch mehr!
All dieses Waffengewerk und -geklirr beschreibt unser Schobeß mit ebenso leichter wie kundiger Hand. Weit entfernt davon, sich bei seinen Schilderungen auf den trockenen Duktus purer Quelleneditionen zu beschränken, wie wir's von manchen aktenvernarrten Scriptoren unserer Tage gelegentlich auf aber- und aberhundert Seiten erdulden müssen, versteht es der itzt zu belobende Autor, seine Grenadier-Geschichte mit dem bunten Kranz jener Anekdoten zu garnieren, die das Publikum nun einmal hören möchte, wenn von "langen Kerls" die Rede ist. Denn Schobeß weiß mit Ludwig Börne (jenem Freigeist, den wir hier nur ungern zitieren), daß solche Anekdoten die Henkel großer Sachen sind, an denen sie der Hausverstand fassen kann. Also frisch drauf los fabuliert: Si non e vero, e bene trovato. So gleichen im Buch die Histörchen jenen vielen bunten Illustrationen, die es dank der Kulanz des Verlegers schmücken. Wir betrachten sie mit Lust, auch wenn wir ihren Farben manchmal mißtrauen. Sei's drum: Texte, Bilder und am Ende gar Kintopp-Musik lassen einen populären Stoff so lebendig werden, wie wir es vom Propheten im Buch Ezechiel im 37. Kapitel am 10. vernehmen, als der durch ein Feld verdorrter Gebeine schritt: "Da kam Odem in sie und sie wurden wieder lebendig, und sie richteten sich auf ihre Füße und ihrer war ein sehr großes Heer". Schon um dessentwillen wünschen wir dem hübschen Buch von Herzen so viele Käufer, wie die Königs Wusterhausener Ausstellung Besucherinnen und Besucher hatte. Siehe, es waren 14 Tausend, mehr oder weniger.
Ein letztes wollen wir nun mit Hochwürden Wegener, weiland Feldprediger im wohllöblichen Regiment Gens d'armes, erwägen, nämlich "welche Lehre, Pflicht und Ermunterung" aus der Lektüre des Buches von Volker Schobeß von Leserinnen und Lesern womöglich zu ziehen sind. Aus dieser Regimentsgeschichte, denn zu eben jener Gattung militärhistorischer Literatur ist seine Arbeit füglich zu zählen, folgt, wie wir meinen, einmal mehr der Aufruf zum reflektierten Umgang mit preußischer Militär-Tradition. Auch mit Blick auf das mancherorts noch immer vielfach verkannte, ja sogar geschmähte Potsdamer Leibregiment gilt es mit Spinoza (schon wieder ein Freigeist, den wir, natürlich ungern, zitieren), die menschlichen Handlungen weder zu verlachen, noch zu beweinen, und schon gar nicht zu verfluchen, sondern sie zu verstehen. So werden für uns in Wegeners Sinn die "langen Kerls" zu einem Gleichnis, wie im preußischen Militaire in kurzer Zeit "das Ungebildete in Ordnung" umgeschaffen wurde, "das Mittelmäßige zur Vortrefflichkeit" gelangte und "aus dem Nichts zu etwas Vollendetem" aufstieg. Doch, Freunde, lief die Kehrseite dieser Medaille nicht auf eine verhängnisvoll fortwirkende Militarisierung der preußischen Sozialstrukturen hinaus? Wir meinen, wie Schobeß, allemal: Nein! Vielmehr auf die Sozialisierung des Militärs in einer ständisch geprägten Gesellschaft des ancien règime, in einem Prozeß, der die Zähmung der Bellona bezweckte.
Darüber hinaus bildete es nach dem Willen des Schöpfers, Friedrich Wilhelms I., die Essenz dieser Entwicklung, daß sie nicht für sich absolut, sondern, sei's Frieden oder Krieg, an die göttlichen Gebote gebunden war. Ja, auch im soldatischen Rahmen standen Männer wie unser wackerer Wegener, weiland Feldprediger im wohllöblichen Regiment Gens d'armes, in persona für solchen christlich fundierten Connex, der hierzulande übrigens auch mit einer staatlichen Toleranzpolitik korrespondierte, die nicht jedem braven Gottesmann immer ganz geheuer war. Wie deutlich wird uns dieser über Gut und Böse entscheidende Zusammenhang, wenn wir bedenken, daß das letzte Aufgebot, das ein Hitler nach dem Aufstand des Gewissens am 20. Juli 1944 noch kurz vor der deutschen totalen Niederlage zusammenzuraffen und ausgerechnet mit dem Gattungsnamen unserer "langen Kerls" zu begaben befahl, daß diese "Volks-Grenadierdivisionen" nach dem Willen ihres beelzebübischen Führers keine Militärgeistlichen mehr zugeteilt bekamen. Wie anders gehörten für den Soldatenkönig seine lieben blauen Kinder und die Garnisonkirche, und wiederum diese mit den anderen Gotteshäusern in Potsdam genuin zusammen! Potz tausend, möchten sie drum mitsamt dem Stadtschloß, jener Wiege des brandenburg-preußischen Toleranzedikts, durch braven Bürgersinn im alten Glanz in dieser guten Stadt neu errichtet werden. Denn in solchen gläubig wehrhaft bewährten Strukturen war das Regiment Grenadiers Nr. 6 - pars pro toto für das preußisch-deutsche Militär - lange vor Mißbrauch gefeit; eben deswegen ist seine Tradition aller erinnernden, und wenn's dem hochverehrten Publikum beliebt, auch bekennenden Pflege wert. Volker Schobeß' Buch im trafo-Verlag trägt dazu bei. Möge es also seine 14.000 Käufer finden, die am Ende, mehr oder weniger, mit uns rufen:
Es lebe der König in Preußen und seine braven Grenadiers!

 

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